Theater und Bühne in Berlin

Foreign Affairs: „Partita 2“ im Haus der Berliner Festspiele

Extra dry: Die Choreografen Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz geben sich die Ehre und eröffnen "Foreign Affairs" mit "Partita 2"

Partita_2_fa13_p_de_keersmaerker_charmatz_c_anne_van_aerschotKlassikfreunde, aufgemerkt. Es spielt die „Partita für Violine Nr. 2“ in d-Moll von Johann Sebastian Bach. An der Violine: Amandine Beyer. Wer sich darauf freut, sei gewarnt, denn dies ist die Eröffnung des der zeitgenössischen Theaterkunst gewidmeten Festivals „Foreign Affairs“. Nun, Freunde zeitgenössischer Tanzkunst, aufgepasst. Es tanzt die berühmte belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker höchstpersönlich, und mit ihr der französische Choreograf und Talente-Netzwerker Boris Charmatz.

Letzterer war sogar mal Professor in Berlin, am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz, hatte es sich dann aber besser überlegt und ist wieder zur Kunst davon, genauer: zu seinem Musйe de la danse in Rennes, wo er nichts anderes ausstellt als durch und durch lebendige Tänze. Vor zwei Jahren trafen sie sich in Avignon beim Festival: De Keersmaeker, der ebenso berühmte Jйrфme Bel und Boris Charmatz – und sie haben überlegt, wie es denn wäre, wenn jeder von ihnen in einem Stück des jeweils anderen auftreten würde. Nun, Bel fand das wahrscheinlich zu konzeptuell. Dafür lud die hager-strenge Anne Teresa De Keersmaeker den flauschigen Tanzmeister Boris Charmatz zu sich nach Brüssel ein. Und sie sprachen über Bach, über dessen berühmte „Goldberg-Variationen“, die ja immer wieder getanzt werden, während diese Partita, so Charmatz, nie getanzt wurde, weil sie „supertrocken“ sei, extra dry, also genau das Richtige für Zeitgenossen mit Geschmack. Der spiralförmige Kreidestrich, der bei De Keersmaeker immer wieder die Laufrichtung markiert, die heiteren Sprünge, die an Kindertänze erinnern, welche Madame ja schon seit ewig verehrt, werden Kennern im Publikum bekannt vorkommen – denn sie treibt das so bereits seit fast dreißig Jahren, weshalb es auch heute so aussieht, als sei ihr Werk die Klassik des zeitgenössischen Tanzes.

Partita_2_fa13_p_de_keersmaerker_charmatz_c_anne_van_aerschotCharmatz ist ebenfalls nicht ganz ohne, schafft es sogar, gleich griesgrämig wie De Keersmaeker dreinzuschauen und macht ihr demütig alles nach. Wenn sie fällt, fällt er, damit sie wieder aufsteht, und er wieder auf die Beine kommt. Das Bach-Konzert gibt’s gleich am Anfang, und wenn die beiden irgendwann mal zu tanzen beginnen, dann hört man nicht mehr die Musik, sondern das Echo. Und entdeckt dabei in der Kunst des zeitgenössischen Tanzes die Struktur der klassischen Musik, ohne dass sich beides je in die Quere käme. Es ist also nicht Musik, zu der getanzt wird. Es ist ein Tanz, der in der fernen Klassik die Architektur des eigenen Körpers findet.

Text: Arnd Wesemann

Foto: Anne Van Aerschot

Partita 2 Haus der Berliner Festspiele, Do 27.?–?Sa 29.6., 20.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00   

 

 

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