Musikstadt Berlin

100 Berliner Platten – Teil 3 (51-75)

51. Sprung aus den Wolken
The Story Of Electricity (1987)

Der bildende Künstler Kiddy Citny gründete die Band 1980 und bewegte sich in wechselnden
Besetzungen zwischen Industrial, Elektronik, Dub und Techno.

 

52. WestBam
WestBam (1988)
DJ, Musiker, Labelinhaber, Techno-Urgestein. Doch wer erinnert sich schon an Westbams Debütalbum von 1988 mit dem Hitler-Smiley auf dem Cover? Natürlich bei Low Spirit erschienen.

 

53. Die Haut
Headless Body In Topless Bar (1988)
Die Haut spielten treibende, an Soundtracks erinnernde dunkle Instrumentalmusik, zu der immer wieder prominente Gastsänger hinzugezogen wurden, hier etwa Nick Cave, Kid Congo Powers und Anita Lane.

JACEK SLASKI – Onlineredakteur
Die Haut: „Headless Body In Topless Bar“
1988. Als Die Haut an ihrer dritten LP in den Hansa Studios arbeitete, wohnte ich um die Ecke, war aber elf und hatte von West-Berliner Subkultur keine Ahnung. Vier Jahre später entdeckte ich Nick Cave und durch ihn einen musikalischen Kosmos, in dem Die Haut eine wesentliche Rolle spielte. Nicht nur trommelte der Bad-Seeds-Drummer Thomas Wydler dort, auch Cave (sowie Mick Harvey, Anita Lane und Lydia Lunch) sang über den irgendwo zwischen Post-Punk, Soundtrack und Krautrock angelegten Stücken.

 

54. Disaster Area
Back From The Reservation (1988)
1980 im Märkischen Viertel unter anderem Namen gegründet, verbanden sie die gerade erst in Berlin aufkeimende Skate-Kultur mit Punk und wurden nach der Umbenennung 1984 zu den bedeutendsten Vertretern des Skate-Punk.

 

55. No Zen Orchestra
Invisible College (1988)
Hypnotische Rückbesinnung auf den Krautrock von Can, Neu! und Amon Düül II. Das Kollektiv aus hippen Musikern, Künstlern und Performern verkehrte im Umfeld des Fischbüros von Dimitri Hegemann.

Claudia Wahjudi – Kunstredakteurin
Temple Fortune: „The Adventures of  Temple Fortune“
Auf der vergeblichen Suche nach meiner Platte vom No Zen Orchestra habe ich eine andere biografische LP gefunden, „The Adventures of Temple Fortune“. Anfang 1989 fuhr ich die psychedelische Band auf eine kleine Tour nach Holland, am Geburts­tag meines damaligen Freundes. Die Tour überzeugte mit ­raschem Reifenwechsel auf der Auto­bahn, Mike Tysons Boxkampf in einem Clubfernseher und Christou als Berliner Reinkarnation Jim Morrisons. Nur als ich zurückkam, hatte sich mein Freund in die Arme eines Lassie Singers verflüchtigt.

 

56. Mad Sin
Chills And Thrills In A Drama Of Mad Sins And Mystery (1988)
Lupenreiner Psychobilly aus Berlin, nur echt mit Riesentolle, Hotrod-Autos, Kontrabass und 8-Ball-Tattoo. Sänger Köfte DeVille und Mad Sin gehören bis heute zu den Stars der weltweiten Subkultur.

 

57. Plan B
The Greenhouse Effect (1989)
Die Indie-Band um den heutigen Spreeblick-Blogger Johnny Haeusler landete mit ihrem launigen Gitarrenrock und diesem Album auf einem Major-Label sowie mit „Beam Me up, Scotty“ einen lokalen Hit.

https://www.youtube.com/watch?v=7lAR9MpmGig

 

58. Manfred Maurenbrecher
Nichts wird sein wie vorher (1989)
Der schnauzbärtigste Barde der Stadt hat (ob bewusst oder unbewusst) die geteilte Stadt mit einem poetischen Liedermacheralbum verabschiedet.

 

59. The What…For!
The What… For! (1989)
The Who lassen grüßen. Die Berliner Neo-Sixties-Traditionalisten, die der Beat-, Garage- und Mod-Kultur huldigen, prägen bis heute die Retro-Vintage-Szene rund um den Prenzlauer Berger Club Bassy.

 

60. Feeling B
Hea Hoa Hoa Hea Hea Hoa (1989)
Eine der wichtigsten Punkbands der DDR, 1983 in Ost-Berlin gegründet, durfte tatsächlich noch 1989 beim Staatslabel Amiga ihr Debüt veröffentlichen. Teile der Band gründeten später Rammstein.

 

61. Poems For Laila
Another Poem For The 20th Century (1989)
Vorwiegend akustisch gespielter Singer-Songwriter-Folk von Nikolai Tomás und Mitstreitern. Auch für beschauliche Töne war im turbulenten Wendejahr Zeit.

 

62. Die Vision
Torture (1990)
Der Legende nach das letzte in den Amiga-Studios in Ost-Berlin aufgenommene Album. Produziert wurde es von Mark Reeder. Dann fiel die Mauer, und das düster-dunkel anmutende Indierock-Album ist beim Indie Zong erschienen.

