Geschichte

100 Jahre Oktoberrevolution

Findet Lenin: Die russische Oktoberrevolution vor genau 100 Jahren hat die Welt verändert. Aber was ist von ihr im Berliner Stadtbild noch übrig?

Foto: Axel Krumrey

Lenin ist verdammt schwer zu erreichen. Normalerweise arbeitet die Öffi-App zuverlässig. Diesmal versagt sie total. Man findet sich an einer zugigen Bushaltestelle irgendwo in Neukölln wieder, südlich des nahen Britzer Verbindungskanals. Auf der anderen Kanalseite steht das wahrscheinlich einzige Lenin-Denkmal West-Berlins.

17 Minuten Fußweg von hier, behauptet die App. 43 Minuten, korrigiert Google Maps. Die Suche nach Spuren der russischen Oktoberrevolution in Berlin fängt ja gut an.

Vor gut 100 Jahren, im April 1917, fuhr Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, aus seinem Schweizer Exil in einem Zug über Berlin nach Sassnitz. Über Schweden und das damals russische Finnland reiste er dann weiter nach Petrograd, dem späteren Leningrad. Mit dabei: seine Ehefrau. Und seine Geliebte. Am 25. Oktober fiel das Winterpalais in Sankt Petersburg. Der Rest ist Weltgeschichte.
Seit 2002 thronte die Lenin-Statue in Kreuzberg auf dem Hof von Zapf Umzüge. Dieses Jahr wurde sie, zwei Jahre nach dem Umzug der Firma nach Neukölln, auf dem Werkhof aufgestellt.

Der legendäre Brausebartträger Klaus Zapf, 2014 verstorben, soll sie 2002 von einem Kunsthändler bekommen haben. Dieser hatte den Lenin nach dem Zusammenbruch der Sowjet­union bei abziehenden Truppen der Roten Armee beschafft. Lenin-Artefakte wurden damals eher verbuddelt als versilbert. Also stellte Zapf den Lenin kurzerhand bei sich auf.

Gelegentlich kämen Touristen oder Berliner vorbei, erzählt Zapf-Marketing-Chef Axel Krumrey. „Viele kennen Lenin auch gar nicht.“ Manche glaubten, Zapf habe sich hier sein eigenes Denkmal hingebaut. „Und Kinder denken, das wäre Onkel McDonald.“
Auf diesen Gedanken wäre Carlos Gomes nie gekommen, Portugiese und Sprachlehrer aus Neukölln. Vor drei Jahren erkundete er in Wünsdorf die einstige Zen­trale der sowjetischen Streitkräfte. Dort steht noch eine riesige Lenin-Statue. Blick streng gen Westen.
„Das hat mich fasziniert“, sagt Gomes, 36, „diese Mischung aus Glanz, Ruhm, Vergessenheit und Dekadenz.“

Seitdem spürt er Lenin-Denkmälern in Deutschland nach. Solchen, die aus der DDR-Zeit erhalten sind. Oder nachher neu aufgestellt wurden. „Lenin is still around“ heißt sein Projekt, mit Webseite. Am 11. November eröffnet seine gleichnamige Multi­media-Ausstellung in der Kreuzberger Kunstgalerie 7 Mares.

Sein Projekt führte ihn auch zu Zapf. Offenbar hatte er bessere Weginformationen. „Der Lenin bei Zapf ist eine exakte Kopie einer Statue von Nikolai W. Tomski in Riesa“, sagt Comes.

Der sowjetische Bildhauer entwarf auch das 18-Meter-Lenin-Denkmal aus ukrainischen Granit auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen, das 1991 zerlegt und bei Müggelheim vergraben wurde. Seit 2016 ist der Kopf in der Zitadelle Spandau ausgestellt.

Foto: Harry Schnitger

Ansonsten sind die Spuren der Revolution in Berlin eher spärlich. Ein Dutzendmal war Lenin in Berlin. An der Frankfurter Alle weist eine unscheinbare Gedenktafel auf seine Teilnahme an einer Arbeiterversammlung im Jahr 1895 hin. In der „Kommode“ am Bebelplatz, heute Juristische Bibliothek der Humboldt-Universität, wo Lenin Marx und Engels studierte, deutet der Revolutionsführer auf einem großen, farbigen Glasfenster in die Zukunft.

