Gutes Geschäft oder Flop: Musik-Festivals in und um Berlin

Gutes Geschäft oder Flop: Musik-Festivals in und um Berlin  

Melt!

Für viele Berliner ersetzt das Melt! oder die Berlin Music Week inzwischen den klassischen Sommerurlaub. Doch es wird eng im Paradies – zu viele Veranstalter konkurrieren um die besten Acts, Orte und Termine.

"Bis wir loskamen, hat es Stunden gedauert, weil wir noch Haken für unser Zelt kaufen mussten. Dann standen wir vor dem Gelände stundenlang im Stau rum, bis wir endlich auf den Campingplatz kamen. Meinen ersten Lieblingsact, den ich unbedingt sehen wollte, habe ich verpasst. Das war dann aber auch egal, weil ich ein paar total nette Spanier kennengelernt habe, die total freakig drauf waren. Mit denen bin ich dann übers Gelände gezogen. Beim Auftritt von Deichkind war ich direkt an der Bühne, die Stimmung war sensationell. Dann fing der große Regen an, dummerweise habe ich die Spanier dann verloren und erstmal nicht zum Zelt zurückgefunden. Als ich es endlich gefunden habe, lag meine Freundin da mit zwei Typen, die ich nicht kannte. Na ja, ich hab dann erst mal draußen gewartet und bei unseren Nachbarn Unterschlupf gefunden. Schlafen konnten wir sowieso nicht und so haben wir die Nacht durchgezecht und erst am frühen Morgen ein bisschen gepennt. Um wieder frisch zu sein, haben wir im See gebadet und ich habe Joey aus London kennengelernt. Mit ihm zusammen sind wir zurück aufs Festivalgelände ..."

Hier berichtet Anna (19) von ihrem ersten Festivalbesuch, und Storys wie ihre wird man in diesem Sommer in Tausenden Versionen hören. Festivallatein. Es besteht aus Geschichten, die von allerlei magischen Momenten rund um Musik und Liebe handeln, in Kombination mit diversen Zumutungen, die man dafür in Kauf nimmt.
Festivalbesuche sind prägende Erfahrungen, das gemeinsame Erleben mit Freunden schweißt wahlweise zusammen oder entzweit. Ein Leben im Weekender-Ausnahmezustand ist für viele der Höhepunkt des Jahres, und gerade fehlender Komfort und allerlei Entbehrungen machen den Festivalbesuch zum Abenteuer. Ganz abgesehen davon, dass Festivals riesengroße Kontaktbörsen sind und einen zwanglosen Start für viele Beziehungen oder sexuelle Interaktionen bieten.
Melt!Die Branche boomt. 2012 wird ein neues Rekordjahr. Es gibt immer mehr Festivals mit immer längeren Künstler-Line-ups, immer ausgefeilteren Entertainment- und Rahmenprogrammen, immer teureren Eintrittspreisen und immer größeren Besucherzahlen. Für viele Besucher ersetzen ein oder mehrere Festivalbesuche den klassischen Sommerurlaub. Es mag daran liegen, dass es Trend ist, sich seine persönlichen Höhepunkte des Jahres geballt zuzuführen, sicherlich aber auch daran, dass man für einen ausgedehnten Festival-Weekender genauso viel Geld ausgeben kann wie für eine Woche im Süden. Eintrittspreise um und über 100 Euro sind inzwischen nicht mehr die Ausnahme, sondern Standard bei den großen Festivals. Dabei ist der Eintritt im Gesamtpackage neben Anreise, Verpflegung, Nahrungs- und Genussmitteln, dazu noch Zelt- und Übernachtungszubehör nur ein kleinerer Posten.
Oft werden Urlaub und Festival auch kombiniert. Berliner Reisegruppen sind auf vielen europäischen Festivals wie dem norwegischen Øyafestivalen oder dem dänischen Festivalklassiker Roskilde zu finden. Man muss es ja nicht so weit treiben wie die Schriftstellerin Christine Neder, die in diesem Jahr in 40 Wochen im In- und Ausland 40 Festivals mitmacht und in ihrem Blog lilies-diary.com da­rüber berichtet. Wirklich weit reisen muss der Berliner ohnehin nicht. Hier und im Berliner Umland gibt es den ganzen Sommer lang an fast jedem Wochenende ein Festival, zu dem fünfstellige Besucherzahlen erwartet werden.   
Es sind nicht mehr genutzte Flugplätze, Wiesen an Badeseen oder alte Tagebaugelände, die sich während der Festivalsaison für ein paar Tage in Partystädte verwandeln. Dahinter steht ein gewaltiger logistischer Aufwand und oftmals ein höchst professionelles Geschäft. Beim Festival Melt! auf dem ehemaligen Tagebaugelände Ferropolis auf einer Halbinsel bei Dessau, das für seine spektakulären Lichtinstallationen und Projektionen auf Bergbau-Industriemaschinen berühmt ist, liest sich das in Zahlen so: 50 Trucks karren die Technik (unter anderem 500 Scheinwerfer) für das Wochenende an, 17 Kilometer Stromkabel werden verlegt, 10 Kilometer Bauzäune aufgestellt, der Campingplatz ist 235.000 Quadratmeter groß. 150 Acts und 1 500 Mitarbeiter vor Ort versuchen, den 20 000 Gästen, von denen 30 Prozent aus dem Ausland kommen, einen Weekender der Extraklasse zu verschaffen. Am Ende werden circa 73.560 Kilowattstunden Strom verbraucht sein. Noch nie war Melt! so früh so total ausverkauft wie in diesem Jahr.
Open Air FestivalHinter diesem Festival steht die Matthias-Hörstmann-Unternehmensgruppe, zu der eine Reihe von Zeitschriften (unter anderem das Musikmagazin "Intro", der "Festivalguide", "Gig Guide" und "11 Freunde") und Veranstaltungsgesellschaften nebst Zulieferfirmen wie Bookingagentur und Gastronomie-Büro gehören. Vermarktet und beworben wird das Festival von der hauseigenen Vermarktungsagentur "Gemeinsame Sache", die Markenartiklern strategische Beratung und Rundumlösungen per Netzwerk, vorzugsweise dem eigenen, anbietet. "Gemeinsame Sache begeistert schwer erreichbare Zielgruppen, die den besonderen Kontext suchen", wirbt die Agentur. Als Kunden werden etwa Jägermeister, Casio, Telekom und Heineken Bier aufgeführt. Auch das Splash Festival, Deutschlands größtes HipHop-Festival, und das Berlin Festival werden inzwischen von Gemeinsame Sache betreut und von Hörstmann-Gesellschaften durchgeführt.