 

63. Die Firma/ Freygang / Ichfunktion
Die Letzten Tage Von Pompeji (1990)
Drei Leistungsträger des DDR-Undergrounds, live aufgenommen im Eimer in Ost-Berlin zwischen dem 28. und 30. Juni 1990. Kurz danach war die DDR dann wirklich weg.

 

64. Space Cowboys
Home On The Range (1990)
Electronik trifft auf Hip Hop trifft auf Rock trifft auf Funk und Soul und die Techno-Pionierin und Künstlerin Danielle de Picciotto singt. Eigenwilliges Früh-Neunziger-Projekt.

 

65. Herbst In Peking
To Be HIP (1990)
Die Frühzeit des Crossover und Alternative läutete die 1987 in Ost-Berlin gegründete Formation Herbst in Peking ein, deren Song „Bakschischrepublik“ während der Wende zur Hymne der Protestbewegung wurde.

 

66. Die Skeptiker
Harte Zeiten (1990)
Auch die Ost-Berliner Punkband Die Skeptiker hat erst nach der Wende ein komplettes Album herausgebracht. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ost-Bands haben sie im ganzen Land eine Fanbasis und sind bis heute aktiv.

 

67. Lassie Singers
Die Lassie Singers Helfen Dir (1991)
1988 in Kreuzberg von Christiane Rösinger, Almut Klotz und Funny van Dannen gegründet, letzterer bald von Britta Neander ersetzt, stiegen die Lassie Singers zur herausragenden deutschsprachigen Indierock-Band auf.

 

68. Fleischmann
Power Of Limits (1992)
Bela Bartok trifft auf Slayer. Die Metalband gilt als Vorreiter der Neuen Deutschen Härte. Splatter-Regisseur Jörg Buttgereit hat ihnen mal ein Video gedreht und Farin Urlaub von den Ärzten sang im Hintergrund mit.

 

69. College Of Hearts
Ergüsse Songs aus zehn Jahren (1993)
Ziemlich rares und seltsames Musical-Projekt, an dem unter anderem der Kabarett-Star Thomas Pigor und die Saxofonistin Susanne Betancor mitwirkten.

 

70. FM Einheit/ Caspar Brötzmann
Merry Christmas (1994)
In dieser experimentellen Krachorgie vom Neubauten-Mann F.M. Einheit und Extrem-Gitarristen Brötzmann ist nur wenig weihnachtliche Besinnlichkeit zu finden.

 

71. Jever Mountain Boys
Bury The Bottle With Me (1994)
Die biertrinkende und huttragende Fraktion der West-Berliner Subkultur um Alexander Hacke, Jochen Arbeit und Rumme Beck würdigt aus dem Hinterzimmer des Ex‘n‘Pop Country- und Western-Klassiker.

 

72. Mr. Ed Jumps The Gun
Boom! Boom! (1994)

Frisch aufgelegter Funk-Punk mit Hip-Hop-Einschlag einer kurzlebigen Band, die mit Coversongs angefangen hat. Mit „Wild Thang“ hatten sie 1995 einen mittelgroßen Hit.

 

73. D Base 5
Aggravated Assault (1994)
Seltsam anrührender Bombast-Rock, der seinerzeit in der Fachpresse als „HipHopMetal vs. ­Real Hardrock“-Cocktail bezeichnet wurde.

Joe Metzroth – Onlineredakteur
D-Base 5: „Aggravated Assault“
D-Base 5 markierten Anfang der Neunziger meinen Einstieg in die Welt der harten Gitarren, von Rage Against the Machine bis zu Pantera. Das Album ist die zweite Platte der Band; das Cover der ersten EP wurde in einem Kreuzberger Döner-Imbiss fotografiert. Und so klang das auch. Schmutzig und rau. Dieses Album ist im Vergleich zu den Live-Auftritten fast überproduziert, abgemischt von Moses Schneider (Beatsteaks). Nach zwei Platten war dann Schluss. Lag vielleicht am Bandnamen – ­D-Base 5 war damals eine bekannte Datenbanksoftware.

 

74. Inchtabokatables
Ultra (1994)
Mittelalterlich anmutender, von Turbo-Geigen angetriebener Folk-Punk. In Extremo hatten später mehr Erfolg, die „Inchties“ genießen aber bis heute noch Kultstatus.

 

75. 18th Dye
Tribute to a Bus (1995)
Von Yo la Tengo entdeckt, von Steve Albini produziert – so weltläufig, cool und knochentrocken hat deutscher Noiserock nur selten geklungen. Vielleicht auch, weil dieses Trio zur Hälfte dänisch war.

Clemens Niedenthal – Gastroredakteur
18th Dye: „Tribute to a bus“
Die Jugend auf dem Land (in meinem Fall: Marburg) war Mitte der Neunziger kein Makel mehr. Blumfeld besangen Brakel, The Notwist kamen aus Weilheim. Das waren die deutschen Indie-Verhältnisse. Dann aber war da diese Platte, die, wenn schon von hier, dann aus Berlin kommen musste. Minimalistisch, weltläufig, reduziert und arschcool. Später habe ich bei Heike Raedecker, der Bassistin, Möbel gekauft. In ihrem skandinavischen Vintage-Store Stue auf der Torstraße. Tribute to a Daybed gewissermaßen.

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 1 (1-25)

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 2 (26-50)

Lesen Sie weiter: 100 Berliner Platten – Teil 4 (76-100)

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Eine Liste mit Berliner Plattenläden gibt es hier

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