"Techno war mehr als das"

1 Kommentar

"Techno war mehr als das"  

Partybesucher

tip Online: Die Love Parade 1991 wird im Film als sinnstiftender Moment für die Techno Szene beschrieben.

Holger Wick: Ich war auf der besagten Love Parade 1991. Ich bin mit der Frankfurt Posse nach Berlin gefahren und schon die Stimmung auf der Fahrt war unbeschreiblich. Man war definitv geflasht von den Eindrücken, von dem, was da passierte mit dieser Musik und man war voller Tatendrang als man zurückkam: ich hab danach einen Plattenladen eröffnet und ein eigenes Label gestartet, nachdem ich vorher nur für andere gearbeitet und produziert habe.

Maren Sextro:
Meine erste Love Parade war 1994. Ich fand die Euphorie und Energie schon beeindruckend und toll, aber letztendlich war es mir zu groß und die kommerziellen Anteile zu dominant. Wenn ich die Bilder der ersten Love Parade von 1989 sehe, denk ich, dass ich da gern dabei gewesen wäre. Auch musikalisch kann ich mit den ganz frühen Technohouse-Sachen mehr anfangen.

tip Online: Viele Themen, die im Film angesprochen werden, sind eher speziell. Wen interessiert z.B die Rivalität zwischen der Frankfurter und der Berliner Szene oder die Feinheiten in der Musikentwicklung?

Maren Sextro:
Diese Beispiele sind unserer Meinung nach nicht „speziell“, sondern haben die Entwicklung von Techno in Deutschland entscheidend mitgeprägt und sind auch für das Gesamt-Verständnis wichtig. Wir haben versucht, einen Mittelweg zu gehen und verschiedene Gruppen anzusprechen. Die Leute die damals dabei waren, werden sich erinnern, sicher auch ein paar Dinge erfahren, die sie damals nicht mitbekommen haben und aus der Distanz von fast 20 Jahren das Ganze noch mal amüsiert betrachten können. Naja, und für viele Leute im Ausland, die sich für Techno oder Musikgeschichte im Allgemeinen interessieren, ist der Film auch interessant. Daher gibt’s auf der DVD englische Untertitel. Dann richtet sich der Film an die nachfolgenden Techno-Generationen, die vielleicht interessiert, wie es damals los ging, was das Wesen von Techno war, was die Macher für Visionen und Motivationen hatten, wie die Leute und die Clubs damals aussahen, wie die Musik klang, um zu vergleichen. Der Film richtet sich natürlich auch an alle Nicht-Techno-Fans, die Techno bisher nur als verdrogtes Massenphänomen kennen gelernt haben. Techno war mehr als das.

 

Party in Mainztip Online: Trotzdem spielen Drogen in keiner neueren Popkultur so eine große Rolle wie im Techno. Warum wird das Thema im Film erst so spät und nur indirekt angesprochen?

Maren Sextro: Das Thema Drogen ist sehr komplex und war in den Medien fast immer Thema Nummer 1, wenn es um Techno ging. Wir schweigen Drogen nicht tot, aber uns war es wichtiger, auch mal andere Seiten von Techno zu zeigen. Nicht nur das Verpeilter-Raver-Klischee zu bedienen, sondern zu zeigen, wieviel Kreativität, Leidenschaft und Energie in den Leuten steckte. Sicher spielten Drogen für das ein oder andere Zusammengehörigkeitsgefühl oder bei der ein oder anderen Ideenfindung eine wichtige Rolle. Ein Großteil der Entwicklung lässt sich aber sicher auch mit der neuartigen Musik, den neuen Technologien und den politischen Ereignissen der Zeit erklären.

tip Online:
Habt ihr eine Erklärung dafür, warum Techno sich grade in Deutschland und Berlin so stark entwickelt hat?

Maren Sextro:
Da kommen sicher einige Dinge zusammen und je nach Stadt gibt es auch eine andere Erklärung. Aber das, was Tanith z.B. über Techno in Berlin und die vielen Fans aus der ehemaligen DDR gesagt hat, finde ich in diesem Zusammenhang nicht uninteressant: „Für mich war das immer der Soundtrack zum Mauerfall. Bei Techno gab es nicht mehr diesen Unterschied zwischen Ost und West, denn Techno war ja neu. Jede andere Musik hatte schon eine Vorgeschichte und entsprechend hätte da ein Westler zum Ostler sagen können: „Das kannst du ja gar nicht verstehen, weil bei euch gab’s das ja gar nicht!“. Und bei Techno war das nicht so. Techno hat mit dem Mauerfall seine Stunde Null erlebt, das war einfach der Soundtrack hier in Berlin zur Stunde: die Mauer ist gefallen, es clasht irgendwie und die Musik hat genau so geclasht und die Leute wollten einfach ausrasten.“

 

Tänzertip Online: Es kommen ja einige Techno-Veteranen zu Wort. Wie habt ihr eure Gesprächspartner ausgesucht und fehlen da nicht einige?

