Berlin verstehen

12 Momente zum 1. Mai in Berlin: Von Stalin und FDJ bis Chaos und Myfest

Der 1. Mai in Berlin hat eine mehr als wechselvolle Geschichte. Nach dem Krieg instrumentalisierte das von Moskau gesteuerte DDR-Regime auf Ost-Berliner Seite den Tag für Propagandazwecke. In den frühen 1950er-Jahren marschierten die Demonstrationen unter riesigen Porträts von Stalin und Pieck. Später feierte die sozialistische Jugend im Blauhemd und unter rotem Stern das internationale Proletariat.

Die Demos und Partys am 1. Mai in Berlin werden 2020 wegen Corona weitestgehend ausfallen. Manche nehmen es mit Ironie. Eine Frau mit Mundschutzmaske läuft vor einem Banner von Die PARTEI vorbei: „Ohne Myfest kein Krawall“. Foto: Imago/Emmanuele Contini

In West-Berlin etablierte sich der 1. Mai ebenfalls im linken, aber anfangs eher sozialdemokratischem Spektrum. Es war das hohe Fest der Gewerkschaften und gewerkschaftsnaher Organisationen. In den 1980er-Jahren, als Folge der 68er, Punk- und Hausbesetzerbewegung, wandelte sich der Tag der Arbeit in bestimmten Milieus zum radikalen Protesttag gegen den Staat im Allgemeinen und Rassismus, Imperialismus und Faschismus im Besonderen.

Am 1. Mai in Berlin endeten in den 1980er-Jahren die Demos mit Straßenschlachten

In Kreuzberg organisierten sich linksradikale Gruppierungen und riefen den „Revolutionären 1. Mai“ aus. Die Demos endeten in Straßenschlachten mit der Polizei, Autos und Mülltonnen brannten, Steine flogen. Am 1. Mai 1987 brannte der Bolle am Görlitzer Bahnhof. Der 1. Mai wurde in Berlin zum gewaltvollsten Tag im Jahr.

Ab 2003 riefen Kreuzberger Initiativen schließlich das Myfest aus. Man hatte keine Lust mehr auf die Krawalle und wollte feiern und tanzen. Die Polizei setzte stufenweise auf Deeskalation und der 1. Mai wandelte sich erneut: vom Fest der Zerstörung in ein Fest des Hedonismus. Dennoch ist er für viele linke Aktivisten immer noch ein wichtiges Datum und die Proteste prägen bis in die heutige Zeit den 1. Mai. Auch im Corona-Jahr 2020 wird es in Kreuzberg wohl Aufruhr geben, trotz eines Demonstrationsverbots für Demos mit mehr als 20 Teilnehmern.

Wir haben 12 historische Momente vom 1. Mai in Berlin für euch herausgesucht:

1951 – Marschieren für Stalin

Parade zum 1. Mai 1951 unter Porträts von Josef Stalin und Wilhelm Pick in Ost-Berlin. Hauptstadt der DDR.
Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, der Kalte Krieg im vollen Gange. Bei der Maikundgebung im sowjetischen Sektor marschieren die Teilnehmer vor den Abbildungen von Josef Stalin und Wilhelm Pieck. Foto: Roba/Siegfried Pilz/UnitedArchives

1965 – 400.000 demonstrieren vorm Reichstag

Demonstration zum 1. Mai 1965 in West-Berlin vor dem Reichstag.
Die ganze Stadt ist da: Am 1.Mai 1965 versammeln sich 400.000 Menschen vor dem Reichstag. Es ist eine der größten Demonstrationen in West-Berlin überhaupt. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

1972 – Volk und Partei feiern in Ost-Berlin

Jubelnde Demonstranten und auf der Tribüne die Partei und Staatsführung anlässlich der Demonstration zum 1. Mai 1972 in Ost-Berlin.
Jubelnde Demonstranten und auf der Tribüne die Partei und Staatsführung anlässlich der Demonstration zum 1. Mai 1972 in Ost-Berlin. Foto: Imago/Sven Simon

1977 – Der Sozialismus blüht

Ein roter Stern und das Jahr 1977. In Ost-Berlin blüht der Sozialismus und wird am Tag der Arbeit ausgiebig gefeiert.
Ein roter Stern und das Jahr 1977. In Ost-Berlin blüht der Sozialismus und wird am Tag der Arbeit ausgiebig gefeiert. Foto: Imago/Sven Simon

1986 – Mit Dauerwelle für den Weltfrieden

Eine junge FDJlerin schwenkt Fähnchen bei der Demonstration zum 1. Mai 1986.
Eine junge FDJlerin schwenkt Fähnchen bei der Demonstration zum 1. Mai 1986. Foto: Imago/Sven Simon

