Ein Interview mit John Lydon

Ein Interview mit John Lydon  

John Lydon

tip Mr. Lydon, Sie haben mit PiL Ihre erste neue Platte seit 17 Jahren veröffentlicht, spielen außerdem eine kleine Rolle in dem Arthouse-Kinofilm "Sons of Norway". Woher kommt plötzlich diese Produktivität?
John Lydon Ich war immer produktiv, jeden Tag, ich kann gar nicht anders. Ich schreibe, ich male. Dass ich fast zwanzig Jahre keine neue Musik veröffentlicht habe, hatte andere Gründe. Ich war lahmgelegt durch einen schweren Streit mit meiner Plattenfirma. Ich konnte mir auch keinen Rechtsanwalt leisten, also habe ich das Wartespiel gespielt. Am Ende habe ich fast zwei Dekaden lang gewartet, bis bestehende Verträge ausgelaufen waren. Es ist lächerlich, nicht? Dabei ist Musik meine Berufung.

tip Ihr neues Album "This is PiL" haben Sie jetzt komplett auf eigene Faust realisiert.
John Lydon Wir haben es fast ohne Budget eingespielt, aber ich glaube, wir haben Wunderbares geschafft. Das Album ist, denke ich, erhebend und verbreitet eine positive Botschaft für die Zukunft. Wissen Sie, ich mag die menschliche Spezies, und ich fühle mich sehr wohl, dazuzugehören. Ich mache Musik, um meine Erfahrungen als menschliches Wesen mit anderen zu teilen. Es ist doch toll, dass wir zusammensitzen können und uns über verschiedene Ideologien austauschen können, ohne dabei kriegerisch zu werden, bei Negation zu landen oder Separation. Es geht darum, Einheit zu predigen. Und zwar ohne Religion. Das Album spiegelt meine Erfahrungen wider. Dazu reflektiere ich meine Kindheit, meine Zeit als Teenager und als Erwachsener.

tip Sie sind in einer religiösen Familie aufgewachsen.
John Lydon Stimmt, in einer sehr katholischen Familie. Das war so, bis Schwerwiegendes vorfiel, als wir noch klein waren. Damals merkten meine Eltern, dass die katholische Kirche keine Anzeichen machte, uns zu unterstützen.

John Lydontip Kommt daher Ihre Skepsis gegenüber Religion?
John Lydon Auch durch die Priester, die versuchten, sich die Nähe zu jungen Leuten zu verschaffen. Ich habe das damals mit den anderen Kindern in unserem Viertel besprochen. Die Älteren warnten uns. Wir haben dann instinktiv gelernt, dieser Institution zu begegnen; und zwar indem wir lernten, nicht zu singen. Oder nicht richtig. Denn wenn du singen konntest, kamst du in den Chor. Warst du im Chor, hatte der Priester Zugriff auf dich.

tip Eine überraschende Theorie zu der Art, wie Sie Ihren Gesangsstil gefunden haben!
John Lydon Keine Theorie, Realität. Und es dauerte jahrelang, in denen wir Qualen aushielten – bis meine Eltern uns endlich zuhörten. Dazu muss man wissen, dass sie aus Irland kamen. Sie waren nicht gebildet. Priester waren für sie sakrosankt. Meine Mutter hat aber, noch bevor sie starb, begriffen, dass ich ihr die Wahrheit sagte. Als ich später mit PiL Songs wie "Religion" schrieb, verstanden meine Eltern genau, worum es ging, und sie respektierten mich dafür. Ich habe mir in meinem Leben nie erlaubt, zum Opfer zu werden. Genau darauf aber spekulierten die Priester, das war eine Schande.

tip Ihre jugendliche Revolte richtete sich also nicht gegen die Elterngeneration?
John Lydon So war es. Meine wahren Feinde sind Institutionen, Regierungen und religiöse Vereinigungen. Daran hat sich nie etwas geändert. Ich reflektiere auf dem Album meinen Hintergrund, damit gut und klar verstanden wird, wo ich herkomme, was mein Wertesystem ist. Ich bin kein Popstar. Ich repräsentiere eine Kultur, einen Lebensstil.

tip In dem norwegischen Film "Sons of Norway" stehen Sie mit den Sex Pistols als Symbol für die Selbstfindung eines Teenagers.
John Lydon Ein wunderbarer Film! Gleichzeitig eine soziale Lektion. Der Film macht deutlich, dass Punk nicht nur ein Londoner Phänomen war, sondern die ganze Welt betraf. Und dass der übergreifende Impuls dahinter Lebensfreude war, etwas lernen zu wollen. Der junge Mann in dem Film hat mich sehr berührt. Was für ein fantastischer Schauspieler übrigens, dieser Åsmund Høeg.

PiLtip Hat Sie der Junge an Sie selbst erinnert?
John Lydon Ja, er ist in einer ähnlichen Situation. Du bist verwirrt über deine Eltern, verwirrt darüber, wie sich Erwachsene verhalten, verwirrt darüber, wer du selber bist, und du versuchst, klarzukommen mit deiner Individualität. Dieser Gedanke steckt in der Szene auf dem Balkon, wenn ich mit dem Jungen darüber spreche, dass wir darauf achten müssen, nicht die Kontrolle an andere abzugeben – an Institutionen, Konzerne, Plattenfirmen, Medien.

tip Was denken Sie heute, wenn Sie Fotos der Sex Pistols betrachten, als Sie 19, 20 waren?
John Lydon Ich denke, was für einen großen Kopf ich hatte! Ich war damals eine sehr dünne Gestalt. Gut an der Jugend ist es, dass man auf sie zurückblicken kann. Nicht immer ist es schmeichelhaft. Im Moment ist es so, dass ich 56 Jahre jung bin! Physisch bin heute genau das Gegenteil von damals: Ich habe einen sehr dicken Körper und einen sehr kleinen Kopf! Meine Eltern haben mir früh gesagt: John, du wirst immer ein hässlicher Junge bleiben, finde dich damit ab.

tip Sie stammen aus London-Finsbury Park, was man heute einen "Problembezirk" nennen würde.
John Lydon Dort war es sehr gemischt. Es gab viele Iren, Jamaikaner, Türken, Griechen, Marokkaner, alle dicht beieinander. Wenn du in einem solchen Kulturenmix aufwächst, schärft das deinen Sinn für Wahrhaftigkeit. In einer solchen Umgebung bist du in hohem Maß offen und zugänglich für all das, was schieflaufen kann in allen Lebenslagen. Du lernst früh, die Dinge mit einem erwachsenen Blick zu betrachten.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Paul Heartfield

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 06.07.2012

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