Musikstadt Berlin

100 Berliner Platten, die man gehört haben sollte, bevor man stirbt

Berlin in Zeit und Klang: Listen sind willkürlich, das liegt in der Natur der Sache. Ursprünglich wollten wir, die Redaktion des tip, 100 vergessene Berliner Platten zusammenstellen, doch sofort ­begann die Diskussion. Wer ist vergessen, wer verkannt und wer überschätzt? In dieser Liste finden Sie deshalb 100 Berliner Platten, die man gehört haben sollte, bevor man stirbt. 100 chronologisch von 1955 bis 2005 geordnete Platten, die ein halbes Jahr­hundert Stadt- und Musikgeschichte erzählen. Zu einigen kann man tanzen, zu anderen weinen, manche sind aufrührend und andere extrem anstrengend. In ihnen spiegeln sich Nachkriegszeit, Teilung, Wende und die wiedervereinigte Stadt.

Die üblichen ­Verdächtigen wie Ton Steine Scherben, Puhdys, Nina Hagen, Ideal, Die Ärzte, ­Karat, Einstürzende Neubauten, Rammstein, Peaches oder Seeed werden Sie hier nicht finden, die kennen Sie sowieso. Dafür aber 100 Anregungen für musikalische Berlin-Zeitreisen!

1. Lotte Lenya
Lotte Lenya singt Kurt Weill (1955)
Die legendäre Brecht-Schauspielerin, deren Karriere in Berlin begann, singt berühmte Kompositionen wie „Seeräuber-Jenny“, „Alabama-Song“ und „Sorabaya-Johnny“.

 

2. Gisela May
Gisela May singt Lieder von Hanns Eisler nach Texten von Bertolt Brecht (1962)
Brechts Einfluss wirkte auf beiden Seiten der Mauer. Die Musik der großen Exil-Rückkehrer interpretiert hier die große Gisela May.

 

3. Drafi Deutscher And His Magics
Shake Hands! Keep Smiling! (1964)
Vor seiner Schlagerkarriere spielte Drafi Beat, mit seinen Magics unter anderem Genreklassiker wie „Roll over Beethoven“ und „Good Golly Miss Molly“.

 

4. The Boots
Here Are The Boots (1965)
Schnelle Gitarren, knackiger Rhythm & Blues und lange Haare: Berlins Antwort auf die British Invasion hieß The Boots. 1969 lösten sie sich auf und feierten 2005 ein kurzes Comeback.

 

5. The Lords
In Black And White In Beat And Sweet (1965)
Wie die Fab Four starteten die Lords als Skiffle-Band. Mit Texten in eigenwilligem Englisch wurden die Lords dann zu offiziellen Anwärtern auf den Titel „The German Beatles“.

 

6. Hildegard Knef
Halt Mich Fest (1967)
Schon allein wegen „Von nun an ging’s bergab“ ein absoluter Hit der neben Marlene Dietrich bedeutendsten Chanson-Sängerin, die Berlin je hervorgebracht hat. Später wurde Knef von der Easy-Listening-Szene neu entdeckt.

 

7. Wolfgang Neuss
Asyl im Domizil (1967)
Der Mann mit der Pauke („Wir Kellerkinder“) mischte archaischen Humor mit Jazz und Politik. Das Urgestein der Berliner Kabarettszene ist auch im revolutionären Jahr 1967 in Topform. Gekifft wurde später.

 

8. Alexander von Schlippenbach
Globe Unity (1967)
Meilenstein des europäischen Free Jazz, unter anderem wirken neben dem Berliner Pianisten auch Saxofonist Peter Brötzmann, Bassist Peter Kowald sowie der Can-Drummer Jaki Liebezeit mit.

 

9. Insterburg & Co
Quartett im Bett (1968)
Zusammen mit Karl Dall pflegte Ingo Insterburg die „Kunst des höheren Blödsinns“ und etablierte den Begriff der Blödelbarden. Das Debüt, ein Soundtrack, entstand mit den Jacob Sisters.

 

10. Various
Lyrik – Jazz – Prosa (1968)
Auch im Osten ging was. Manfred Krug und die Berliner Jazz-Optimisten vereinen Jazz, Lyrik und Prosa. Neben „Die Kuh im Propeller“ steht hier „My Funny Valentine“.

 

11. Wolf Biermann
Chausseestraße 131 (1969)
Mit einem Tonbandgerät in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 eingespielt, ist die LP des Polit-Barden heute ein historisches Dokument und ein musikalisches Stimmungsbild der frühen DDR-Opposition.

 

12. Tangerine Dream
Electronic Meditation (1970)
Bevor die Gruppe mit bombastischem Progressive Rock weltweit Stadien füllte, legten sie mit dem Klang-Tüftler Conrad Schnitzler einen avantgardistischen Grundstein für den nahenden Siegeszug deutscher Elektronik.

 

13. Manfred Krug
Das war nur ein Moment (1971)
Von Günther Fischer arrangierter Beat-Schlager mit wunderbar hippieskem Cover vom auf beiden Seiten der Mauer geliebten Schauspieler („Liebling Kreuzberg“) und Musiker. Ganz großartig sein Beziehungssong „Hör auf!“.

 

14. Ash Ra Tempel
Ash Ra Tempel (1971)
Krautrock-Legenden Manuel Götsching und Klaus Schulze nahmen mit Weggefährten zwei Lang-Improvisationen auf, hinter den Reglern stand kein geringerer als Conny Plank.

