Lesungen und Bücher in Berlin

100 Berlin-Romane, die man gelesen haben sollte (Teil 4: 2010 bis 2020)

Den letzten Teil unserer Liste der 100 Romane, die man gelesen haben sollte widmen wir den Jahren 2010 bis 2020. Es beginnt mit Helene Hegemanns Skandalbuch „Axolotl Roadkill“, das stellenweise abgeschrieben wurde. Thematisch jedoch setzt sie sich mit einem Themenkomplex auseinander, der Berlin auch jenseits der Literatur prägt: Sex, Drogen und Partys. Auch der junge Franzose Oscar Coop-Phane verarbeitet in seinem Berlin-Roman „Bonjour Berlin“, den ebenso erlösenden wie vernichtenden Einfluss von Techno und Pillen aufs eigene Leben. Gegenwart pur!

Doch es wurde auch zurückgeblickt: Die 1980er-Jahre erleben ein Revival. Tanja Dückers und Oskar Roehler konzentrieren sich auf West-Berlin und in „Gutgeschriebene Verluste“ von Bernd Cailloux geht es gar zurück zu den 68ern. 2011 erscheint zudem Thomas Melles Debütroman „Sickster“, darin setzt der Autor dem Wahnsinn in Berlin und in sich selbst ein Denkmal.

Die Liste ist streng chronologisch geordnet. Im vierten Teil finden Sie Romane aus den Jahren 2010 bis 2020. Wir wünschen viel Vergnügen auf der literarischen Reise tief in die Seele Berlins.

„Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann, 2010

Helene Hegemanns Roman, mittlerweile in rund 20 Sprachen übersetzt, hat für Furore gesorgt. Egal ob man „Axolotl Roadkill“ als Coming-of-Age-Roman oder Milieu-Studie der Nullerjahre in Berlin liest, die sechzehnjährige Protagonistin Mifti zieht die Leserschaft in eine ekstatisch-verstörende Lebenswelt. Auf der Tagesordnung stehen Drogen, Sex und hemmungslose Partys. Nina Sabo


„Der amerikanische Investor“ von Jan Peter Bremer, 2011

Er leidet und leidet und leidet: Der Erzähler in Jan Peter Bremers Roman hat nur Probleme. Das künstlerische Schaffen ist schwierig, und dann hat auch noch ein Investor den Altbau gekauft, in dem der namenlose Dichter eigentlich recht bequem lebt. Und so beobachtet und lamentiert dieser Erzähler, der sich nun mit Umzugskosten und Mietpreisberechnungen herumschlagen muss. Dabei will er eigentlich nur einen neuen Roman verfassen. Daran scheitert er grandios – und selbst einen Brief an den Investor bringt er nicht zu Papier. CW


„Hausers Zimmer“ von Tanja Dückers, 2011

Tanja Dückers Roman „Hausers Zimmer“ spielt im geteilten Berlin 1982. Noch weit von der Wiedervereinigung entfernt, ist der Alltag von Gegensätzlichkeiten geprägt. Inmitten dieser polarisierten Zeit sehnt sich Dückers Romanheldin Julika nicht nur nach der Ferne Patagoniens, sondern auch in das Zimmer ihres Nachbarn und Motorradrockers Peter Hauser. Nina Sabo


„Sickster“ von Thomas Melle, 2011

Erster Roman von Thomas Melle, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit erfolgreich am Theater arbeitet. In „Sickster“ behandelt Melle die Freundschaft zweier unterschiedlicher Männer, die jeder auf seine Weise an der Leistungs- und Konsumgesellschaft verzweifeln und sich in Alkohol, Drogen und Sex flüchten. Eine in überragender Sprache verfasste Abrechnung mit einer leeren Welt, in der die Suche nach irgendeiner Wahrheit zur Irrfahrt wird.


„Walpurgistag“ von Annett Gröschner, 2011 

Walpurgistag von Annett Groeschner

Seit zehn Jahren und sechs Monaten liegt Anja Kobes Vater tiefgefroren in einer Kühltruhe. Am 30. April 2002 nutzt die Protagonistin in Annett Gröschners Roman „Walpurgistag“ die Gunst der Stunde, um mit ihm – von der Polizei unbemerkt – umzuziehen. In ihrem Roman webt Gröschner ein dokumentarisches Netz und porträtiert eindrucksvoll Berliner Persönlichkeiten.


