Festival

100 Jahre Bauhaus

Tanz die Moderne: Zum 100sten: Kick-off für das Bauhaus-Jubiläum ist das Eröffnungsfestival in der Akademie der Künste. Es wird getanzt und gefeiert, und das hoffentlich ohne neuen Partycrasher

Videostill aus „Das Totale Tanz­theater“, zu sehen in der Akademie der Künste. Foto: Interactive Media Foundation

Bauhaus, das ist Gropius’ architektonische Radikalität, Ittens Farblehre, Schlemmers Geometrie oder Moholy-Nagys technisches Genie, dazu Experimentierfreunde und eine Ideologie, die ein neues Gesellschaftsbild wollte, wenn nicht gleich einen neuen Menschen – und die auch vor Esoterik und Spiritismus zumindest anfänglich nicht zurückschreckte. Was bedeutet, dass sich im deutschlandweiten Programm des Bauhaus-Jubiläums vieles wiederfinden muss, was das Phänomen Bauhaus ausmacht. Eine Großaufgabe, die darin besteht, die damalige Diversität zu zeigen – ohne auf die Höhepunkte in Architektur, Typographie und Design zu verzichten, die aus diesem neuen Denken erst entstanden sind. Allein in Berlin wird es über das Jahr verteilt viele Ausstellungen geben, die sich der Bauhaus-Klassiker annehmen, beginnend mit einer Architektur-Fotoausstellung im Willy Brandt Haus. Und bundesweit hat die Kulturstiftung des Bundes eine „Grand Tour der Moderne“ zusammengestellt mit 100 herausragenden Bauten der Zeit an 100 Orten, die zu besuchen sich alle lohnen.

Zwischen Mensch und Maschine

Den Auftakt des Versuchs, Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit zu vereinen, macht aber das Eröffnungsfestival in der Akademie der Künste mit einem anderen wichtigen Bauhaus-Thema, der Bühne. In Performances, Tanz und Theater werden neun Tag lang die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine, Raum und Gesellschaft ausgelotet – im Geist des Bauhaus, also getragen von Oskar Schlemmers und Lázló Moholy-Nagys Ideen von Raum, Licht und Musik. Immer orientiert an den Vorstellung, dass abstrakte Tanzgeometrien, der Verzicht auf literarische Sprache und neue Bühnentechniken erst Vielfalt im künstlerischen Ausdruck ermöglichen.

Das war damals einfach überwältigend neu und gilt bis heute zu Recht als Avantgarde. Über 25 Produktionen hat die künstlerische Leiterin des Festivals, Bettina Wagner-Bergelt, dafür zusammengestellt. Die Bandbreite reicht von historischen Bauhaus-Rekonstruktionen wie Schlemmers legendärem Triadischen Ballett über klassische Musik und Jazz bis hin zu Hip-Hop. Künstler*innen, Choreograf*innen und Musiker*innen wie Robert Wilson, Annette Krebs, Richard Siegal und Michael Wollny wurden eingeladen, die damalige Radikalität weiterzudenken: „Wir haben weltweit nach Produktionen gesucht, immer ausgehend von der Frage, wie das Bauhaus heute klingen würde“, so Wagner-Bergelt. Deshalb sei auch heute viel Raum für Experimente eingeplant, gerade eine gewisse Unerschrockenheit mache das Bauhaus ja aus.

Jean Molitor, Tankstelle, Kopenhagen, Dänemark, zu sehen im Willy-Brandt-Haus

Einer der Höhepunkte, neben der Eröffnungsarbeit „Bau.Haus.Klang“ von Michael Wollny am 16. Januar, ist „TXTORRENT“. In dieser Arbeit wird Choreograf Richard Siegal (The Bakery) die Schauspielerin Sandra Hüller eine Performance zur Musik von Carsten Nicolai während der Aufführung erst entwickeln lassen (20.1.). Einen weiteren Höhepunkt, vielleicht auch das Event, in dem sich das ganze Festival kristallisiert, soll es am 19. Januar geben, wenn die legendären Bauhaus-Feste ins Heute übertragen werden. Geplant ist unter „Bauhaus Club 2.019“ eine lange interdisziplinäre Nacht mit vielen Konzerten, Interventionen, Performances und allem, was zeitgenössische Musikformen hergeben, von südafrikanischem Underground-Clubsound bis Westküsten-Rap.
Dazu gibt es an allen Festivaltagen eine begleitende Ausstellung, in der unter anderem das Video „Das Totale Tanztheater“ zu sehen sein wird, das die Verschmelzung von Körper und Raum mittels virtueller Realität und mit der Musik der Einstürzenden Neubauten ins Jahr 2019 bringt. Das soll auch im Ausstellungsteil „Licht.Schatten.Spuren“ geschehen, indem technische Entwicklungen von László Moholy-Nagy auf die zeitgenössische Kunst von Tim Lee oder Jan Tichy treffen, der zum Beispiel die Arbeit „City of Glass“ des Altmeisters von 1936 als computergesteuertes Schattenspiel über die Ausstellungswände laufen lassen wird.

