Kino & Film in Berlin

„The Tree of Life“ im Kino

Terrence Malick dichtet seine Familiengeschichte zum kosmischen Epos um: Der Cannes-Gewinner ist eine mythopoetische Bildersymphonie über Anfang und Ende der Welt. Das maßloseste Homemovie, das je gedreht wurde.

The Tree of Life

Wenn die Sonne in fünf Milliarden Jahren ihren Wasserstoffvorrat erschöpft hat, sich zum Roten Riesen aufbläht und die Erde verschlingt, sind die Tage der Apokalypse auch für Nichtgläubige gekommen. Der Philosoph Jean-François Lyotard hat spät in seinem Leben einen kleinen Aufsatz über dieses Ende allen menschlichen Strebens geschrieben und spekuliert, ob nicht die ganze technische Moderne darauf hinauslaufen wird, unser Wissen, unsere Erinnerungen und vielleicht auch uns selbst zu retten vor diesem galaktischen Armageddon. Das wäre der große Plan für Materialisten, die sich nach Unsterblichkeit sehnen. Der spirituelle sieht anders aus.
Terrence Malicks „The Tree of Life“ versammelt neben alltäglichen Szenen aus dem Leben einer Familie im Texas der 1950er-Jahre auch grandiose Panoramen des finalen Sonnen-Infernos, erschaffen mit Supercomputern und der analogen Zauberkraft der Techniker Hollywoods. Es ist für Malick der Auftakt der Auferstehung und der letzte Wendepunkt in einer abwechselnd sakralen und dann wieder ganz irdischen Bildersymphonie, die in vier assoziativ ineinander verschachtelten Sätzen vom Kleinsten zum Größten übergeht und dabei doch immer nur um ihn selbst kreist.
Malicks Film hat in jeder Hinsicht ein Format, das im Gegenwartskino einzigartig ist. „The Tree of Life“ ist unbescheiden im Anspruch und furchtlos in der Kombination von alttestamentarischen Texten mit Bildern betörender, alltäglicher Schönheit: Die Geburt und das langsame Erwachen des Bewusstseins der drei Kinder einer anfänglich idealtypisch erscheinenden Familie der amerikanischen 1950er-Jahre filmt und montiert Malick als assoziativen Bilderstrom, dem man anzusehen meint, dass die Kamera wie ein stiller Zeuge tagein, tagaus zwischen diesen Menschen gelebt hat.
The Tree of Life„The Tree of Life“ ist ein maßloses Homemovie, gedreht mit 34 Millionen Dollar Budget und Hollywoodstars wie Sean Penn und Brad Pitt, die gemeinsam mit Jessica Chastain und den drei großartigen Kinderdarstellern die Erinnerungslandschaft ihres Autors und Regisseurs zum Leben erwecken. Die Welt dieser Familie in Smithville, Texas hat viele Gemeinsamkeiten mit Malicks eigener Kindkeit im texanischen Waco (samt der Arbeit des Vaters als Industrie-Ingenieur, dem schweren Verbrennungsunfall des einen Bruders und dem Selbstmord des zweiten, musisch hochbegabten). Und man darf vermuten, dass auch der Konflikt der Ideale und Werte zwischen den Eltern, ebenso wie die Maßlosigkeit ihrer an die Kinder vererbten Ansprüche nicht nur dem fiktiven Filmuniversum von „The Tree of Life“ entstammen.
Aus der allerfrühesten Kindheit bewegt sich Malicks Film als mythopoetisches Familienbild in die beginnende Pubertät der drei Jungen und von dort zu einer vierten, leider doch ein wenig an „Wachtturm“-Cover erinnernden Ebene, in der man den ältesten Bruder (erwachsen: Sean Penn) in der kristallinen Gegenwart der kalten Moderne wiederfindet, immer noch einem Spannungsfeld ausgesetzt, das der Regisseur zu Beginn etabliert hat. Schon in den ersten Szenen legt ein Satz die Leitlinie des ganzen Films fest: Das Dasein, so hat es die Mutter (Chastain) von den Nonnen gelernt, verlange eine Entscheidung zwischen dem Weg der Natur, der Autorität und dem der Liebe, der Gnade – zwei Pole, zwei Prinzipien, die „The Tree of Life“ auf vielfältige Weise in dieser Familie wiederentdeckt.
The Tree of LifeMalick hat sich mit nur einer Handvoll Filmen und einer gehörigen Portion eigener Exzentrik einen legendären Ruf erworben. Seine Überempfindlichkeit gegenüber den professionellen Herausforderungen des Filmgeschäfts und sein Wille, den eigenen Blick auf die Welt gegen das Gerede und die Meinungen der Mediengesellschaft zu verteidigen, machten ihn früh zum Außenseiter einer Industrie, der er sich ohnehin nur auf Nebenwegen angenähert hatte. Bevor er zum Kino kam, verfolgte er eine akademische Karriere als Philosoph, er studierte in Harvard und ging weiter zum Doktoratsstudium nach Oxford, wo er ein Dissertationsprojekt über Kierkegaard, Heidegger und Wittgenstein abbrach. Eine kurze Weile noch blieb er im akademischen Universum, unterrichtete an der Elite-Uni M.I.T. und übersetzte einen zentralen Heidegger-Aufsatz, „Vom Wesen des Grundes“, ins Englische – ein trotz seiner Schmalheit begrifflich unendlich weit ausgreifender Text und gerade darin schon ein passendes Modell für Malicks eigenes Werk. Die Lehre lag ihm freilich so wenig wie der folgende kurze Ausflug in den Journalismus.
Als Malick sich 1969 am eben gegründeten American Film Institute als Student einschrieb, im selben Jahrgang wie Paul Schrader und David Lynch, hatte er eine zugleich prekäre und ziemlich gefestigte intellektuelle Biografie hinter sich, die sich bald auch in seinen Filmen niederzuschlagen schien.
In seinem Debüt „Badlands“ (1973) und mehr noch in allen später folgenden Arbeiten schaffen das assoziative Aufrufen von Bildern, die kleinen, oft nur skizzenhaft angespielten Szenen und die dezentrierten Erzählerstimmen aus dem Off einen Resonanzraum, der viel reicher ist als alles, was eine klassische, lineare Erzählung herstellen könnte – als würde man die Erinnerungswelt einer anderen Person bewohnen können, mit allen Freuden und Schrecknissen, die das in sich bergen mag.

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