1987 – In Kreuzberg brennt Bolle

Der geplünderte und abgebrannte Bolle am Görlitzer Bahnhof. Am 1. Mai 1987 eskalierte die von linken Gruppen organisierte Maidemonstration und es kam zu Straßenkämpfen, Verfolgungsjagden und Verhaftungen. Es war der Beginn der 1.-Mai-Krawalle in Kreuzberg.
Der geplünderte und abgebrannte Bolle am Görlitzer Bahnhof. Am 1. Mai 1987 eskalierte die von linken Gruppen organisierte Maidemonstration und es kam zu Straßenkämpfen, Verfolgungsjagden und Verhaftungen. Es war der Beginn der 1.-Mai-Krawalle in Kreuzberg. Foto: Imago/Peter Homann

1989 – Die Revolution geht weiter

Berlin - 1. Mai 1989 Während und nach der revolutionären 1. Mai-Demo kam es in den Bezirken Kreuzberg und Neukölln zu schweren Ausschreitungen. Das Foto zeigt ein brennendes Taxi.
Kreuzberger Nächte sind lang und revolutionär: Nach der „Revolutionären 1. Mai-Demo“ kam es am 1. Mai 1989 in Kreuzberg und Neukölln zu schweren Ausschreitungen. Foto: Imago/ Peter Homann

1990 – Ost und West demonstrieren gemeinsam

PDS-Chef Gregor Gysi im Kreis seiner Genossen auf der ersten gemeinsamen Ost-West-Maidemonstration vor dem Berliner Reichstag. am 1. Mai 1990.
Nach dem Mauerfall: PDS-Chef Gregor Gysi im Kreis seiner Genossen auf der ersten gemeinsamen Ost-West-Maidemonstration vor dem Berliner Reichstag. Foto: Imago/Jürgen Heinrich

1999 – Gewerkschaftler am Alex

Eine 1. Mai-Kundgebung am Alexanderplatz
Der Klassiker: Eine 1. Mai-Kundgebung am Alexanderplatz mit Gewerkschaftlern und Friedensgruppen. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

2000 – Neonazis entdecken den 1. Mai

NPD-Aufmarsch am 1. Mai 2000: Mehr als tausend Rechtsextremisten von der NPD, sogenannten Freien Kameradschaften und Skinheads demonstrierten auf einer Kundgebung in Hellersdorf unter dem Motto "Arbeit zuerst für Deutsche".
NPD-Aufmarsch am 1. Mai 2000: Mehr als tausend Rechtsextremisten von der NPD, sogenannten Freien Kameradschaften und Skinheads demonstrierten auf einer Kundgebung in Hellersdorf unter dem Motto „Arbeit zuerst für Deutsche“. Foto: Imago/Christian Ditsch

2004 – Feiern statt prügeln: Das Myfest startet

Die Chuck Norris Band spielt beim Myfest 2004 auf der Oranienstraße in Kreuzberg.
Die Kreuzberger haben keine Lust auf Krawalle und organisieren das Myfest, bei dem musiziert und gefeiert werden soll, statt sich mit der Polizei zu prügeln. 2003 geht es los. Auf diesem Bild von 2004 spielt die Chuck Norris Band auf der Oranienstraße. Foto: Imago/Seeliger

2019 – Der Hedonismus hat gesiegt

Das Myfest ist ein riesiger Erfolg und verwandelt Kreuzberg rund um den 1. Mai in ein gewaltiges Open-Air-Festival mit Konzerten, Fast Food und Drinks.
Das Myfest ist ein riesiger Erfolg und verwandelt Kreuzberg rund um den 1. Mai in ein gewaltiges Open-Air-Festival mit Konzerten, Fast Food und Drinks. Politik und Aktivismus weichen Party und Spaß. Der Hedonismus hat sich als einzig gültige Ideologie in Berlin durchgesetzt. Foto: Imago/Mike Wolf/Tagesspiegel

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Vor dem 1. Mai ist die Walpurgisnacht. Hier sind 12 Walpurgisnacht-Momente in Berlin: Hexen, Punks und Partymacher. Der Mauerpark, in dem die Walpurgisnacht gefeiert wurde, ist heiß geliebt und innig gehasst. Auch etwas, an das sich Zugezogene in Berlin gewöhnen müssen – genau wie an diese 12 Dinge. Ihr lebt schon immer oder zumindest seit einer halben Ewigkeit in Berlin? Diese 12 Dinge kennt jeder, der im West-Berlin der 1980er gelebt hat.

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