Ein Skandal und seine Folgen

Bei so viel Innovation, Internationalität und Diversität sollte man nicht vergessen, dass Ende 2018 ein recht hässlicher Partycrasher in die Jubiläums-Feierlichkeiten platzte, als genau das Gegenteil von Weltoffenheit passierte. Das Bauhaus Dessau gab Druck von Rechts nach und sagte das Konzert von Feine Sahne Fischfilet ab. Begründung: Die Punkband sei zu links. Spätestens da war nicht zu übersehen, dass ein weltkulturelles Ereignis wie dieses nicht im politisch luftleeren Raum stattfindet. Als dann noch der Bauhaus-Hype durch eine Empfehlung des „Lonely Planet“ von national auf international hochfuhr, war endgültig klar: Dieses Jubiläum könnte eine große, debattenreiche Angelegenheit werden.

Teil der Moderne, nicht DIE Moderne

Die Erwartungen und Diskussionen wurden entsprechend immer größer, was auch daran liegt, dass das Bauhaus in Deutschland mittlerweile das Synonym für die Moderne zu sein scheint. Da war es ganz wohltuend, dass die Leiterin des Bauhaus Archivs Berlin, Annemarie Jaeggi, alles ein wenig herunterfuhr. Sie sagte, das Bauhaus sei Teil der Moderne, aber eben nicht DIE Moderne, vor allem nicht die einzige – dafür seien die Strömungen innerhalb der Gruppe auch viel zu unterschiedlich, künstlerisch wie politisch. Jaeggi hat damit einen Ton gefunden, der der Komplexität der Bauhaus-Geschichte bei allen angebrachten Feierlichkeiten gerecht werden kann. In diesem Sinne gilt jetzt erst einmal für neun Tage: Party on!

Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, Eröffnungsfestival „100 Jahre Bauhaus“, Mi 16.1. bis Do 24.1., Progamm unter bauhausfestival.de, Ausstellung „Licht.Schatten.Spuren“ vom Do 17. – Do 24.1., tgl. 10–20 Uhr

Mehr Informationen: www.bauhaus100.de und www.grandtourdermoderne.de


Mehr Bauhaus

Die drei Bauhaus-Standorte Weimar, ­Dessau und Berlin feiern mit jeweils eigenen Jubiläumsausstellungen:
Den Anfang macht Weimar ab 6. April mit der Eröffnung des Neuen Bauhaus-Museums und der Ausstellung: „Das Bauhaus kommt aus Weimar“. Am 9. September folgt Dessau, ebenfalls mit neuem Haus und der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus“. Berlin zeigt ab 6. September (noch ohne neues Museum, dafür in der Berlinischen Galerie) „original berlin“.

Ein weitere große Ausstellung ist „Bauhaus imaginista“ im Haus der Kulturen der Welt, in der die Wechselwirkung der Bauhaus Institutionen mit dem Rest der Welt thematisiert werden, ab 15. März.
Das Museum für Fotografie setzt zum Thema „Neues Sehen“ die damalige Foto-Avantgarde in Beziehung zu zeitgenössischer Kunst, ab 12. April.

Die Kunstbibliothek rekonstruiert eine Ausstellung von Moholy-Nagy zum Thema Typographie aus dem Jahr 1929, ab 31. August.

Vier Ausstellungen in der Alfred Ehrhardt Stiftung zum Thema Malerei und Grafik im Bauhaus, beginnend mit Werken von Ehrhardt selbst, ab 12. Januar.

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