Jubiläum

125 Jahre Hertha BSC

Melodrame für Millionen: Zu Wiedervereinigung war Hertha BSC zweitklassig und fest im West-Berliner Mief verankert. Zum 125. Geburtstag ist Berlins Bundesligaclub für den Europapokal qualifiziert, plant ein neues Stadion – und erwartet zum Fest den großen FC Liverpool. Wie die „Alte Dame“ sich neu definiert hat

Foto: Sportmuseum Becke

In Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ gibt es eine Szene beim Schulsport, in der jemand für Hertha BSC schreit, der das besser nicht tun sollte. Hans, „der Nazi, der Fußballtrottel“, brüllt die Parole, die allen Hertha-Fans der unmittelbarste Ausdruck ihrer Leidenschaft ist: „Ha-Ho-He!“

Dass der Hauptstadtclub, wie sich Hertha seit 1999 stolz nennen darf, mit Nazis und Trotteln assoziiert wird, ist Teil einer alten Folklore, von der die „alte Dame“ immer noch gelegentlich umweht wird, auch wenn es dafür eigentlich keinen Grund mehr gibt. Denn die Zeiten der rechtsextremen Hertha-Frösche sind längst überwunden, und über den Intelligenzquotienten der Fans lässt sich nicht viel mehr sagen, als dass er vermutlich insgesamt so durchschnittlich sein wird wie bei jedem anderen Fußballclub auch. In diesem Sommer gibt es sogar ein paar Gründe extra, auf Hertha stolz zu sein. Die Mannschaft hat sich für den Europacup qualifiziert, im Kader finden sich einige Jungstars, auf die sogar Jogi Löw schon ein Auge geworfen hat.

Vor allem aber gibt es ein Datum zu feiern: Vor 125 Jahren, am 25. Juli, 1892, wurde der BFC Hertha 92 gegründet. Das ist zufällig das gleiche Jahr, in dem auch der FC Liverpool ins Leben gerufen wurde, und das ist vielleicht der Fußballclub mit dem höchsten Traditionsfaktor in der Welt, passenderweise ist das Freundschaftsspiel der beiden Vereine am 29. Juli der Höhepunkt der Festwoche. Hertha hat da noch einiges aufzuholen, aber wie sollte es anders sein bei einem Verein, der in einer Stadt mit einer so wechselvollen Geschichte wie Berlin zu Hause ist?
Wie weit das Jahr 1892 von der Gegenwart schon entfernt ist, kann man sich vielleicht anhand der Tatsache vergegenwärtigen, dass Hamburg damals von einer Cholera-Epidemie heimgesucht wurde – eine Krankheit, die man heute mit Krisengebieten und Naturkatastrophen assoziiert. Und auch der Fußball von damals wirkt aus heutiger Sicht fast mittelalterlich, soweit man das aus alten Fotografien erschließen kann. Dabei war es doch schon im Wesentlichen dasselbe Spiel, das heute zu einem Milliardenspektakel geworden ist, in dem Hertha so gut wie möglich mitzumischen versucht.

Dass heute ausgerechnet die Hertha – und nicht Tennis Borussia oder der BFC Dynamo – der erfolgreichste Fußballverein in Berlin ist, hat sicher vor allem mit Zufällen und der einen oder anderen klugen Entscheidung zu tun. Zwei deutsche Meistertitel in den frühen 1930er-Jahren fielen zum Glück in eine Zeit, in der der Sport noch nicht völkisch vereinnahmt wurde. Die Geschichte des Clubs während der Jahre des Nationalsozialismus wurde in den letzten Jahren sorgfältig aufgearbeitet, und man kann immerhin sagen, dass Hertha die rassistische Politik der damaligen Zeit nicht offensiv vertreten hat.

So richtig spannend wird die Geschichte des Vereins dann erst wieder in den jüngsten 25 Jahren. Denn Hertha spielte zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung noch in der zweiten Liga, und es war einigermaßen ungewiss, ob der in den Nachkriegsjahren tief im West-Berliner Mief verankerte Club jemals zu einem Faktor werden würde, an dem die ganze Stadt einmal Anteil nehmen könnte.

Mit dem Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 1997 holte Hertha aber die Wende gewissermaßen ein, und damit begann die Zeitrechnung, mit der wir es heute noch zu tun haben: die Geschicke eines Fußballclubs in einer Weltstadt, der sich nicht so recht entscheiden mag, ob er große Sprünge machen oder eher einfach dahinwurschteln soll.
Für Hertha begann 1997 jedenfalls eine Periode, in der so manche großen Sprünge versucht wurden. Sie waren teuer erkauft, denn in den Nuller-Jahren wuchs vor allem der Schuldenberg. Dass passte zwar gut zu einer Stadt, die nach einem atemberaubenden Bankenskandal selbst so gut wie keine finanziellen Spielräume mehr hatte, machte aber natürlich sportlich wie kaufmännisch wenig Perspektive.

