Neue Liberale Moschee

„ Ich eröffne eine Moschee – keine Sauna oder Bar!“ – Gespräch mit Seyran Ateş

Die Juristin und Feministin Seyran Ates, 54, will Imamin werden. In ihrer Gemeinde sollen Frauen und Männer gemeinsam beten. Ein Gespräch über Mut, Beleidigungen und den Urzustand des Islam

Seyran Ateş

Moscheegründerin: Seyran Ateş, 1963 in Istanbul geboren, kam 1969 als Kind einer kurdisch-türkischen Großfamilie nach Berlin. Die Anwältin setzt sich seit Jahren für Frauenrechte und eine Reform des Islam ein. Die Ibn Rushd-Goethe Moschee, benannt nach einem muslimischen Universalgelehrten aus dem 12. Jahrhundert und dem deutschen Nationaldichter, wird am 16. Juni in einem Gemeinderaum der St.-Johannis-Kirche, Alt-Moabit 25, Tiergarten mit einem Freitagsgebet eröffnet. Am selben Tag erscheint Seyran Ateş’ neues Buch „Selam, Frau Imamin“ (Ullstein, 256 S., 20 €).

tip Frau Ateş, woher nehmen Sie Ihren Mut?
Seyran Ateş Ich will mich da jetzt nicht überhöhen. Aber wenn ich mir die Biografien von Menschen anschaue, die für etwas gekämpft haben, dann sagen sie alle das gleiche: Wir können nicht anderes.

tip Schon mit 17 Jahren haben Sie Ihre kurdisch-türkische Großfamilie verlassen.
Seyran Ateş Ich bin abgehauen! Und mit  21 Jahren wurde ich angeschossen.

tip Das war in einem Frauentreffpunkt und Beratungsstelle. Ihre Klientin starb dabei.
Seyran Ateş Und 2006 habe ich meine Kanzlei geschlossen.

tip Damals bekamen Sie als Anwältin Morddrohungen. Wie auch drei Jahre später, als Ihr Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ erschien.
Seyran Ateş Es gab immer Gründe, warum ich mich aus der Öffentlichkeit herausziehen musste. Jetzt gerade ist es ruhig. Ich bekomme aber immer noch Beleidigungen. Manche meinen, ich verdiene die Todesstrafe. Vor allem aber schreiben mir ekelhafte Männer: Du gehörst gefickt, du verfickte Fotze. Immer ficken, ficken, ficken!

tip Wie kamen Sie auf die Idee, selbst eine Moschee in Berlin zu gründen?
Seyran Ateş Durch die deutsche Islamkonferenz. Der damalige Innenminister Schäuble hat die Konferenz 2006 einberufen. Ich wurde gefragt, ob ich mitmache. Ich sagte ihnen: Seit 2003 habe ich nur Stress mit diesen Leuten, weil ich als Erste den eigenen Straftatbestand für Zwangsheirat gefordert hatte. Dann die ganze Sache mit den Ehrenmorden. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ hetzte 2005 das ganze Jahr gegen mich. Ich war am Ende. Aber Markus Kerber, damals Schäubles Mitarbeiter, hat mich überzeugt, dass so eine Stimme nötig ist.

tip 2009 verließen Sie die Konferenz wieder.
Seyran Ateş Ich habe sie nicht verlassen. Man hat mich sozusagen auf Druck der Verbände rausgeschmissen. Als ich von den muslimischen Verbänden als Frauenrechtlerin nicht gewünscht war, habe ich gesagt: Wir müssen eine Moschee gründen, um wieder reinzukommen.

tip Solche Ideen entstehen in Berlin normalerweise nachts um drei in einer Kneipe.
Seyran Ateş Das war eher beim Yoga oder beim Beten. Als ich mit meiner Mutter darüber sprach. Und durch die Gespräche  mit Herrn Schäuble.

tip Sie gründen Ihre Moschee in unruhigen Zeiten: Flüchtlingsdebatte, Terror, Streit um religiöse Symbole.
Seyran Ateş Ich habe vor acht Jahren damit begonnen. Und ich hätte mir so sehr gewünscht, dass es sofort passiert wäre. In meiner Wohnung habe ich damals das erste Treffen abgehalten.

tip Wer war dabei?
Seyran Ateş Ein schwuler Moslem zum Beispiel, ein Marokkaner, der Imam hätte werden können. Der sagte aber: Ohne Kopftuch in die Moschee, das geht gar nicht! Eine, die heute noch dabei ist, ist eine alevitische Rapperin aus Hamburg.  Dann waren aus meiner Familie meine Schwester und meine Brüder da. Und einzelne Freunde. Von denen sind nur wenige geblieben.

tip Warum?
Seyran Ateş Angst. Deshalb hat das so lange gedauert. Und viele Muslime sagen: Religion ist Privatsache. Gerade  die moderaten, die liberalen Muslime. Und sie haben Angst vor den Extremisten.

tip Diese Angst kann jetzt kaum kleiner sein.
Seyran Ateş Nein. Wir haben jetzt erlebt, dass Ehrenamtliche dazugekommen und wieder abgesprungen sind. Es gibt eine unglaubliche Einschüchterung. Aber es muss sich eine Masse bewegen, damit man gegen diese Einschüchterung angehen kann. Deshalb bleibe ich am Ball.

tip Sie wollen zudem selbst Imamin werden. Nicht gerade ein klassischer Frauenberuf.
Seyran Ateş Ich hätte vor 20 Jahren auch nicht gedacht, dass ich das mal mit Herzblut verfolgen würde. Das ist eigentlich das Ergebnis meiner Vernunftbegabung. Ich möchte auch mit konservativen Verbänden Dinge ausdiskutieren und nicht angegriffen werden: Du hast ja gar keine Ahnung vom Islam.  Wovon sprichst du überhaupt? Du bist doch nur ein Mädchen. Und Frauenrechtlerin. Deshalb werde ich ab Wintersemester bei Gudrun Krämer an der Freien Universität Islamwissenschaften studieren.

