Im Interview: Ursula Block von Gelbe Musik

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Im Interview: Ursula Block von Gelbe Musik  

Ursula_Block_9117kl_c_MaravonKummeWie kamen Sie 1981 dazu, einen Plattenladen zu eröffnen, in dem Sie Musik im Angebot hatten, die es sonst nirgendwo zu kaufen gab?
Mein Mann, der Galerist und Kurator René Block, hat kurz zuvor die Ausstellung "Für Augen und Ohren" in der Akademie der Künste gemacht. Es war weltweit eine der ersten Präsentationen von Klangkunstobjekten, von der Spieluhr bis zum akustischen Enviroment. Dazu hatte ich eine Phonothek eingerichtet, einen kleinen Raum mit Kassettenrekordern und Kopfhörern, in dem sich das Publikum einzelne Sachen anhören konnte. Die Reaktionen waren positiv und so entstand die Idee, einen Laden zu eröffnen.

Sie zogen in die Schaperstraße, in der Ihr Mann eine Kunstgalerie betrieben hat.

Genau, hier im Souterrain wo heute die gelbe Musik ist war das Lager, daneben bis 1979 die Galerie. Ich habe im Dezember 1981 mit sehr kleinem Sortiment begonnen, das sich über die Jahre stetig entwickelt hat. Neue Musik bildet den Schwerpunkt, dazu kommt experimentelle Musik, Freejazz, Elektronik, Noise, Künstlerschallplatten.

Wollte man die gelbe Musik kulturell verorten, müsste man sagen, Sie betreiben ein Fachgeschäft für Klangkunst?

Den Begriff "Klangkunst" mag ich nicht, weil er ein Ghetto suggeriert. Mich interessiert die künstlerische Möglichkeit, sich mit Klang auszudrücken. Die Fluxus-Künstler haben schon früh mit allem gearbeitet, was zur Realisierung eines Konzepts erforderlich war, auch mit Sound. Fluxus ist daher ein Schwerpunkt, genau wie John Cage. Viele der Fluxus-Leute haben bei ihm an der New School studiert und Cage stand auch in Kontakt zu bildenden Künstlern, etwa zu Robert Rauschenberg oder Jasper Johns aber auch zur Performance und Tanz über seine Verbindung mit dem Choreographen Merce Cunningham.

In diesem Sinne bewegen Sie sich mit ihrem Programm auch zwischen bildender Kunst und Musik.

Töne sehen und Farben hören, es ging immer auch um Synästhesie, darauf geht ja auch der Name "gelbe Musik" zurück, der von Kandinsky stammt. Ich wollte nicht nur den Sound haben, sondern auch etwas zeigen: Partituren, Objekte, Installationen, Editionen. Die Ausstellungen hatten aber immer etwas mit Musik zu tun, einer Musik, die in anderen Plattengeschäften gar nicht oder kaum vertreten war. Deshalb habe ich es als meine Aufgabe angesehen, sie zu sammeln und zur Verfügung zu stellen.

Wie war Berlin Anfang der 80er-Jahre in diesem Bereich aufgestellt, waren Sie hier eine Pionierin der Sound-Avantgarde?
Ja, aber nicht nur in Berlin, so einen Laden gab es nirgendwo auf der Welt. Das merkte man an dem großen Zuspruch von dem internationalen Käuferkreis, den ich teilweise 1982 bei der Documenta erschlossen habe, wo ich mit einem Musikprogramm vertreten war. Unsere Stammkundschaft besteht bis heute zumeist aus Leuten, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen und es kamen oft Tänzer, die nach Musik für ihre Choreografien suchten und sich hier inspirierten.

In Berlin entstand Anfang der 80er eine junge Szene aus Künstlern und Musikern, die ebenfalls nach neuen klanglichen Möglichkeiten suchte: die Genialen Dilletanten mit Bands wie der Tödlichen Doris und den Einstürzenden Neubauten. Gab es da Kontakt?

Natürlich, die kamen auch hierher. Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris etwa hatte die Idee für das Album "Chöre und Soli", das auf winzigen Schallplatten, die für Sprechpuppen hergestellt wurden, erscheinen sollte. Kein Label wollte es machen, er hat es mir vorgestellt und ich fand es toll und wir haben das zusammen herausgebracht. Alles in Heimarbeit und dann war es sehr schnell ausverkauft und heute wird es für astronomische Summen gehandelt.

Wer kam außer Wolfgang Müller noch in die gelbe Musik?

Björk hat hier schon Stunden verbracht, Yoko Ono ist regelmäßig dagewesen und Thurston Moore und Lee Ranaldo von Sonic Youth auch. John Cage war der gelben Musik eng verbunden, er gestaltete zu unserem zehnjährigen Bestehen sogar eine Grafik als Geburtstagsgeschenk und auch Nam June Paik widmete uns eine Arbeit. Bei den Vernissagen wurde gelegentlich musiziert, es gab Performances von der Künstlerin Käthe Kruse oder dem japanischen Sound-Art-Komponisten Akio Suzuki, aber wir haben hier nicht sehr viel Platz, in dieser Hinsicht sind die Möglichkeiten begrenzt.

In Berlin hat sich in den letzten Jahren viel in dem Bereich der Neuen und Experimentellen Musik getan, Künstler ziehen hierher, es gibt mehr Auftrittssräume und Festivals und das sehr aktive Netzwerk Echtzeitmusik. Haben Sie davon profitiert?
Das stimmt, es tut sich viel. Aber die Plattenläden Dense und Staalplaat, die sehr interessant waren, gibt es nicht mehr. Rumpsti Pumsti in Treptow ist der einzige Laden, der neben uns noch existiert. Es ist kein Business, wirtschaftlich ist es schon immer schwierig gewesen, in dieser Nische zu überleben. Mein Mitstreiter, der Komponist Werner Durand und ich haben von Anfang an alles selbst gemacht, die Kosten mussten möglichst gering sein. Von der jungen Szene bekommen wir hier nicht viel mit, das sind nicht die Käufer und sie finden von Kreuzberg, Neukölln oder Mitte wo sie leben selten den Weg nach Charlottenburg.

Ist das der Grund, weshalb Sie jetzt nach 32 Jahren die gelbe Musik schließen?
Der Besucherschwund zeigt, dass der Laden nicht mehr so gebraucht wird. Ich werde aber auch älter und etwas müde und möchte nicht mehr an die Öffnungszeiten gebunden sein. Dennoch bleibe ich hier in den Räumen und werde mich in Ruhe der Broken Music, dem Archiv der gelben Musik widmen und die Materialien ordnen, die sich hier im Laufe der Zeit angesammelt haben.

Interview:  Jacek Slaski

Foto: Mara von Kumme

Den Abschied vom Ladengeschäft feiert die gelbe Musik mit einem Konzert bei dem das Werk des Prager Künstlers und Komponisten Milan Knizak im Mittelpunkt steht. Sein Konzept der "destruierten Musik" nimmt ebenfalls das Opening Performance Orchestra auf.  Milan Knizak & Phaerentz & Opening Performance Orchestra, Hamburger Bahnhof, Do 10.4., 20 Uhr, AK: 10/6 €

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 09.04.2014

tip Ausgabe 11/2016

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