Die Abnabelung von dieser Periode, die vor allem mit dem Namen des damaligen Managers Dieter Hoeneß verbunden ist, hat Hertha mehrere Jahre (und zwischendurch zwei Abstiege in die zweite Liga) gekostet. Allerdings war der Befreiungsschlag im Jahr 2014 dann auch von ganz eigener Qualität, denn Hertha wurde mit dem Einstieg des Investors KKR zum ersten Bundesligaclub, an dem sich ein Private Equity-Unternehmen beteiligt. Das sind Geldgeber, die in der Regel einen eher schlechten Ruf haben, weil man ihnen nachsagt, dass sie häufig brutal rationalisieren und mit schnellem Profit wieder wegwollen. Im Falle von KKR und Hertha lässt sich allerdings eine andere Geschichte erzählen, die viel mit Berlins Image zu tun hat. Die Stadt, die sich in den letzten Jahren an Phänomene wie Startups, Fintechs, Innovationscluster und Wagniskapital gewöhnt hat, aber eben auch an Gentrifizierungsdruck und Milieuverdrängung, war wohl nicht zufällig die erste in Deutschland, in der ein reiner Finanzinvestor ein Experiment mit dem Fußball wagte.

Bisher läuft die Sache sogar sehr gut, denn Hertha kann mit den Millionen sowieso nicht herumschmeißen (die gingen weitgehend in die Schuldentilgung), sondern muss vorsichtig und klug wirtschaften. Nach der einen oder anderen Statistik ist sie in Sachen „financial fair play“ sogar vorbildlich – auch das ein interessanter Aspekt in einer Stadt, der vom Rest der Republik gern vorgeworfen wurde, sie wäre ein Fass ohne Boden.

Wer heute an einem Samstagnachmittag zu einem Heimspiel ins Olympiastadion geht, wird dort einen guten Querschnitt der Bevölkerung von Berlin und Brandenburg antreffen, zum Teil mit durchaus internationalem Flair, denn als globale Marke hat Hertha zwar noch viel aufzuholen, aber auch da zieht natürlich der Name Berlin. Die Ostkurve, also der harte Kern der Fans, zählt zu den besten Supports in der Liga. Und in der Mannschaft steckt zur Zeit viel Phantasie. Hertha könnte also das Jubiläum wirklich genießen, wäre da nicht noch diese heikle Sache mit dem Stadion. Es gibt Pläne für eine neue Arena, ein reines Fußballstadion, in dem man näher dran am Spiel wäre. Das „Oly“, wie es von vielen Fans zärtlich genannt wird, ist nicht gerade ein Hexenkessel. Hertha will ein neues Stadion bauen und hat dabei den Senat einigermaßen unter Druck gesetzt. Denn eine von zwei Optionen wäre ein Stadion außerhalb der Stadtgrenze in Ludwigsfelde, ein Szenario, das niemand wirklich will. Das andere wäre ein Neubau auf dem Olympiagelände. Inzwischen gibt es plötzlich sogar Planspiele, dass ein Umbau des Olympiastadion selbst mit dem Denkmalschutz vereinbart werden könnte – das müsste dann aber auch auf die Möglichkeit zutreffen, unweit vom Olympiastadion eine neue Arena zu bauen.

Wie auch immer diese Sache sich entwickelt, es wird größtmöglicher Sensibilität bedürfen, um hier die beste Lösung zu finden. Denn man weiß aus anderen Zusammenhängen (Tempelhof, Tegel) gut genug, dass die öffentliche Meinung bei Infrastrukturprojekten schnell einmal kontrovers wird. Und die alten Affekte, die Herthas Image lange belastet haben, sind keineswegs vollständig überwunden. Gelingt mit dem Stadion aber eine kluge und vielleicht sogar architektonisch überzeugende Lösung, so wäre das ein weiterer Schritt in Richtung einer guten Kontinuität nicht nur für Hertha, sondern für Berlin insgesamt. Ein Schritt, denn man dann 2042 anlässlich von 150 Jahre Hertha BSC ausgiebig feiern könnte. Am besten mit einem Derby gegen Union aus Köpenick.

Hauptstadtfußball. 125 Jahre: Hertha BSC & Lokalrivalen Museum Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, Tag der offenen Tür: 25.7., 12–20 Uhr, Eintritt frei, bis 7.1.2018, 12–20 Uhr, Eintritt 6, erm. 4 €, bis 18 Jahre frei

Hertha BSC – FC Liverpool Olympiastadion, 29.7., 18 Uhr, Tickets: ab 15 €

Weitere Informationen: www.125jahre-herthabsc.de

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