tip An der Humboldt-Universität soll 2018 das Institut für Islamische Theologie öffnen.
Seyran Ateş Sobald es das gibt, werde ich dort studieren. Aber mein großer Traum ist noch größer: Dass ich das in einem islamischen Land mache.

tip Ihr Ziel ist es unter anderem auch, den Islam zu erneuern. Eine Nummer kleiner hatten Sie es wohl gerade nicht?
Seyran Ateş Das sind ja nicht Erneuerungen, die sich die kleine Seyran ausgedacht hat.  Sehr aktuell spricht auch die Al-Azhar-Universität aus Kairo, die größte sunnitische Autorität in der islamischen Welt, von der Erneuerung des Islam. Warum? Weil auch die Gelehrten dort endlich erkannt haben, dass der Islam weltweit nur noch mit Terror in Verbindung gebracht wird.

tip Wieso wollen Sie dazu den Islam auf seinen Urzustand zurückzuführen?
Seyran Ateş Meiner Ansicht nach kann man Religion nie so betrachten, dass man die Schriften aus dem 7. Jahrhundert eins-zu-eins lebt. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Islams, das Leben des Propheten und das Haus, in dem er mit seiner Gemeinschaft gelebt hat, anschaut, dann sieht man, dass Männer und Frauen immer zusammen waren. Es gab nicht diese heutige Gender-Apartheid. Die haben auf dem Hof des Propheten zusammen gebetet!  Ich kämpfe dafür, dass Männer und Frauen gleichwertig vor Gott und gleichberechtigt in der Gesellschaft sind.

tip Dazu gehört dann auch ein gemischt­geschlechtliches Freitagsgebet?
Seyran Ateş Ja. Wir sind in der Moschee nicht mehr Mann oder Frau, sondern Menschen vor Gott. Und in dieser Situation Menschen zu sexualisieren, ist ein Problem des Einzelnen. Ich sage: vor allem der Männer. Wenn die aufgrund der Gebetshaltung sexuelle Phantasien entwickeln, sollten sie in sich kehren, zu Hause beten und nachdenken über ihre Spiritualität.

tip Das ist ja auch ein konservatives Argument gegen weibliche Imame: dass ihnen die Männer beim Gebet auf den Hintern starren.
Seyran Ateş Ich sitze da ja nicht im Minirock! Ich habe ein langes Gewand, das hat meine Schwester mir aus der Türkei mitgebracht. Es gibt Männer, die erschrecken, sobald sie hören: Moschee? Männer und Frauen zusammen? Als ob wir da eine Sauna, Bar oder Disko eröffnen würden!

tip Räume für eine liberale Moschee findet man vermutlich nicht bei den tip-Kleinanzeigen.
Seyran Ateş Ich habe in einer Sitzung eines Pfarrerkonvents in Berlin einen Vortrag gehalten. Am Ende bin ich beim Superintendenten Bertold Höcker gelandet, der auch da war. Wir haben Gespräche geführt, es kamen dann die Räume in der Sankt-Johannis-Kirche in Betracht. Und die mieten wir jetzt für ein Jahr.

tip In Ihrem Buch „Selam, Frau Imamin“ schreiben Sie von Amina Wadud. Die Islamwissenschaftlerin leitete 2005 in New York als erste Frau ein gemischtgeschlechtliches Freitagsgebet. Damals gab es eine Bombendrohung.
Seyran Ateş Die mussten deshalb in eine Kirche ausweichen. Amina Wadud habe ich 2009 persönlich in Malaysia kennengelernt. Das war fantastisch. Amina Wadud trägt Kopftuch. Sie kann leider zu unserer Moschee-Eröffnung nicht kommen. Aber Ani Zonneveld, die Mitbegründerin der Gruppe „Muslime für einen progressiven Islam“, wird zum Beispiel dabei sein und am Freitag den Ezan, den Ruf des Muezzin, machen und religiöse Lieder singen.

tip Braucht es Mut, Ihre Moschee zu besuchen?
Seyran Ateş Das denken einige. Ich glaube, dass wir eher mit Ignoranz bestraft werden.

tip Treffen Sie Sicherheitsmaßnahmen?
Seyran Ateş Natürlich. Ich stehe mit dem Landeskriminal­amt in Verbindung, seitdem ich diese beleidigenden Mails bekomme. Einer hat ein Video veröffentlicht, wonach wir Ungläubige wären. Auf Abfall vom Glauben steht die Todesstrafe. Im Grunde ist das ein Fatwa-Aufruf.

tip Sie sagen das erstaunlich entspannt.
Seyran Ateş Vielleicht, weil ich Anwältin bin und gelernt habe, mit Angriffen zu leben. Ich mache meine Arbeit, ich mache nichts Böses, niemand kann mir vorwerfen, dass ich irgendeine Frau auf den Strich schicke. Das war auch immer ein Thema in meiner Familie. Wenn ich raus wollte, ins Kino, hieß es: Willst du eine Hure werden? Ich bin von zu Hause weggegangen, und aus mir ist keine Prostituierte geworden, sondern eine sehr engagierte Anwältin und Buchautorin. Wobei ich die Abwertung der Prostituierten gleichermaßen schlimm finde. Gerade bei so vielen Anfeindungen muss man umso mehr einen klaren Kopf behalten. Und auch das habe ich gelernt in den vielen Jahren: dass man nur mit einem klaren Kopf auch gegen den ganzen Wahnsinn ankämpfen kann.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare