Altes Testament

„10 Gebote“ am Deutschen Theater

Maximale Sackgasse: Am Deutschen Theater versuchen sich Autoren wie Rocko Schamoni oder Clemens Meyer am Remix der „10 Gebote“

Foto: Arno Declair

Gott ist nicht gut drauf. Er leidet unter Burn-out, kein Wunder angesichts des Arbeitspensums. Zum Feierabend hat er sich ein weißes Schafsfell angezogen und hadert mit seiner Schöpfung: „Fehler ohne Ende“. Dabei war die Idee eigentlich gut „und die Konstruktion vielversprechend“. Aber die Umsetzung entpuppte sich als endlose Folge von Fehlschlägen, „und dann dieser ganze Saurier-Müll, ein einziger Irrweg.“ Einerseits hat er eine Erklärung für das Desaster, schließlich ist „Kreator“ und „Lebensdesigner“ kein Beruf, den man einfach lernen kann. Andererseits ist das auch kein Trost, vor allem nicht, wenn er sein scheinbar gelungenstes Werk betrachtet, die Menschen, die da vor ihm im Zuschauerraum sitzen: „Entschuldigung, ihr seid die maximale Sackgasse! Wie konnte ich mich derart vertun?“ Gute Frage.

Allerdings gilt sie auch für den Abend im Deutschen Theater, dem wir Gottes übellaunigen Auftritt verdanken. Das Theater hat ein Dutzend Autoren eingeladen, zu je einem der zehn Gebote eine neue Szene zu schreiben. Als Zugabe gibt es „Das elfte Gebot“, eben die Selbstkasteiung Gottes. Ausgedacht hat sich dieses angemessen ratlose Finale Rocko Schamoni, ein Mann, der Mitleid mit dem erschöpften Schöpfer hat und sich darauf versteht, auch höchsten Autoritäten mit Menschlichkeit statt mit Ehrfurcht zu begegnen. Mit Clemens Meyer und Jochen Schmidt, den Dramatikerinnen Felicia Zeller und Nino Haratischwili, dem Journalisten Mark Terkessidis und mit Maxim Drüner von den lustigen Aggro-Rappern K.I.Z. konnte das DT einige der originellsten Köpfe des Landes gewinnen: Zehn Gebote reloaded, sozusagen. Die Regie des Vier-Stunden-Uraufführungsreigens übernahm Jette Steckel.

Man durfte sich auf einen Abend freuen, der sich traut, ähnlich wie Krzysztof Kieslowskis „Dekalog“-Filme mit Hilfe der biblischen Gebote die großen Fragen zu stellen. Was bedeutet zum Beispiel das fünfte Gebot, wenn Vegetarier aus guten Gründen nicht wollen, dass Tiere für sie sterben, aber ansonsten kein Problem zum Beispiel mit dem globalen Wohlstandsgefälle haben? Was bedeutet das Gebot, nicht zu lügen, wenn das dauerfreundliche Service-Lächeln in Dienstleistungsberufen bitte möglichst authentisch sein sollte? Und was bedeutet es in Zeiten postmoderner Ironie und neoliberaler Selbstoptimierung überhaupt, dass die Christenheit von sich verlangt, einige Gebote ernst zu nehmen? Lauter naheliegende Fragen, denen die Inszenierung bedauerlicherweise ausweicht. Stattdessen rettet sie sich in skurrile Einfälle und allerlei Beliebigkeiten. Das Tötungsverbot etwa wird illustriert durch angeblich oder wirklich authentische, vor der Kamera nachgesprochene Interview-Protokolle mit Männern, die davon träumen, sich töten und aufessen zu lassen. Einer von ihnen ist schon etwas älter und sieht sich selbst (Achtung: Kalauer!) leider nur noch als „Gammelfleisch“.  Das Ausstellen einer sexuellen Pathologie mit dem Nachdenken über eines der zentralen und weitreichendsten moralischen Gebote zu verwechseln und dankbar noch die billigsten Lacher mitzunehmen, ist selbst für Theaterverhältnisse bemerkenswert hilflos und effektorientiert.

Auch sonst geht es der Regisseurin ähnlich wie Rocko Schamonis unglücklichem Gott: Die Konstruktion der Inszenierung war vielversprechend, aber die Umsetzung beschert vor allem: maximale Sackgassen. Neben den wuchtigen Sätzen des Alten Testaments fallen die Szenen des Abends in die blanke Harmlosigkeit ab. Das kann man zwar auch für eine Wahrheit postmoderner Zeiten des Triumphs der Beliebigkeit halten, aber dem Anspruch, die zehn Gebote zumindest als Herausforderung ernst zu nehmen, wird diese Nummern-Revue kaum gerecht.
Clemens Meyer zum Beispiel assoziiert zum ersten Gebot nur einen konfusen Cut-Up-Text, den der arme Benjamin Lillie dann irgendwie zum Fieber-Monolog aufblasen muss. Sherko Fatah fällt zum zweiten Gebot, den Namen des Herrn nicht zu missbrauchen, die Fernsehspiel-realistische Verhörszene nach einem „Ehrenmord“ ein. Der Bezug zum Bibeltext bleibt so diffus wie in dem kleinen Monolog, den Navid Kermani beigesteuert hat: Erzählt wird von einem Vater, der sein Kind umbringen will, bevor es die Pubertät erreicht hat. Er plant einen Mord aus Liebe und Anstand, denn spätestens mit dem Ende der Kindheit sei das Leben, so die Überzeugung des Vaters, nur noch eine Qual. Kermani begnügt sich mit einer Petitesse über die Abgründe moralisierender Hybris. Aber ihn trifft keine Schuld, wenn der Bezug zum Bibeltext etwas verschwommen bleibt: Er hat den Monolog gar nicht für das DT-Projekt geschrieben. Das Theater hat ihn einem älteren Buch mit Erzählungen Kermanis entnommen – und peinlicherweise vergessen, das auch kenntlich zu machen.

Witzig ist Felicitas Zellers Sottise  über „Lügenpresse“-Paranoiker, die in Cafes ausliegende Zeitungen mit wilden Kommentaren versehen. Sarkastisch und schlau ist Mark Terkessidis’ Kabaretteinlage, in der Studenten im Radical-Chic-Slang messerscharf erkennen, dass Bio-Läden Klassenkampf seien, weil sich Proleten weder die Preise leisten noch in den dort üblichen Umgangsformen geübt seien. Mühsam zusammengehalten werden die disparaten Nummern  von der mehrstöckigen Drehbühne (Bühne: Florian Lösche), auf der die Szenen vorbeirattern wie auf einem freudlosen Kinderkarussell. Weil die meisten Texte so wenig Spielmaterial hergeben, weil die Figuren so konturlos und leblos sind, rettet sich die arme Regisseurin in allerlei Belebungsversuche. Mal dürfen die Thesen-Pappkameraden stramm im Chor deklamieren, mal turnen sie durch den Ehebruchs-Boulevard, mal machen sie sich mit Kirmes-Kostümen zu Witzfiguren – allein, all das Oberflächenbrimborium kann den Abend nicht retten. Irgendwie ist es beruhigend, dass Gott, auch wenn er an diesem Abend Depressionen hat, zuverlässig für Orientierung sorgt, als er am Ende des Abends Bilanz zieht: „Ein einziger Irrweg.“

Deutsches Theater So 12.2, 19 Uhr, So 26.2., 18 Uhr, Eintritt 12-48, erm. 9 €

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