Wer schläft, fliegt raus: Kater Holzig

Wer schläft, fliegt raus: Kater Holzig  

Kater Holzig

Die Party kann auch ganz schnell vorbei sein. "I just came to Berlin to be here", beklagt sich wütend der prollige Brit-Raver am Eingang. Sogar der "Guardian" hatte ihn gewarnt, dass es nicht so einfach sei, an der kapriziösen Türsteherin mit der roten Kappe vorbeizukommen. Das Türpersonal ist freundlich, aber bestimmt, und hat schon im E-Werk und der Bar25 die Einlasspolitik betrieben.
Dem sich wütend trollenden Engländer möchte man zurufen, dass er es vielleicht das nächste Mal in einer Tierverkleidung versuchen soll, denn diese Art von Fanciness trifft genau den Kater-Holzig-Style. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann auch einen Platz im Katerschmaus-Restaurant buchen, denn dann ist man automatisch auf dem Gelände. Für heute hat der unglückliche Brite die Wahl, die anderen Angebote der Köpenicker Straße anzunehmen, die sich zur nicht mehr ganz heimlichen Hauptstraße klassischen Berliner Nightlife-Entertainments entwickelt hat. Technotanzen im Tresor, freie Liebe im KitKatClub, Chillen am Sage Beach, das Kater Holzig von außen angucken im Kiki Blofeld oder in den Lichtpark, der direkt neben dem Kater liegt und eine Art Bar25-Kopie ist für alle, die dort schon nicht reingekommen sind. Doch wer in den Kater will, will nur in den Kater.
Kater Holzig"It’s so fucking Berlin", raunen die Spanier, die den Sprung über die Schwelle geschafft haben und dankbar den Zehner Eintritt bezahlen. Tatsächlich ist das Kater Holzig mit den Graffiti an den Wänden, die so ein bisschen ans gerade verschwindende Tacheles erinnern, und der einzigartigen Holzlandschaft, die die Crew in monatelanger Arbeit errichtet hat, eine Oase inmitten einer Hauptstadt, die immer geleckter wird. Auch das Kater Holzig hat vorerst nur eine Genehmigung bis zum Jahr 2013. Die Endlichkeit von Clubs jedoch ist Teil ihrer Legendenbildung und wird damit kompensiert, dass viele Katerbesucher so viel Zeit wie möglich dort verbringen. Das Ideal der mehrtägigen, schier endlosen Party aus Bar25-Zeiten wird hier weiter kultiviert.
So ist das ultimative Fashion-Accessoire zum Kater Holzig die "Uhr" von Timeless Berlin, Vintage-Uhren aller Art an Armbändern oder Ketten, bei denen die Zeiger oder Zeitmesswerkzeuge entfernt wurden und die an einem kleinen Tischchen für 25 Euro weggehen. Eine Münchnerin hält auch das für "typisch": "Sperrmüll und Schrott zum Kult erheben – das ist Berlin, aber ich mach mit", und kauft gleich drei Unikate als Mitbringsel.
Kater HolzigDer Vergleich zur Bar25 ist allgegenwärtig und naheliegend. Größtes Sinnbild dafür ist der riesige Baumstumpf aus der Bar, der als tot galt, und der ins Kater Holzig umversetzt wurde und dort auf einmal einige zarte Blüten schlägt. Der Kater Holzig legt allerdings Wert darauf, eine Kulturtagesstätte zu sein und kein Nachtclub; ein 24-Stunden-Spielplatz für Hipster. Samstagnacht ist das Publikum beinah posh und fast schon ein wenig Ibiza-like. Sexy Girls mit teuren Handtäschchen, gut aussehende Boys mit offenen Hemden. Angesagt ist alles, was nach einer Mischung aus Zirkus und Holzfäller ausschaut, Strohhüte, Bärte, Mädchen in Indianeroutfits oder Federschmuck und Katzenaccessoires aller Art. Das Publikum ist sehr international, Deutsch ist an diesem Abend nicht Hauptverkehrssprache. Gesprächsthema der wenigen Berliner: "Sind die Franzosen die neuen Spanier?" Wobei Spanier hier Synonym für extrem feierwütige aka total breite, hemmungslose Feiertiere gilt. Doch auch Italiener, Skandinavier und eine Menge Israelis sind am Start, und keineswegs nur Easyjet-Touristen. Luca (26) aus Milano switcht zwischen Ritz Carlton und Kater Holzig. Die Touristen sind toleriert, aber nicht geliebt – der Berliner kommt seit jeher später und definiert sich durch seine Distanzierung zu den Gästen der Stadt. Der Tag für die Berliner ist der Montag, auf den die Programmplaner des Katers inzwischen manches Musik­highlight verlegen – ein schlauer Schachzug, um einen Tag, an dem in einer bürgerlichen Welt nicht ausgegangen wird, auch noch voll zu bekommen und schon durch das De-facto-Ausgrenzen von Arbeitsbürgern eine Pre­selection zu schaffen.
Das Personal schiebt Zwölfstundenschichten, und einer der Barmänner gibt zu, dass es manchmal schon ein wenig seltsam sei, wenn man nach zwölf Stunden Pause wiederkommt und immer noch die gleichen Leute antrifft, selten in dem Zustand, in dem man sie zurückgelassen hatte. Wer den Club verlässt, muss damit rechnen, beim Wiedereinlass noch mal Eintritt zu bezahlen. Geregelt wird das über den Stempel, den man am Eingang auf den Handrücken erhält: Donnerstags gibt’s ein K, Freitag ein A, samstags ein T, Sonntagmittag ein E und ab Montag ein R auf die Hand gedrückt, wer schon einen Stempel hat, zahlt für den nächsten nur die Hälfte oder ein Viertel, und ja, es gibt schon einige wenige, die am Dienstagmorgen, wenn endgültig Schluss ist, "KATER" auf ihrem Unterarm stehen haben. Zwei anwesende Gören überlegen, ob es sich womöglich lohnt, sich gleich die KATER-Stempel auf den Unterarm zu tätowieren.
Kater HolzigNicht alle Gäste haben Marathon-Feierambitionen, die Publikumsfluktuation führt immer wieder dazu, dass Neuankömmlinge auf Hängengebliebene treffen, gerade am Sonntagmittag füllt sich der Kater mit einigen älteren Semestern, die nur für ein paar Stunden bleiben. Die Endlosigkeit der Party hat ihren Charakter verändert. Der Minimalsound, der gerade am Sonntag unverändert wabert, sorgt selten für energetische Highlights. Drogen wie GHB (was im Wesentlichen aus der Essenz besteht, mit der man z.B. Eddingstift-Farbe von Wänden wegätzt) oder Ketamin (im Allgemeinen zur Betäubung von Vieh vor dem Schlachtvorgang verwendet), die von einer kleinen Minderheit genutzt werden, passen ins Bild. Deren User beklagen sich, dass das Kater Holzig ihnen nicht so viele Rückzugsmöglichkeiten wie die Bar25 bietet. Wer irgendwann wegdämmert, wird vom umsichtigen Personal aufgefordert zu gehen oder sanft hinausbegleitet. "Ist gut jetzt", wird demjenigen, der den Absprung nicht gepackt hat, friedlich zugeraunt.

Kater Holzig, Mitte, Michaelkirchstraße 22, 16 Uhr - open end

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.09.2011

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