Die Zukunft ist aber auch nicht mehr das, was sie 1968 noch war, als der Künstler Paul Glaser das Fenster schuf.
In der Tagung, einer Ostalgie-Kneipe in Friedrichshain, kann man immerhin noch unter den Augen von Lenin, Marx, Breshnew und Ulbricht drauflos bechern. Doch das Bier „Roter Oktober“ – Credo: „Heute schon Genossen?“ – steht nicht mehr auf der Karte.
Auch das Deutsche Historische Museum Unter den Linden zeigt noch eine Lenin-Statue. Sie stammt aus frühen Sowjetunion, als der Personenkult um Lenin, ein Jahr nach seinem Tod 1924, gerade begann.

Auf 1.100 Quadratmeter Ausstellungsfläche ist dort seit 18. Oktober die große Ausstellung „Umsturz.1917. Revolution. Russland und Europa“ zu sehen. 600.000 Russen flohen damals nach Deutschland, davon 360.000 nach Berlin, besonders „Charlottengrad“.
„Sie gehörten zur russischen Elite und haben einen riesigen Braindrain hinterlassen“, sagt die Kuratorin der DHM-Ausstellung Julia Franke. Gräber auf dem russisch-orthodoxen Friedhof in Tegel oder des Mitbegründers der russischen Sozialdemokratie, Pavel Aksel’rod, in Wedding zeugen davon.

Weil die Bolschewiki zumindest anfangs als Abstinenzler auftraten, ließ ein gewisser Leo Leontowitsch Gorbatschow seine Wodka-Destillerie in St. Petersburg zurück und stellte ab 1921 das Klargetränk in Berlin her.
Auf diese Weise, sagt Julia Franke, kam der Wodka nach Europa.

Ausgestellt wird im DHM zum Beispiel der „Nansen-Pass“ der Emigrantin Tamara Matul, Lebensgefährtin von Marlene Dietrichs Ehemann. Benannt ist der Pass nach dem norwegischen Polarforscher und Hochkommissar für Flüchtlingsfragen Fridtjof Nansen. „Es war das erste Mal, dass sich unterschiedliche europäische Staaten zusammengeschlossen haben, um Flüchtlingen ein Mindestmaß an Schutz zu garantieren“, sagt Kuratorin Franke.

Zum Schluss der Spurensuche noch ein Anruf bei Swantje Glock, Stadtführerin bei Stattreisen. Sie hat eine zweieinhalbstündige Führung konzipiert: „Roter Oktober in Berlin“. Am 4. November, 14 Uhr, gibt es eine davon. Ihr Weg führt zum Beispiel am Adlon-Hotel vorbei, wo die Familie des nach Berlin emigrierten Schriftstellers Vladimir Nabokov eine Hochzeit gefeiert habe, wie sie erzählt. Oder auch zur Russischen Botschaft Unter den Linden, deren Vorgängerbau, das Amalia-Palais, Zar Nikolaus I. 1837 kaufte – wofür er übrigens erst Berliner werden musste.

Die Tour kommt auch am einstigen Reichsschatzamt in der Wilhelmstraße vorbei. Denn die Hohenzollern ­finanzierten Lenins Bolschewiki mit Millionen-Beträgen, um Kriegsgegner Russland zu schwächen. Ein Jahr später, 1918, kam der Bumerang zu Kaiser Wilhelm II. zurück. Die Oktober- rollte als Novemberrevolution über Deutschland. Und fegte ihn selbst weg. Dumm gelaufen.
Aber das ist dann wieder ein anderer 100. Jahrestag.

Veranstaltungen

1917. Revolution. Russland und Europa Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Mitte, bis 15.4.2018, www.dhm.de

Roter Oktober in Berlin. Lenins Zug, Kaisers Goldmark und der Philosophendampfer Stattreisen-Stadtführung, 4.11., 14 Uhr, Treffpunkt: Vor dem Eingang der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, www.stattreisenberlin.de/stadtfuehrungen/stadtfuehrung/roter-oktober-in-berlin

Lenin is still around Multimedia-Ausstellung über die letzten deutschen Lenin-Denkmäler, Kunstgalerie 7 Mares, Heimstr. 3,
Kreuzberg, 11.11. – 8.12., www.leninisstillaround.com

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare