Über Kunstkonserven und Urheberrechte

Über Kunstkonserven und Urheberrechte  

CDsEs wird derzeit wirklich sehr viel geredet übers Urheberrecht, über legale und illegale Downloads, über den Wert von Kulturgütern, darüber, wer was von wem zu welchem Preis überhaupt nutzen darf. Leider aber kommt diese zugegebenermaßen längst überfällige Auseinandersetzung wohl zu spät, denn nicht nur weigern sich die Menschen heute, überhaupt noch etwas für die von ihnen aus dem Netz gefischten Kulturgüter zu bezahlen; sie scheinen sich zudem kaum noch dessen bewusst zu sein, dass es sich bei Musik, bei Büchern oder Filmen überhaupt um bleibende oder erhaltenswerte Güter handelt. Kein Wunder, hat man es ihnen zuletzt schließlich auch genauso beigebracht.
Längst nämlich reihen sich Kulturgüter, deren Gefährdung durch mangelden Urheberschutz gerade wortreich beschworen wird, in eine generelle Produktschwemme ein, bei der es gar nicht mehr um individuellen Wert oder Nutzen geht, sondern lediglich noch um ein Möglichst-viel-für-wenig-Geld.
Mit der Einführung von Flatrate- und Streaming-Modellen, wie sie derzeit als letztes Mittel der Musikindustrie gelten, um Profitmargen gegen illegale Tauschbörsen und zahlungsunwillige User zu verteidigen, wird nun auch beim Kunst-Konsumenten das gleiche Schnäppchen-Gen angetriggert, über das man den Leuten im Supermarkt weit überdimensionierte Fleischfetzen oder gigantische Cerealien-Packungen andreht, sie zum Flatrate-Saufen in der Kneipe animiert oder sie zum All-you-can-Fuck ins Bordell lockt.
Durchs austauschbare, oft gesichtslose Massenangebot wird die Kunst weiter zur Ware abstrahiert. So wie ein Fleischbrocken nur noch entfernt an das Lebewesen erinnert, dem er aus den Rippen geschnitten wurde, erscheinen uns Downloads – und mehr noch Streams, die erst gar nicht mehr unsere Festplatten erreichen – nur noch als das, was sie ja eigentlich auch sind: schlichte Dateien, ohne Etikettierung gänzlich losgelöst vom Produzenten und vom Urheber, gleich wichtig oder unwichtig wie irgendwelche Zahlenkolonnen, Grafiken oder auch Spams auf dem Rechner.
FleischIn dieser Hinsicht hat die technische Entwicklung in der Unterhaltungsindustrie und im Einzelhandel bereits zusätzliche bedauernswerte Fakten geschaffen: Suchen Sie einmal in üblichen Elektrogroßmärkten nach einem befriedigenden Angebot an simplen Stereoanlagen, vernünftigen CD-Playern oder gar Plattenspielern – Sie werden scheitern. Denn diese zielgerichtet anwendbaren Produkte werden kaum noch produziert. Stattdessen subsummiert man Fernseher, Stereoanlagen und PCs mittlerweile zu monolithischen "Home Entertainment Centern" – ob Filme gucken, Musik hören, Ballerspiele oder Büroarbeit, alles mutet gleich an, alles wird mit der gleichen Gerätschaft und Software an gleicher Stelle absolviert und ist für den Konsumenten bald auch nicht mehr voneinander unterscheidbar – so wie die elektronischen Grundbestandteile eines Mikrowellenherdes auch nicht mehr groß von denen eines CD-Brenners differieren dürften.      
Dabei muss ein Gerät gar nicht alles können. Auch ein Mensch nicht. Und eine Kunstdarbietung muss auch nicht überall passend gemacht werden, um genießbar zu sein. Sie muss aber als solche erkennbar bleiben, um Wertschätzung zu erhalten. Was zum Beispiel der anhaltende Zuspruch für Livekonzerte – trotz oft exorbitanter Preise – belegt. Für ein Springsteen-Ticket im Olympiastadion zahlen die Leute ungerührt 100 Euro, während ihnen 99 Cent für ein flüchtiges Download oft schon zu viel sind.

Text: Hagen Liebing

Fotos: Susan Schiedlosky

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 30.04.2012

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