Trend der Saison: Electro meets Rock, Rock meets Electro
Das Melt! Festival kann man in vielerlei Hinsicht als stilbildend betrachten. Durch die inhaltliche Kooperation mit dem Intro-Magazin wurde das vorher rein elektronische Festival seit 2004 durch eine stilistische Verbreiterung des Line-ups erfolgreicher als je zuvor. Mit der Hinzunahme von hippen Indie- und Rockacts bis hin zu Popgrößen wie 2012 Lana Del Rey und Gossip hat sich Melt! den Ruf verschafft, über Genregrenzen hinweg ein Trendfestival zu sein.
"Tatsächlich funktioniert bei Melt! der Spagat, dass sich die Leute gleichermaßen Rufus Wainwright & Band ansehen und nachher zu Richie Hawtin tanzen", sagt Gemeinsame Sache-Mitarbeiter Stephan Velten. "Am Anfang allerdings galten Popacts eher noch als exotisch und wurden fast ein bisschen mißtrauisch beäugt."
Die Idee der inhaltlichen und musikalischen Verbreiterung setzt sich auch auf der anderen Seite, den traditionellen Rockfestivals, durch. Bei den Klassikern Rock am Ring/Rock im Park mit jeweils über 85.000 Besuchern und dem Hurricane/Southside Festival (über 75.000 Besucher) gibt es inzwischen Stages, bei denen Electro und Danceacts spielen.
Auch das Newcomer-Festival dieses Sommers, das Greenville Festival (27.–29. Juli in Paaren/Glien), setzt auf einen eklektizistischen Mix von Iggy Pop bis LMFAO, von Punk-Ikone bis Dancefloor-Chartact. Impressario Carlos Fleischmann bekennt, das Line-up nach seinem persönlichen Geschmack zusammengestellt zu haben. Er will mit der ersten Auflage 10.000 Gäste anziehen.
Open Air FestivalGreenville findet zeitgleich mit dem Helene Beach Festivals statt, am Helenesee unweit Frankfurt/Oder, das seine 2. Auflage feiert. Beim ersten Mal waren dort trotz strömenden Regens fast 10.000 Gäste, diesmal wollen die Veranstalter wenigstens 15.000 Gäste erreichen und haben dazu ihre elektronische Basis durch Bands wie K.I.Z., Bosse, Frida Gold und Kraftklub erweitert, mit 49 Euro für zusammen 150 Acts befindet man sich zudem in Sachen Eintrittspreis am unteren Ende der Skala für ein mehrtägiges Festival.
An diesem Wochenende wird sich zeigen, ob für neue Festivals noch Platz ist oder ein Ende der Fahnenstange abzusehen. Salomonisch meint Carlos Fleischmann: "Ein Festival ist wie ein Baby, man macht es und dann muss man sehen, wie es sich entwickelt. Am Ende liegt es nicht mehr in der eigenen Hand, sondern in der des Publikums, das entscheidet."
Ein Vollflop kann im schlechtesten Fall einen sechsstelligen Minusbetrag bedeuten, der oft mit der Insolvenz der Festivalgesellschaft einhergeht. Um das zu vermeiden, wird an allen Fronten aufgerüstet, der Werbeeinsatz erhöht und allerlei Drumherum kreiert – von Sportveranstaltungen zum Mitmachen bis hin zu Nachwuchs-DJ- und Bandwettbewerben.
Die Sound-Puristen unter den Festivals sind in diesem Jahr in der Minderheit. Sonne, Mond und Sterne (kurz: SMS genannt) auf der Saalburg mit bis zu 25.000 Gästen präsentiert sich als Leistungsschau aller Varianten elektronischer Musik und versammelt mit Prodigy, Fat Boy Slim, Skrillex, Hot Chip, Steve Aoki und vielen anderen das Who is Who aktueller Dance- und Elektronikacts. Und bietet zudem sportliche Betätigung mit Beachvolleyball und Badespaß. Airbeat One als größtes norddeutsches Dance-Festival setzt auf einen klassischen Rave. Highfield als klassisches Festival mit Schwerpunkt Rock und Pop (Beatsteaks, Placebo, Sportfreunde Stiller) hat dazu immerhin Acts wie die HipHopper K.I.Z. im Programm.

Foto ganz oben: Stephan Flad

Zweites Foto von oben: Geert Schäfer

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.06.2012

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