Holger Wick:
Theoretisch wären auch noch 50 weitere Leute in Frage gekommen. Es war klar, dass man nicht alle zu Wort kommen lassen kann. Wir haben versucht, eine interessante Mischung zusammen zu stellen: verschiedenen Städte, Ost und West, Djs,Veranstalter, Labelmacher, Produzenten, Plattenverkäufer, Visual Artists usw.. Jemand wie Tanith konnte gleich zu mehreren Themen etwas sagen, weil er ein wichtiger Berliner DJ war und auch noch für die Frontpage schrieb, ursprünglich aus der Frankfurter Ecke kam und dann Ende der 80er Jahre nach Berlin gezogen ist. Wir haben 30 Interviews gemacht. Unserer Meinung nach repräsentative, aber der Film hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit!

tip Online:
Warum habt ihr euch bei eurer Betrachtung auf die Jahre '88 bis '93 festgelegt?


Holger Wick:
Die Anfangsjahre sind meist die spannendsten. Da alles neu ist und es noch keine oder nur wenige Vorgaben gibt, ist die Experimentierfreude auch entsprechend größer. Die Gegenwart des Techno ist durch Filme wie "Feiern" oder auch durch unser anderes Projekt, das DVD Magazin "Slices" entsprechend dokumentiert. Aus der Anfangsphase hingegen gibt es nur sehr wenig.

Maren Sextro:
Das Thema „Techno“ ist riesig. Irgendwie muss man Grenzen setzen. Daher haben wir gesagt: Techno, Entstehungsphase, Szene, in Deutschland. Der Höhepunkt unseres Films, ist zeitlich und inhaltlich gesehen, die Love Parade 1991. Wir haben den Anfangspunkt mit der EBM/Industrial- und Acid-Szene 1988 gesetzt, weil sich da viele Leute zusammen fanden, deren Verbindungen später wichtig waren. Und wir steigen ca. 1992/93 wieder aus, weil da unserer Meinung nach die groben Strukturen standen, das Phänomen Techno einigermaßen etabliert war. Und da es „nur“ ein paar Jahre sind, die wir beleuchten, konnte man auch mal an der ein oder anderen Stelle in die Tiefe gehen.

Eingang UFOtip Online: Wo steht Techno heute? Was ist aus der Parole "We'll never stop living this way" geworden?

Holger Wick: Bahnbrechende neue Dinge sind - von der ganzen digitalen Entwicklung mal abgesehen - für mich nicht mehr entstanden. Von daher haben viele Dinge von damals heute im Grunde noch ihre Gültigkeit, werden nur etwas anders zelebriert. Die Szene hat sich gesund geschrumpft, es gibt wieder jede Menge interessanter Veranstaltungen, wo man unter sich feiert.
Viele Leute leben auch dafür und davon. Das sind wohl die Parallelen zu damals.

Interview: Laura Ewert


Infos zu Maren Sextro und Holger Wick

"We call it Techno!" Premiere

Veröffentlichung der DVD am 23.6.

zu bestellen unter www.sensemusic.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 26.06.2008

Kommentare

Ich glaube da irrt Holger Wick:

"...Von daher haben viele Dinge von damals heute im Grunde noch ihre Gültigkeit..." Nichts von damals ist heute im Grunde genommen noch wichtig. Dieser ganze theoretische Unterbau von damals - wen…Lesen »

Alle anzeigenDiese Nutzer haben ""Techno war mehr als das"" zu ihren Favoriten hinzugefügt (2 Nutzer)

Jackie A.skol

Weitere Favoriten dieser Nutzer

120 Tage Playboy
Grill Royal
Der Chefredakteur & ich
Ballhaus Ost
Alles Banane
Bunte Parade gegen Mediaspree

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 21/2014

Mein Freund, der Nachbar: Neue Wohnmodelle verändern die Stadt || Der Europäische Monat der Fotografie || Kraftklub: Der Hype geht weiter || Frank Schätzing: Bestsellershow im Tempodrom || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 09.10. - 22.10.2014.