Schorsch Kamerun im Interview

Schorsch Kamerun im Interview  

Schorsch Kamerun

Seit Jahren wird sein Zweitjob in der Hochkultur als Theaterregisseur und Erfinder ­lässig-intelligenter Musiktheaterabende immer wichtiger. Jetzt hat er Stücke aus ­seinen letzten ­Musiktheater-Produktionen auf einer Platte versammelt.

tip Herr Kamerun, der Titel Ihres neuen Albums klingt schon mal schön rätselhaft: "Der Mensch lässt nach". Weshalb bitte lässt der Mensch nach?
Schorsch Kamerun Eine kleine Geschichte: Mein Onkel Werner ist der erzkonservativste Geist in unserer Familie. Für ihn gab es immer nur die Leistung, den Fortschritt, das Wachstum und so weiter. Der ist nun ins Grübeln gekommen, er meinte, größer und breiter kann es nicht mehr kommen, jetzt ist mal genug mit Wachstumsbeschwörung, wir können uns nicht noch weiter ausdehnen. Das fand ich interessant. Diese Nachkriegs-Utopie des ewigen Vorwärtskommens, mit der wir alle noch aufgewachsen sind, ist müde geworden. Früher wollten wir zum Mars, heute springt bloß noch einer aus der Stratosphäre, aber das ist keine Utopie, sondern nur Red-Bull-Werbung.

tip Die Platte sammelt 14 Musikstücke aus fünf Musiktheater-Produktionen, die Sie in den letzten zwei Jahren an Theatern in Leipzig, Köln, Hamburg, München und Düsseldorf gemacht haben. Weshalb eigentlich nicht in Berlin?
Schorsch Kamerun Das hat sich nicht ergeben, wie es halt so ist, es gab immer wieder mal Gespräche, aber dann passte es aus irgendwelchen Gründen nicht. Die Platte ist kein Best-of-Musiktheater oder so, ich wollte einfach etwas festhalten. Das ist für mich eine Zeitbestimmung, Theater ist ja immer so flüchtig. Die Aufführungen waren meist größere, begehbare Installationen.

tip Eine Textzeile ist ein höhnisches Zitat: "Ihr könnt doch das Kulturprogramm machen – weil ihr seid so schön skurril". Welches Theater hat Sie mit diesem Satz gebucht?
Schorsch Kamerun Das kommt aus dem direkten, "alternativen" Umfeld und meinte wohl den guten Marktwert von originell-"skurrilem" Sichaufführen als erfolgreiches Exotentum.

tip Was ist der Unterschied zwischen Ihren Musiktheaterstücken und Ihrer Musik und den Texten bei den Goldenen Zitronen?
Schorsch Kamerun Die Themen, die mich beschäftigen, sind bei der Band und den Theatergeschichten ziemlich verwandt. Aber der Arbeitsprozess ist ein völlig anderer. Theater ist vergleichsweise luxuriös, weil man andere Mittel zur Verfügung hat und Zeit geschenkt bekommt, das finde ich erst mal toll. Ich verteidige neuerdings immer massiver den Bildungsauftrag, Theater ist schon mal kein Formatradio, man hat Platz für eine längere Strecke Text. Ich hatte bei diesen Musiktheaterstücken einen Hauptkomponisten dabei, Carl Oesterhelt von FSK, der so eine Art 60er-Jahre-Moderne-Klassik schreibt, Cluster, die auch eine gewisse Melancholie haben, finde ich.

Schorsch Kameruntip Und man hört, dass er auch zum Beispiel Hanns Eisler kennt ...
Schorsch Kamerun ... genau, oder Gustav Mahler. Schubert, Eisler, Mahler, ich mag das schon sehr.

tip Ganz plumpe Frage: Haben Ihnen die Jobs im Staatstheater neben der Gage künstlerisch etwas gebracht?
Schorsch Kamerun Ich habe jetzt über dreißig Theaterabende gemacht, im Schnitt drei im Jahr. Leuten wie Josef Bierbichler, Irm Hermann, Christoph Schlingensief oder René Pollesch zu begegnen, war großartig und sicher habe ich von ihnen viel gelernt. In den frühen Shakespeare-Inszenierungen von Stefan Pucher war Shakespeare wie Musik, das ist wirklich so. Ich bin inzwischen weit weg von meinen ersten Versuchen mit Revue-Inszenierungen. Ich kann die Tier-Kostüme und den Pop-Trash mit seiner flachen Ironie und der Haltung, Theater aus Prinzip nicht ernst zu nehmen, nicht mehr sehen, obwohl das früher auch Teil meiner Aufführungen war. Natürlich war für uns am Anfang so ein äußert bürgerlich codierter Rahmen wie das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, diese vermeintliche Bürger-Burg, einfach nur der Feind. Man kann der Volksbühne bis heute dankbar sein, dass sich da etwas unkrampfig geöffnet und diese Fronten aufgebrochen hat.

tip Bei aller alten Freude an Störgeräuschen, an Krach, an musikalischer Penetranz hat die Platte in den Texten und der Musik etwas Melancholisches, oder nicht?
Schorsch Kamerun Kann schon sein. Durch die Begegnung mit Musik von Eisler oder Mahler habe ich heute auch eine Lust, anders zu singen. Ich glaube immer weniger an eine ausschließlich aggressive Gesangshaltung. Dafür ist heute eher das Dschungelcamp zuständig. Die Texte sind entstanden aus unzähligen Interviews mit allen meinen Mitspielern bei den Theaterprojekten. Das waren über 100 Interviews, immer zu den Themen des jeweiligen Musiktheaterstücks, die hießen zum Beispiel "Der entkommene Aufstand" in Köln oder "Das Ende der Selbstverwirklichung" in Leipzig. Was früher mal Selbstverwirklichung war, ist heute ein reiner Stressbegriff. Ob Künstler oder Angestellter, wir alle sind genötigt, uns ständig und überall originell abzubilden, auf coole Resonanzen zu hoffen. Das überfordert zutiefst.

tip Ist Selbstvermarktung die Kernkompetenz jedes Künstlers?
Schorsch Kamerun Klar, natürlich bin ich auch eine Ware. Aber das geht ja allen so, nicht nur Künstlern. Was ich an Occupy zum Beispiel gut fand, war, dass es eine Bewegung ohne Stars, ohne sofortige Verwertungsbilder war und dadurch einer schnellen Vermedialisierung widerstand.

tip Ein Stück mit dem schönen Refrain "Hört bitte auf mit dieser Übereigendarstellerei" macht sich über den Kulturbetrieb lustig. Wie ist der Text entstanden?
Schorsch Kamerun Ich hatte ein Jahr lang eine Gastprofessur an der Akademie der bildenden Künste in München, dort haben wir über heutige, schwierige Formkapriolen diskutiert ...

Interview: Peter Laudenbach

Schorsch Kamerun, CD "Der Mensch lässt nach" (Buback / Indigo)

Konzert: HAU, vorauss. März

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.02.2013

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