Michael Kiwanuka im Postbahnhof

Michael Kiwanuka im Postbahnhof  

Michael Kiwanuka

Der 25-jährige Londoner wollte ursprünglich gar nicht an das eigene Talent glauben. Zahllose Fans haben ihn mittlerweile eines Besseren belehrt.

tip Ihre Karriere begann eigentlich mit einem Fehlstart. Sie haben mit dem Rapper Chipmunk gespielt. Läuft man in Ihrem Alter nicht lieber als halbstarker Homeboy he­rum, anstatt sanften Old School Soul zu machen?
Michael Kiwanuka In London gibt es durchaus noch mehr Leute, die auf die Soul-Schiene und einen gewissen Crossover setzen. Ich finde es cool, damit durchzukommen. Als Möchtegern-Hip-Hopper habe ich bei diesen Gigs schon mal ein bisschen aufgedreht und versucht dazuzugehören. Aber die Leute riechen es, wenn es nicht stimmt und wenn du übertreibst. Ich habe mich dann darauf konzentriert, einfach nur der etwas unhippe Typ zu sein, der seltsame Musik hört.

tip Ihre Eltern sind aus Uganda nach Großbritanien geflüchtet. Sie sind die erste Generation, die dort geboren wurde.
Michael Kiwanuka Ja, aber meine Eltern sind nicht geflohen, weil sie in Gefahr waren. Der Diktator Idi Amin war an der Macht, und es war natürlich nicht toll in Uganda. Viele aus unserer Familie leben noch immer dort und es geht ihnen gut. Meine Eltern suchten nach neuen Möglichkeiten. Sie gingen nach London und studierten. Dann kamen mein Bruder und ich. Es gab damals noch nicht so viele Afro-Familien wie heute. Aber wir fühlten uns durchaus wohl in England.

Michael Kiwanukatip Sie haben also keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Michael Kiwanuka Nein, nicht wirklich. Als Kind hast du natürlich die üblichen Probleme dazuzugehören. Mit 12, 13 entdeckst du, dass du anders bist als andere. Und dann suchst du dir Leute, die zu dir passen.

tip Sie haben Ihr erstes Album "Home Again" genannt. Hat das damit zu tun, den Weg zu finden? Die eigene Aufrichtigkeit?
Michael Kiwanuka Ja genau. Sei einverstanden mit dir selbst. Verändere dich nicht, nur weil es Druck in deiner Umgebung gibt. Du solltest totalen Frieden fühlen, wenn du zu Hause bist. Dort musst du loslassen können und dich mit dir selbst wohlfühlen. Das kann sich schnell ändern, wenn du Dinge tust, die du nicht gerne machst, aber denkst, sie machen zu müssen. "Home Again" habe ich in einer Zeit geschrieben, in der ich nicht wirklich ich selbst war. Dabei bin ich eigentlich sehr natürlich.

tip Was bedeuten Ihnen Musiker wie Marvin Gaye, Bill Withers oder auch Richie Havens, mit denen Sie heute verglichen werden?
Michael Kiwanuka Alle drei suchten nach echten Dingen. Und ihre Songs sprechen davon, dafür liebe ich sie. Auch ich wollte Songs über Dinge schrei­ben, die mich wirklich angehen und die ich verstehen will. Ich hatte Angst, dass das in meinem jungen Alter vielleicht etwas unangebracht ist, aber etwas anderes hat mich nicht interessiert. Zudem ist ihre Musik einfach großartig. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Spice Girls und S Club 7 angesagt waren, Musik, die mir nichts bedeutete. Oder es gab Punkbands, die einfach nur noch albern waren und keine Anliegen mehr hatten. Ich fühlte mich mehr zu den alten Musikern hingezogen, sie waren für mich eine positive Stimme des Lebens.

tip Und diese alten Musiker, wie etwa Curtis Mayfield, haben Politik und Sozialkritik in die Musik gebracht.
Michael Kiwanuka Curtis Mayfield war eine schwarze Ausgabe von Bob Dylan. Seine Songs waren Message- und Protestsongs. Sie wollten dich zum Tanzen bringen, aber auch zum Nachdenken und Mitsingen. Das macht heute keiner mehr, und deshalb greife ich auf sie zurück.

tip Sie haben Ihre Songs auf dem Londoner Nouveau-Folk-Label Communion veröffentlicht, Seite an Seite mit Laura Marling und Mumford & Sons.
Michael Kiwanuka Bei Communion steht die Musik an erster Stelle und vereinigt ein buntes Völkchen. Man hängt gemeinsam bei Konzerten rum, redet über Platten, das ist toll. Außerdem sehe ich mich als Singer/Songwriter, wovon sie einige haben und mich glücklicherweise in ihre Reihen aufnahmen. Ich fühle mich da gut aufgehoben.

Interview: Christine Heise

Fotos: Sam Butt

Michael Kiwanuka, Fritzclub im Postbahnhof, Mo 23.4., 20 Uhr, ausverkauft

Das Konzert wird auf tape.tv live im Internet übertragen.

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 23.04.2012

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