Rechenzentrum am Spreeufer

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Rechenzentrum am Spreeufer  

RechenzentrumUngemütlich ist es in der Vollmondnacht am Ufer des Treptower Parks. Blätter rauschen, und es ist frisch. Gegen Mitternacht sind nur noch Umrisse von Leuten zu erkennen, die, scheinbar planlos, durch den spärlich beleuchteten Park streifen. Im Hafen warte ich auf das angekündigte Boot, was einen hier zur Eröffnung des neuen Clubs abholen sollte.

„Wenn ’se zur Party wollen, müssen ’se da rüber!“, ruft ein alter Mann aus der Dunkelheit, zeigt von seinem Boot aus auf die ge­genüberliegende Flussseite. Als ich ankomme, stehen hier um die 30 Leute – die meisten muss­ten erst suchen, die Zettel mit Wegweisern sind im Dunkeln kaum zu sehen. Gemeinsam frieren verbindet, und schnell kommt man ins Gespräch. Später auf dem Boot geht es wie auf einer Klassenfahrt zu. Es wird gebaggert und mit Bier angestoßen, ein Pärchen knutscht in der Ecke – alles unter den skeptischen Blicken des Bootsführers, eine greise Erscheinung mit wenigen Zähnen und blauer Kapitänsmütze auf dem Kopf.

Als wir 20 Minuten später anlegen, tut sich ein weites Gelände vor uns auf. Rot und blau beleuchtete Bäume säumen den Weg. Etwas abseits, unter einem Baumstamm eingeklemmt, lagert ein Au­towrack. Direkt vor uns parkt, reichlich unwirklich, ein Raumschiff am Rande der Spree. Das UFO scheint bewohnt, wenigs­tens brennt Licht hinter den ovalen Fensterscheiben. Der Weg führt weiter zum flachen Indus­triebau. Äste ranken sich an den Wänden empor, nur ein paar rote Lichter und der durchdringende Bass verraten einen Club im Innern.

RechenzentrumDrinnen ist die Tanzfläche voll. Der Wechsel von der entspannten Bootsfahrt zu blitzenden Videoprojektionen und dem „Technobrett“ von DJ Stephan Hill fühlt sich hart an. Bis die Orientierung zurückkehrt, stehe ich am Tanzflächenrand, staune über reihenweise weiße Telefone an den Wänden, die hinter Glaskästen wie Installationen wirken. Schon im Vorraum fielen undefinierbare Schaltkästen und Apparaturen auf. Unter den Füßen der Tanzenden flackern knallrote Lichtquader, das hat was. Genau wie der riesige Kronleuchter am Ende des Raumes über der Bar. „Jack“, einer der Betreiber, steht hier und gibt Wodka aus. „Die Anlage ist gut – oder?“, fragt er stolz, berichtet dann von dem seltsamen Equipment, Überreste aus dem ehemaligen Rechen­zentrum des Ostens, das überall im Gebäude zu finden ist.

„Achte auf die Details“, rät er, „wir haben das meiste belassen, wie es war.“ Warum hier ausschließlich Techno läuft, will ich wissen. „Das sind unsere Wurzeln“, sagt er. Im Sage, dem Club, den er mit seinen Partnern seit Jahren betreibt, lief Techno von Anfang an. Die Rock- und Black-Music-Partys kamen erst später dazu. Auf dem neuen Gelände, ehemals Sitz der DDR Rund­­funkanstalten, geht es im Sommer erst richtig los.

RechenzentrumHier sollen Familien campen, ein Restaurant und ein Bootsverleih öffnen und Konzerte stattfinden – Conny Opper hat fürs Berlin-Festival schon zugesagt. Ob er denn keine Angst habe, dass die Leute zu faul sind, so weit raus­zufahren, frage ich. Gar nicht, meint er. Es wird gerade mit der BVG über einen Nachtbuseinsatz auf der Strecke verhandelt, außerdem hat man ein Boot gekauft. „Der alte Kapitän ist jetzt fest angestellt, der bringt die Leute regel­mäßig vom Treptower Park hierher.“ Was es mit dem UFO auf sich hat, will ich noch wissen, doch der Chef begrüßt schon wieder neue Gäste.

Inzwischen hat die Wienerin Electric Indigo an den Plattenspie­lern übernommen. Ich tanze, vergesse mal eben die Zeit. Beim Rauskommen ist es halb sechs, es dämmert schön. Im Raumschiff am Wasser sind die Lichter aus. Beim Näherkommen entdecke ich eine Luke – sie steht offen. Ich klettere hinein, betrete futuristischen Wohnraum mit Kochplatz und Schlafnische, Blumen und leere Sektgläser stehen auf dem Tisch. Hinter mir raschelt’s, und aus dem Bett in der Nische schaut, sehr irdisch und verschlafen, eine Frau – die Besitzerin der UFO-Behausung, wie ich später erfahre. Verlegen bitte ich um Entschuldigung und lasse sie in Ruhe, an den nächsten Wochenenden wird sie davon wohl nicht mehr viel haben.


Rechenzentrum
Nalepastraße 10-16,
Köpenick,
Sa ab 23 Uhr;
kostenlose Bootsüberfahrt im 20-Minutentakt ab S-Bhf. Treptower Park,
linke Flussseite

www.club-rechenzentrum.de

 
von  Jackie A.
Veröffentlicht: 09.05.2008 , Zuletzt aktualisiert: 04.06.2008

Kommentare

Das UFO ist ein Stück Architekturgeschichte

Das UFO heißt "Futuro" und ist ein vor ca. 40 Jahren von einem finnischen Architekten entwickeltes mobiles Häuschen. Davon gab es nur relativ wenige, umso schöner, dass eines in Berlin steht. Also…Lesen »

Informant meldet: "Sollte man mal gewesen sein."

Einer meiner Kumpels war letztes Wochenende zur vorgerückter Stunde da. Kam allerdings nicht per Boot sondern von der Nalepastraße. Er war hellauf begeistert, ob des Strandes und gesamten Aufmachung…Lesen »

Geile Location!

Findet man ja immer weniger in Berlin, sowas… fett, dass mit dem Boot!

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