„Der König von Berlin“ von Horst Evers, 2012

Die Krimikomödie, Horst Evers erster Roman über eine plötzliche Rattenplage und einen Mord, führt mit viel Humor in Berliner Abgründe. Selbst schreckliche Orte wie das Alexa bekommen plötzlich einen tieferen Sinn.  -icke


„Gutgeschriebene Verluste“ von Bernd Cailloux, 2012

Der 62-jährige Protagonist des Romans „Gutgeschriebene Verluste“ von Bernd Cailloux kann sich nicht so recht von seiner wilden Zeit in der West-Berliner Subkulturszene Jahre lösen. In den alten Stammkneipen erzählt er Anekdoten einer längst vergangenen Zeit – ein Roman über Erinnerungen an eine Welt, in der sich der traurige Held aus den 68ern noch zurechtgefunden hat. Nina Sabo


„Bonjour Berlin“ von Oscar Coop-Phane, 2013

Der junge französische Autor Oscar Coop-Phane erzählt in seinem autobiografisch geprägten Roman von einem jungen Franzosen, den es nach Berlin verschlagen hat und der in einer von Hedonismus und Depression bestimmten Szene durch die Berliner Clubkultur rauscht. Ein wahnhaftes Club-Szenario im Zeichen von Sex, Drogen und Techno.


„Leben“ von David Wagner, 2013

Es ist David Wagners Bericht von der eigenen Rettung und der geglückte Versuch, die Gedanken eines Todkranken zu Papier zu bringen. „Leben“ erzählt nüchtern von Diagnosen, Krankenhausaufenthalten sowie dem langen Warten auf die Spendeleber – und mit sanfter Melancholie von der eigenen Tochter, die die größte Hoffnung verkörpert. CW


„Das Verschwinden des Philip S.“ von Ulrike Edschmid, 2013

Der sensible Schweizer Philip S. lernt die junge Mutter Ulrike an der Filmakademie Berlin kennen. Sie befinden sich in angespannten Zeiten – Rudi Dutschke wurde auf der Straße erschossen, die Fenster des Springer-Hochhauses werden bei Protesten zerberstet. Das junge Paar schwelgt in harmonischer Zweisamkeit, bis sich auch bei ihnen ein politisierter Alltag einschleicht. Nina Sabo


„Als wir unsterblich waren“ von Charlotte Roth, 2014

Die mutige Heldin Paula setzt sich vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin für Frauen- und Arbeiterrechte ein. Gemeinsam mit dem Studenten Clemens kämpft sie in Charlotte Roths Erzählung für eine gerechtere Welt. Im November 1989 wird Paulas Geschichte auch die Ost-Berliner Studentin Alexandra beeinflussen, die kurz nach ihrer Ankunft im Westen einem jungen Mann in die Arme fällt. Nina Sabo


„Die Ungehaltenen“ von Deniz Utlu, 2014

Deniz Utlu thematisiert in seinem Roman die Generation der „Gastarbeiterkinder“ in Berlin. Aus Sicht des Protagonisten Elyias beleuchtet er das Leben eines jungen Mannes, der seine Freizeit lieber in einer Kreuzberger Kiez-Kneipe verbringt, anstatt sich dem Jurastudium zu widmen. Sein Leben wird auf den Kopf gestellt, als er die junge Ärztin Aylin kennenlernt. Utlus Roman liest sich als Road-Novel, Einwanderer- und Liebesgeschichte. Nina Sabo


„Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling, 2015

Eigentlich stimmt alles: Sandra, Kind von 68er-Eltern, lebt mit Mann und zwei Kindern in einem generationenübergreifenden Hausprojekt in Prenzlauer Berg. Anke Stelling ist die analytische Chronistin dieses viel belächelten Ortsteils. Das grüne Bürgertum dort, dessen Sucht nach Authentizität und repräsentativ gutem Leben, gerät in „Bodentiefe Fenster“ ins Fadenkreuz. Mit den Lebenslügen dieser ganz speziellen Kaste geht Stelling hart ins Gericht – und lässt dabei vor allem ihre eigene Protagonistin enttäuscht zurück. CW


„Mein Leben als Affenarsch“ von Oskar Roehler, 2015

Der Filmemacher Oskar Roehler („Die Unberührbare“) führt in ein desolates, von Paranoia und Kohleofenstaub gezeichnetes West-Berlin der 1980er-Jahre. Durch dieses unwirtliche Szenario kämpft sich sein schmächtiger Held Robert. Ein Abstieg in die Subkultur jener Ära, eine Welt zwischen künstlerischem Exzess, Endzeitstimmung und sexueller Frustration. Parallel dazu erschien Roehlers West-Berlin-Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“.


„Sungs Laden“ von Karin Kalisa, 2015

Der Sommer-Roman von Karin Kalisa „Sungs Laden“ handelt von interkulturellen Begegnungen im modernen Berlin. Der vietnamesische Laden des Archäologen Sung wird zur munteren Begegnungsstätte zwischen Urberlinern und den Nachkommen vietnamesischer Gastarbeiter. Nina Sabo


„Superposition“ von Kat Kaufmann, 2015

Izy Levin, 26, Berlinerin, Jazzpianistin, Migrationsvordergrund, leidet an ihrer Hilflosigkeit inmitten der „Beschissenheit der Dinge“. Im Kopf all die Ahnen, wie Babuschka Ella, einzige Überlebende der ihren im großen Krieg. Was in diesem Buch passiert, passiert mit ganzem Herzen. In einer Sprache voller Wucht und Härte, Sehnsucht und Zartheit. Mal Melancholie, mal Mittelfinger. Rik


