Stadtleben und Kids in Berlin

Unterwegs mit dem Kokstaxi

Seine Ware: Kokain. Sein Transportmittel: das "Kokstaxi". Seine Kunden: alle, die seine Telefonnummer haben. tip-Autor Thomas Bellacker begleitete einen Tag lang einen mobilen Kokain-Dienstleister bei der Arbeit

droge_tip14.55 Uhr, Wittenbergplatz. „Bob“ steht mit seinem Kleinwagen am Wittenbergplatz. Er ist Mitte 30, rothaarig, hat ein freundliches Lächeln. Natürlich heißt er nicht wirklich Bob, aber er hat einen amerikanischen Akzent und einen extrem unauffälligen silbernen japanischen Kleinwagen. Sein „Kokstaxi“.

„Ab 15 Uhr mache ich das Handy an. Vorher lohnt es nicht. Aber es gibt viele Typen – die Kreativen –, die in der Mittagspause schon ein bisschen Wein getrunken haben und dann was haben wollen, um weiterzuarbeiten.“ Genau genommen ist das Kokstaxi gar kein Taxi, es ist ein Kokain-Bringdienst mit Telefonnummer. Bobs Kokstaxi hat gerade seine Öffnungszeiten verlängert. Früher war Bob erst ab 18 Uhr unterwegs, seit Kurzem ist die Handynummer bereits ab 15 Uhr erreichbar. Bis drei Uhr nachts wird berlinweit Koks durch die Stadt gefahren und an eine höchst unterschiedliche Klientel geliefert. Am Wochenende bis sechs Uhr.

Tatsächlich klingelt um Punkt 15 Uhr das Telefon, es scheint sich ein alter Bekannter zu melden. Bob guckt leicht genervt. „Bei dem war ich das letzte Mal um drei Uhr nachts, der hat mit seinen Freunden weitergefeiert und sitzt nun auf dem Trockenen. Solche Kunden machen natürlich guten Umsatz, aber sie sind auch gefährlich, weil sie nicht vorsichtig sind und sich an keine Regeln halten.“
Bobs wesentliche Regeln sind wie folgt:

1. Niemals am Telefon den Anschein erwecken, es würde hier um ein Drogengeschäft gehen, oder gar das Wort Kokain benutzen.
2. Immer Bargeld möglichst abgezählt bereithalten, keine Diskussion beim Zahlungsvorgang, keine Kreditwünsche.
3. Pünktlich beim Treffpunkt erscheinen, sich unauffällig verhalten, niemals jemand Unbekanntes ungefragt mitbringen.
4. Wenn man Bob jemanden vorstellen möchte, ihn vorher sehr freundlich danach fragen und seine Zustimmung erbitten.

Spaßkokser und Süchtige

Die Fahrt geht an den Hohenzollerndamm. Bob hat offenbar für jede seiner Lieferadressen bereits ausgekundschaftet, wo er am besten parken kann. Die Übergabe des eingeschweißten Plastikkügelchens gegen 70 Euro Bargeld durch das Autofenster dauert nur wenige Sekunden. Der Käufer, der schon so lange wach ist, sieht tatsächlich ebenso unauffällig wie leicht verrutscht aus, benimmt sich aber nach den Regeln dieses Spiels professionell.

Meine Präsenz erklärt er dem Kunden damit, dass ich der „neue Bob“ sei, falls er mal nicht da sei. Ich bin irritiert. Bob lacht. „Die meiste Zeit fahre ich selber, aber bei täglich zwölf Stunden und am Wochenende sogar 15 habe ich zwei Ersatz-Bobs, die mit meinem Telefon fahren. Das Wichtigste ist nicht die Person, die fährt, sondern die Telefonnummer, die geht.“

Der nächste Anruf kommt. Es geht zum Potsdamer Platz. Bob sagt den Kunden recht präzise voraus, wann er ankommen wird. „Ich ruf zwei Minuten, bevor ich da bin, an. Dann kannst du runterkommen.“ Als wir eintreffen, ist der Kunde nicht da und Bob leicht genervt. Er ruft direkt an mit leicht kommandierendem Ton: „Wo bist du? Ich muss weiter.“ Zwei Minuten später hetzt ein Typ im Anzug und Streifenhemd vorbei, entschuldigt sich gestenreich und verschwindet genauso schnell wieder. Die nächsten drei Fahrten verlaufen ebenso unspektakulär. 

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Frankfurter Allee: ein Normalo, den man keiner Branche zuordnen könnte. Schlesisches Tor: eine Frau, die so aussieht wie die Sekretärin eines Start-ups und gleich fünf Kügelchen holt. Bergmannstraße: der Wirt eines Restaurants. Oder jemand, der dort arbeitet. Ich frage Bob, ob er mehr über seine Kunden weiß. „Nur, wie oft ich vorbeikomme – und das sagt ja manchmal schon eine Menge aus. Ich mache den Job ja nicht, um Freunde zu finden.“ Insofern hat Bob keinen so unterschiedlichen Berufsalltag wie ein normaler Kurier- oder Taxifahrer. In seinem Leben davor war er tatsächlich mal Bassist einer erfolglosen Band, er ist auch Fernfahrer gewesen. „Aber das bringt doch finanziell nichts“, lautet sein knappes Fazit.

