Dokumentarfilm

„12 Tage“ im Kino

Die extremen Möglichkeiten des Menschseins: Der französische Dokumentarfilmer Raymond Depardon blickt in „12 Tage“ auf psychisch Kranke in Frankreich

Grandfilm

Sie haben Recht. Ich bin verrückt.“ Mit diesen ­Worten begibt sich ein junger Mann in einer psychiatrischen Klinik in Lyon zurück in die Behandlungsräume. Er hatte gerade einen Termin vor einem Richter, der ­darüber entscheidet, ob der Patient weiter in ­Behandlung bleiben muss. Wenn Menschen in psychische Schwierigkeiten geraten (und dann häufig auch andere Menschen in Schwierigkeiten oder gar Gefahr bringen), dann kann man sie einweisen. In Frankreich sieht das Gesetz vor, dass spätestens nach zwölf Tagen gerichtlich ­darüber ­befunden werden muss, ob dieser Freiheitsentzug ­berechtigt ist.

„12 Tage“, so heißt nun auch der Film von Raymond Depardon, der einige dieser Verhandlungen zeigt. Said Bernok, so lautet das Filmpseudonym des jungen Mannes, hat eine lange Geschichte mit Drogenmissbrauch. Er behauptet, dass er einer terroristischen Zelle eine ­Kalashnikov entwendet hat. Die Entscheidung des ­Richters liegt nahe: Said muss in der Klinik bleiben. Er sieht das auch selbst ein.

Die wenigen Minuten, in denen wir Said zu ­sehen bekommen, sind ein filmischer Grenzfall. Denn ­offensichtlich ist Said nicht voll zurechnungsfähig, ­vielleicht steht er auch unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln. Ihn so zu zeigen, das widerspricht im Grunde seiner Würde. Andererseits sehen wir in Said etwas, wofür uns sonst häufig der Blick fehlt: dass ein halbwegs stabiles Leben nicht selbstverständlich ist.

Alle Patienten in „12 Tage“ gehen weit über das hinaus, was man in Filmen wie „Rain Man“ oder „Einer flog über das Kuckucksnest“ sehen kann. Und zwar ganz einfach deswegen, weil sie (bis auf die Veränderung der Namen und Herkunftsorte) sie selbst sind.

Für Raymond Depardon, einen der großen französischen Dokumentaristen, ergab sich bei „12 Tage“ die Möglichkeit, etwas zu erfahren, was ihn schon seit der Kindheit beschäftigt: „Das Krankenhaus Vinatier in Lyon hat für mich ­große Symbolkraft, denn als ich klein war, haben meine Eltern immer gesagt, wie das überall auf der Welt ist: Wenn du nicht brav bist, dann kommst du in eine Anstalt. Und dann folgt immer ein Name – in diesem Fall war das Bron.“ Bron ist der Stadtteil in Lyon, in dem die psychiatrische Klinik liegt. Depardon wuchs in einem Dorf ein wenig nördlich von Lyon auf.

Beim DOK.filmfest in München gab es im Mai Gelegenheit, mit Depardon und seiner Partnerin Claudine Nougaret zu sprechen. Sie produziert und macht den Ton, er führt ­Kamera und Regie. Sie haben mit einem ganz kleinen Apparat gearbeitet, aus naheliegenden Gründen: „Bei diesem Gespräch nach zwölf Tagen steht natürlich eine Menge auf dem Spiel. Da geht es erst einmal darum, dass die Kameras nicht stören. Die ganze Situation musste entschärft werden, denn die Person, die diesen Raum betritt, ist in Aufruhr.“

Dieser Aufruhr ist die zentrale Erfahrung, die man mit „12 Tage“ macht. Dabei geht es aber strikt um beide Pole. Im Zentrum steht jeweils eine Person, die auf unterschiedliche Weise „da“ ist. Manche Patienten sind ganz in ihrer eigenen Welt, manche sind auch schon viele Jahre in der Anstalt (die Vorführung vor den Richter muss in regelmäßigen Abständen wiederholt werden), manche wirken vernünftig, eine Frau wiederum möchte unbedingt entlassen werden, aber nur, um sich endlich das Leben nehmen zu können. Gegenüber sitzen die Richter, sie zeigen Einfühlungsvermögen, müssen jeden Fall aber unter zwei Aspekten beurteilen: Was bedeutet die Festsetzung für die Patienten, aber auch für die Allgemeinheit?

Zwischendurch ist zu sehen, wie es in der Anstalt zugeht. „Mit kleinem Team, fünf Leute, haben wir uns ein Bild davon gemacht, wie heute ein psychiatrisches Krankenhaus aussieht“, erzählt Depardon. „Es ist auf eine gewisse ­Weise menschenleer, auf den Fluren ist niemand, die Einheiten sind klein, jeder hat sein Zimmer, die Pfleger sind versteckt, die Schlüssel sind elektronisch.“ Vor 40 Jahren hat Depardon schon einmal einen Film in einer psychiatrischen Anstalt gemacht: „San Clemente“, gedreht in Italien, ist heute ein Klassiker und zeigt im Vergleich, wie sich der Umgang mit psychischen Krankheiten verändert hat.

Bei einem jungen Mann, der ursprünglich aus Angola stammt, gibt es noch am ehesten eine Perspektive, dass ein Leben „draußen“ vielleicht gelingen könnte. In den wenigen Minuten, die er im Film zu sehen ist, deutet sich eine katastrophale Lebensgeschichte an. „Es ging uns darum“, sagt Claudine Nougart, „psychisch kranken Menschen das Stigma zu nehmen.“ Das gelingt auch ganz hervorragend, allerdings eben nicht um den Preis einer kitschigen Normalisierung von psychisch Kranken, wie das in Spiel­filmen häufig der Fall ist. Hier sieht man mitten hinein in die extremen Möglichkeiten des Menschseins, und man muss es aushalten, wenn aus einem „Salon d’apaisement“ (ein Beruhigungszimmer) verzweifelte Schreie kommen, oder wenn eine Frau von sich sagt: „Ich bin eine offene Wunde.“ In diese Wunde blickt Raymond Depardon mit der größten denkbaren Solidarität, die das Kino kennt: mit einem wahrhaftigen Bild.

12 Tage F 2017, 87 Min., R: Raymond Depardon, Start: 14.6.

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