„Unschuld“ von Jonathan Franzen, 2015

In dem deutsch-amerikanischen Gegenwartsroman „Unschuld“ von Jonathan Franzen werden familiäre Abgründe aufgedeckt und Schuldfragen gestellt: Die aus Amerika stammende Pip sucht nach ihrem leiblichen Vater und stößt dadurch die Ermittlung von kriminellen Ereignissen im geteilten Deutschland an. Nina Sabo


„Winternähe“ von Mirna Funk, 2015

Furioser Debütroman, der im Berliner Kreativen-Milieu beginnt, wo Lola – Deutsche, Jüdin – sich mit ihrer komplexen Identität auseinandersetzt, antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt ist, sich in einen israelischen Linksradikalen und Ex-Soldaten verliebt, mit ihm nach Tel Aviv geht. Und irgendwann noch weiter weg muss. Rik


„Federflüstern“ von Holly Jane Rahlens, 2016

Oliver, Iris und Rosa begeben sich in Holly Jane Rahlens „Federflüstern“ auf eine Zeitreise: Sie werden 125 Jahre zurück in die Vergangenheit katapultiert, ins bitterkalte Berlin des Jahres 1891. Während dieser Zeit lebte auch der amerikanische Schriftsteller Mark Twain in Berlin, dem die jungen Held*innen der Geschichte auf wundersame Weise begegnen. Nina Sabo


„Kaltes Wasser“ von Jakob Hein, 2016

Der junge Romanheld Friedrich Bender spinnt sich die ein oder andere Geschichte zusammen: Zuerst erdichtet er sich eine kommunistische Punklady aus England, dann berichtet er vor seiner Klasse von vermeintlichen Erfolgen des Sozialismus. Nach der Wende lebt sich der findige Bender im kapitalistischen Westen erst richtig aus. „Kaltes Wasser“ von Jakob Hein ist ein Schelmenroman, der von einem pfiffigen Jugendlichen in der DDR erzählt. Nina Sabo 


„Mischpoke!“ von Marcia Zuckermann, 2016

Am 10. März 1902 stirbt Samuel Kohanim in Westpreußen. Sieben Töchter hat der Sägewerksbesitzer. Und diesen sieben Töchtern folgt Marcia Zuckermanns Familienroman durch die Weltgeschichte. Diese höchst unterschiedliche Mischpoke durchlebt Auf- und Abstiege, Schicksalsschläge, den Nationalsozialismus, Partisanenkampf in Italien und das geteilte Berlin. Mit ihrem selbstironischen Stil entwirft Zuckermann fein verwobene und sehr spannende Sozialstudien. CW


„Brüder“ von Jackie Thomae, 2019

Jackie Thomaes Roman erzählt von zwei Brüdern, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnten. Während Mick sich im Berlin der 90er Jahre auf wilden Partys exzessiv auslebt, strebt Gabriel als Architekt nach dem großen Glück in London. Ausgehandelt werden Fragen nach Herkunft und Identität und der zeitkritische Blick auf großstädtische Milieus. Nina Sabo


„Im Licht der Zeit“ von Edgar Rai, 2019

Der Roman „Im Licht der Zeit“ von Edgar Rai spielt im schillernden Berlin der 20er Jahre, einer Zeit der Exzesse und Umbrüche. Darin erzählt der Autor von der Produktion des Films „Der blaue Engel“ und markiert eine spannende Zäsur deutscher Filmgeschichte: den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm. Nina Sabo


„Trennungen, Verbrennungen“ von Helmut Krausser, 2019

Helmut Krausser beschreibt in seinem Roman „Trennungen, Verbrennungen“ das kuriose Verhalten geschlechtsreifer Menschen. In einer Mischung aus Soap und Literatur nimmt der Autor die unterschiedlichsten Berliner Paare in den Blick seiner literarischen Betrachtungen. Nina Sabo


„Stern 111“ von Lutz Seiler, 2020

Das raue Leben der Nachwendezeit in Berlin wird in Seilers „Stern 111“ aus der Perspektive des Romanhelden Carl betreten. Dieser flieht – gegen seine Eltern rebellierend – nach dem Mauerfall ins chaotisch-archaische Berlin und lebt zunächst auf der Straße. Kurze Zeit später gerät er in die Kreise eines „jungen Rudels“, das leerstehende Häuser besetzt und sich in der Untergrundszene Berlins bewegt. Nina Sabo


Teil 1 der Liste der 100 Berliner Romane, die man gelesen haben sollte, führte von den 1920er Jahren in die 1960er. Teil 2 beschäftigte sich mit Literatur bis zum Mauerfall. Und Teil 3 blickte auf die Jahre bis 2009.