 

15. Agitation Free
Malesch (1972)
Irgendwo zwischen Space­rock und Weltmusik angesiedelt, ist die erste Band von Lüül (17 Hippies) alias Lutz Ulbrich ein Klassiker des Elektronik-Kraut-Prog-Rock. Und Agitation Free klingt spannender als manche Neo-Psychedelia-Band von heute.

 

16. Birth Control
Hoodoo Man (1972)
Haare, Songs und LSD-Trips werden länger. Die in Sammlerkreisen bis heute geschätzte Band spielt ausufernden Kraut- bzw. Prog-Rock. „Hoodoo Man“ mit dem Hit „Gamma Ray“ war ihr Durchbruch.

Eva Apraku – Redakteurin Stadtleben/Familie
Birth Control: „Hoodoo Man“
1972, als „Hoodoo Man“ von Birth Control herauskam, war ich mit meinen 13 Jahren zu jung, um – wie meine ältere Schwester – dazu im „Creamcheese“, einer künstlerischen Hippie-Location in meiner Heimatstadt Düsseldorf, die Haare kreisen zu lassen. Ihr die LP mopsen konnte ich hingegen sehr wohl. Was für ein Sound! Bis heute kriege ich bereits beim ersten Ton von „Gamma Ray“ das tiefe Bedürfnis, mich wie ein Sufi in Trance zu tanzen. Und das, obwohl ich dem Rock längst abgeschworen habe und auf Funk stehe.

 

17. Curly Curve
Curly Curve (1973)
Bevor Heiner Pudelko die Band Interzone (siehe Platz 33) gründete, gehörte seine erste Band zu den Grundsteinen der Berliner Rockszene. Satter, vom Blues getragener Prog-Rock.

 

18. Panta Rhei
Panta Rhei (1973)
Auch in Ost-Berlin durften die Haare länger werden und der Rock bluesiger und progressiver, nur die Songs hießen eher traditionell „Der Losverkäufer“ oder „Kinder Dieser Welt“.

 

19. Lokomotive Kreuzberg
James Blond (1973)
Gewerkschaftlich organisiert spielten die Musiker politisch bewegten Rock. Die Mitglieder Bernhard Potschka, Manfred Praeker und Herwig Mitteregger waren später in der Nina Hagen Band und gründeten Spliff.

 

20. Werner Lämmerhirt
Ten Thousand Miles (1974)
Der virtuose Gitarrist (†2016) gehört zu den Wegbereitern der Fingerstyletechnik in Deutschland. Sein Debüt ist ein gutes Beispiel für die Verschmelzung von Folk, Blues und Weltmusik.

 

21. Flying Lesbians
Flying Lesbians (1975)
Musizierendes Frauenkollektiv mit experimenteller Haltung und klaren Song-Botschaften: „Wir sind die homosexuellen Frauen“ und „Frauen kommt her/ Frauen erhebt euch“. Erschienen auf dem Label Frauen Offensive.

 

22. Die 3 Tornados
Flipperschau – Eine klare Vorstellung (1977)
Anarchistisch-linksradikales-Musikkabarett um Arnulf Rating, das den Sound zu Seyfrieds Comix und der Hausbesetzerbewegung lieferte. Anspieltipps: „Lied Zum 2. Juni 1967“ und „Lied Vom Chamissoplatz“.

 

23. Wednesday
A Way To Get High (1977)
Von Frank Zander in den Hansa-Studios produziertes Debüt der deutsch-britischen Band, die sich aus der Berliner Folkrockszene rekrutierte. Anspieltipp: der Acapella-Song „Custer’s Last Dream“.

Friedhelm Teicke – Theaterredakteur
Wednesday: „A Way To Get High“
1977 waren Punk und New Wave los in West-Berlin und David Bowie lebte von mir eher unbeachtet in Schöneberg. Gleichwohl hielt sich mit der deutsch-britischen Band Wednesday ein zartes Plänzchen Westcoast-Sound mit ausgefuchst vielstimmigem Satzgesang erfolgreich im West-Berliner Liveclub-Biotop. Sie war sowas wie die deutsche Ausgabe der Eagles und ihr „Hotel ­California“ das Acapella-Wohlklang-Stück „Custer’s Last Dream“. Das hat mich damals sehr beeindruckt und ist natürlich auf dieser LP, aufgenommen in den Hansa-Studios.

 

24. Teller Bunte Knete
Stadtmensch (1978)
Ökologisch bewegte Band in wechselnder Besetzung aus dem Umfeld der Alternativbewegung, die sich nach vier Alben, allesamt bei Trikont erschienen, 1984 wieder auflöste.

 

25. Wacholder
Crystal Palace (1978)
Kurzlebiges Fusion-Space-Jazzrock-Projekt um den späteren Eloy-Keyboarder Michael Gerlach. Sehr seltene Platte, die im Eigenvertrieb entstanden ist. 1984 erschien auf Teldec ein zweites Album.

 

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 2 (26-50)

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 3 (51-75)

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 4 (76-100)

Haben wir Ihre Lieblingsplatte vergessen? Dann schreiben Sie uns an: online@tip-berlin.de

Eine Liste mit Berliner Plattenläden gibt es hier

 

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