Plötzlich sagt er abrupt: „So, ich lass dich jetzt mal für eine Viertelstunde an der Tankstelle raus. Iss ein Brötchen und mach’s dir bequem, ich hole dich gleich wieder ab. Keine Fragen!“ Bob holt Nachschub und verbittet sich jede Rückfrage dazu.

Als er mich tatsächlich genau nach 15 Minuten wieder einsammelt, frage ich ihn, ob er nicht Angst hat, erwischt zu werden. „Natürlich ist das alles ein riskanter Job, aber wenn du professionell bist, ist es vielleicht weniger gefährlich, als man denkt.“ Professionell bedeutet: niemals größere Mengen mit sich herumzutragen, immer die gleiche Qualität des Stoffs zu liefern, nicht wie in der Branche üblich bei der Menge pro Einheit zu betrügen, sprich: Ärger mit den Kunden zu vermeiden, sodass jeder der Süchtigen oder Spaßkokser Bob und seinen Service für eine segensreiche Einrichtung hält und ihn nicht verpfeift. Professionell bedeutet aber auch vor allen Dingen, nicht selbst sein bester Kunde zu sein und stets nüchtern zu bleiben. „Ab und zu ist es auch gut, die Nummer zu wechseln. Man schmeißt alle raus, mit denen es Probleme gab, und schickt allen anderen eine SMS mit der neuesten Nummer heraus.“

Vier Anrufe hintereinander – aus vier Stadtteilen

Gegen Abend wird es hektisch bei Bob. Gleich vier Anrufe in kurzer Zeit und alle aus verschiedenen Stadtteilen. „Normalerweise gilt: Wer zuerst anruft, kommt zuerst dran“, sagt Bob. „Jetzt muss ich zum Routenplaner werden.“ Die Route richtet sich dann auch nach der erwarteten Bestellmenge, den Treueboni für Stammkunden und der Verkehrslage. Bob dirigiert seine Kunden so, dass sie möglichst in Fahrtrichtung stehen.

Drei der vier Kunden kann er beliefern, dem vierten in Hohenschönhausen ist Bobs Ansage „Ich brauche eine Stunde“ deutlich zu lang, was Bob mit einem „Verstehe ich, aber es geht nicht anders“ kommentiert. Ich frage ihn, was der Hohenschönhausener denn nun macht. Bob sagt: „Der hat bestimmt eine andere Taxinummer.“

Auf wie hoch schätzt er die Anzahl der Koks-Taxis in Berlin? „Keine Ahnung. 20, 50, 100 – es gibt einige, ich hör das ja immer von meinen Kunden. Sie erzählen mir, dass sie froh sind, dass es mich gibt. Zuverlässig, guter Stuff, okayer Preis, kein Theater.“ Demzufolge erreichen die anderen Kokstaxis nicht Bobs hohen Standard, weil sie „nicht professionell“ sind und ihren Kunden nicht die Regeln beibringen. Was sein lustigstes Erlebnis bisher im Kokstaxi war, frage ich. „Das ist ja kein lustiger Job. Drei Nutten, die Sex für Stoff angeboten haben – ist das lustig? Oder ein irrer Börsentyp, der Aktien gegen Koks tauschen wollte? Oder jemand, der direkt aus der Klapse angerufen hat und wollte, dass ich reinkomme, weil er nicht rauskommen kann. Wenn man es genau nimmt, ist auch das nicht lustig.“

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Es ist Abend geworden. Bob muss erstaunlich oft vor Restaurants halten, aus denen jemand heraushuscht, auch vor einem Bordell.  Das alte Extrabreit-Lied „Kokain“ fällt mir ein. „Schauspieler, Musiker, Politiker, Prostituierte, Manager, Zahnärzte“ werden dort als Kokszielgruppe genannt. Heute sind es Raver, Gastwirte, Bauarbeiter, Programmierer, Studenten – der Stoff ist weit in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was wäre mit seinem Geschäftsmodell, wenn Koks nun legalisiert werden würde? Bob sagt: „Das wird schon nicht passieren. Wenn doch, wäre es natürlich erst mal blöd für mich, aber dann wird es etwas anderes geben, was man umherfahren könnte.“ Und wie lange will er den Job noch machen? „Ich bin noch nicht durch“, sagt er. Gemeint ist wohl, dass er noch nicht so viel verdient hat, dass er sich zur Ruhe setzen könnte. Wie viel er verdient, verrät er allerdings auch nicht: „Es liegt nicht in meinem Interesse, dass jetzt andere auch noch auf die Idee kommen, ein Kokstaxi aufzumachen.“ Bei den rund 30 Einheiten, die er von 15 bis 24 Uhr verkauft hat, rechnen Experten mit etwa 600 bis 800 Euro.

Gegen Mitternacht will er mich noch einmal bei der Tankstelle aussetzen, um Nachschub zu holen. Ich verzichte dankend auf die Weiterfahrt. Bob nickt: „Das war eine gute Abwechslung mit dir, der Job hier ist manchmal schon ganz schön einsam.“ Und dann sagt er noch: „Bitte schreib keinen Scheiß.“

Foto: Christian Werner

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