Eine Berliner Legende: Das "Risiko"

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Eine Berliner Legende: Das "Risiko"  

Risiko

Was war das eigentlich für ein Biotop, aus dem die Einstürzenden Neubauten wuchern konnten, wie kam es, dass eine Noise-Band plötzlich Stücke von Lee Hazlewood nachspielte, weshalb interessieren sich so viele Berliner Dokumentarfilmer für die Drogenhölle und warum eigentlich tragen auch heute noch erwachsene Männer und Frauen dunkle Sonnenbrillen und Cowboyhüte – auch wenn es draußen längst dunkel ist?
Die Antwort findet sich gleich neben den S-Bahnbrücken in der Schöneberger Yorckstraße; dort, wo sich heute ein Reisebüro befindet, aber vor 25 Jahren das Risiko stand. "Diese wahnsinnige, nicht einzuordnende Mischung war es, die uns damals von jeder anderen Bar in der Welt unterschied", weiß Maria Zastrow. Die Wienerin stand seit 1983 als 18-Jährige im Risiko am Tresen. Ein Job, der vor allem enormes Prestige abwarf. Zwar hatte es die Kneipe bereits seit 1981 gegeben und schnell fand sich dank Tresenkraft Blixa Bargeld auch eine Szene aus Punks, Performance-Künstlern und Musikern ein, die die zwei kleinen Räume ohne Hemmungen und Konzession auch als Veranstaltungsort nutzten. Die magische Mixtur jedoch, von der Zastrow spricht, die stellte sich erst 1983 ein, nachdem das Bauamt den Laden vorübergehend schließen ließ und der Berliner Alex Kögler mit seiner Freundin Sabina von der Linden das Risiko von den ursprünglichen Betreiberinnen übernahm.         
RisikoSchon die Neueröffnung, so erinnert sich Zastrow, war bezeichnend für die kommenden Jahre: "Es war jeden Tag das gleiche Programm. Es war anstrengend, man musste alles geben. Speed bis zum Umfallen. Nie Feierabend."  Neuzeitliche Slogans wie "Drei Tage wach" oder "Wasted German Youth" – hier hätten sie lediglich den Alltag beschrieben. Das Publikum wandelte sich bald unter dem Einfluss der Drogen, die ausgiebig im Hinterzimmer des Ladens genossen wurden. Abends gegen acht wurde geöffnet und erst wieder geschlossen, wenn am nächsten Morgen auch der letzte Gast schlapp gemacht hatte. Zwischendurch drängten sich mehr Menschen, als der kleine Laden eigentlich fassen konnte. Ein Türsteher regelte das Nötigste. Der Ruf des Risikos sprach sich schnell bis nach London und New York herum. "Die Swans waren 1984 einen Monat in Berlin und haben einen wahnsinnigen Deckel gemacht. Sie hatten für rund tausend Mark getrunken und wollten dafür ein Konzert geben. Im Risiko! Das ist dann natürlich nie passiert", bemerkt Zastrow lachend. Lux Interior von den Cramps, Jeffrey Lee Pierce, Alan Vega, Wim Wenders, Nick Cave, Christiane F., Bela B., Gudrun Gut, Reiner Fetting; "jeder, der wichtig war und nach Berlin kam, der ist ins Risiko gegangen", so Zastrow, "unser soziales Netzwerk hat sich ins Unendliche ausgeweitet. Auch wenn man sich an vieles und viele heute kaum mehr erinnern kann – die Drogen haben verhindert, dass man ein großes Erinnerungsvermögen aufbauen konnte."

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 02.05.2011

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Hallo Mona! Es gibt noch

Hallo Mona! Es gibt noch reichlich Fotos bei Anno Dittmer, der das Fotostudio Faceland in der Kethstraße 15 betreibt. Den Kontakt findest Du im Netz. Von Anno sind auch die im tip verwendeten…Lesen »

jedoch

ich freue mich sehr über diesen artikel jedoch waren punks,performer&musiker schon vor alex zeiten stammgäste im risiko nicht erst seit blixa hinterm tresen stand.vor alex war ausserdem der…Lesen »

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