Tanzende Buchstaben im Berliner Nachtleben

Tanzende Buchstaben im Berliner Nachtleben  

Salon zur wilden Renate

Ein Frosch, eine Bäckersfrau, die Kinder tot fährt, von einer Mauer baumelnde Beine, Birnensaft, der auf Seidenhöschen tropft – willkommen zu Renates Beklemmendem Literatursalon im Salon zur wilden Renate. Andreas Schwarz verstellt die Stimme, liest mal laut, mal leise, die Zuhörer in dem winzigen Raum zucken zusammen, lachen, gucken irritiert. Schwarz hat sich mit Thomas Götz von Aust und Stefan Gilles zur Gruppe "Dichter und Dichter vs. Borderlines" zusammengetan, seit zwei Jahren laden sie – meistens mittwochs – zu ihrem Literatursalon ein. Mit dabei sind mehr oder weniger berühmte Autoren oder solche, die gerade dabei sind mehr oder weniger berühmt zu werden. Sie lesen Eigenes und Fremdes vor, erzählen Witze, die Zuhörer selbst können ihre Dichtungen vortragen und alle dürfen am Kettengedicht mitschreiben. Und das Beste: das Quiz "Errate den
Romananfang"
, zu gewinnen gibt es Drinks.
Nicht nur der Raum, in dem die Lesung stattfindet, ist winzig. Auch die Bühne ist winzig. Vielleicht ist es, abgesehen von der Toilette, der kleinste Raum in der Wilden Renate. Auf dem Tisch stehen Bierflaschen und Wein, viele Zettel liegen herum. Schwerer Dunst schwebt im Raum. Von der Decke hängen bunte, blinkende Glühbirnen. Im Hintergrund steht eine nackte Männerbüste.
Salon zur wilden RenateDer Beklemmende Literatursalon ist keiner dieser gewöhnlichen Literatursalons, bei denen zwar auch viel geraucht und ordentlich Wein getrunken wird, aber wo dann doch auf hohem Niveau literarisch Hochwertiges in hochwertigen Debatten besprochen wird. Nicht dass in der Wilden Renate nur schriftstellerischer Ramsch präsentiert würde, aber hier nimmt niemand sich selbst, das, was er geschrieben hat oder Literatur als solche besonders ernst. Unter den zu erratenden Romananfängen am letzten Mittwoch im Juni sind Christian Kracht, Stephen King, Hitler, Christiane Rösinger und Helene Hegemann. Zu Gast ist Torsun von egotronic. Er liest aus einem Roman, an dem er gerade schreibt: Zwei alt gewordene Raver regen sich über junge Eltern und das aus ihrer Perspektive immer jünger werdende Publikum im Berliner Nachtleben auf. Typisch Berlin. Als ebenso typisch Berlin könnte man jetzt auch diese ganze Veranstaltung bezeichnen, bei der man Drinks gewinnen kann, wo alles ein bisschen ironisch ist, Feierngehen thematisiert wird und man auf Secondhand-Möbeln sitzt. Aber es ist noch ein bisschen mehr: Denn der Beklemmende Literatursalon findet in einem Club statt, die Zuhörer sollen mitmachen, selbst dichten und selbst vorlesen. "Da wir Lesungen als bloßes Vorlesen von Texten überflüssig und langweilig finden, wollten wir einer Lesung mit Showelementen Leben einhauchen, ohne gleich zum Poetry Slam aufzurufen. Und wir wollten das Publikum einbeziehen", sagt Thomas Götz von Aust vom Beklemmenden Literatursalon. Mit diesem Konzept stand die Veranstaltung bei ihrer Premiere vor zwei Jahren noch relativ alleine da, doch mittlerweile haben noch mehr Party-Locations erkannt, dass ein bisschen Kultur in der Feiergemeinde gut ankommt. Auch das Kater Holzig lädt seit April zu regelmäßigen Lesungen. Beim Katersalon lauscht man Krimis oder den 140-Zeichen-Texten von Twitterautoren. In der Open-Air-Location Griesmühle in Neukölln kann jeder, der möchte und sich traut, aus seinem Tagebuch vorlesen und beim Bücherbattle im Kreuzberger Monarch gewinnt der, der sein Lieblingsbuch am kreativsten angepriesen hat, der Applaus des Publikums entscheidet. Erlaubt ist alles – vom Vorsingen und Vorspielen über die normale Nacherzählung bis hin zur professionellen Beamer-Präsentation.
Weil bei diesen Literatursalons alles etwas ungezwungener ist, muss sich auch niemand bis zur Pause an einem Glas Rotwein festhalten. Zwischendrin zur Bar gehen, geht immer und ist gerne gesehen. In der Wilden Renate dürfen die Zuhörer sogar bestimmen, wie lange gelesen wird. Am Eingang bekommt jeder eine Kerze, langweilt man sich, bläst man die Kerze aus. Geht die Letzte aus, ist Schluss.

Text: Katharina Wagner

Renates Beklemmender Literatursalon, Salon zur wilden Renate, Mi 4.7., 20 Uhr, www.facebook.com/ddvsb

Liebes Tagebuch, Moulin Rouge/Griesmühle, Do 5.7., 20 Uhr, www.facebook.com/pages/Liebes-Tagebuch

Katersalon, Kater Holzig, Mi 18.7., 20 Uhr, www.katerholzig.de

Bücherbattle, Monarch, Mi, 25.7., 21 Uhr, , www.buecherbattle.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 04.07.2012

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