Grenzenlose Literatur

18. internationales literaturfestival berlin

Noch bis 15. September präsentiert das ilb Autorinnen und Autoren aus aller Welt – und ist auch in den Special-Reihen hoch inspirierend

Covermotiv des ilb-Programms: Lust auf Lesen: (c) Norman Konrad

Wie wär‘s denn langsam mal mit einem Namenswechsel? Vielleicht zur in Bälde anstehenden Volljährigkeit? Das 2001 gegründete Internationale Literaturfestival Berlin (kurz: ilb), das auch in diesem Jahr wieder in Lesungen, Diskussionsreihen und anderen Formaten Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Genres präsentiert, ­könnte doch auch schlicht und einfach Literaturfestival Berlin heißen. Die Mitwirkenden kommen aus verschiedenen Ländern, viele von sehr weit her, schon klar. Aber ist das nicht in Berlin längst irgendwie selbstverständlich? Vor allem ist Literatur schon per se international – und das war sie bereits lange vor Goethe, der bekanntlich den Begriff „Weltliteratur“ prägte –, insofern handelt es sich bei dem Namen letztlich um eine Tautologie: Er ist doppeltgemoppelt. Nicht allein dass Texte von jeher eine grenzüberschreitende Wirkung auf andere Texte haben – was wäre Goethe ohne Shakespeare, Homer und Hafis oder heute etwa Thomas Meinecke ohne Judith Butler oder Andy Warhol? –, auch waren Schreibende immer schon vernetzt mit Schreibenden anderer Provenienz, in digitalen Zeiten ­naturgemäß mehr denn je.

Das ilb, das seit 5. September läuft, dreht sich um Vielfalt und um den Austausch, der helfen kann, sich in dieser Vielfalt zurechtzufinden. Das passt zu Berlin und auch zur politischen Situation im Land. Das ­diesjährige Programm lade „zur Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen und den politischen, sozialen und kulturellen Situationen anderer ein“, schreibt Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele und Gastgeber des ilb, dessen Förderung aus dem Hauptstadtkulturfonds ab diesem Jahr von bisher 350.000 Euro auf 600.000 Euro angehoben wurde, im Grußwort, während Festivaldirektor Ulrich Schreiber betont, dass der Fokus auf Themen mit politischer Virulenz und ­gesellschaftlicher Relevanz gelegt wurde, die in Veranstaltungs-Specials wie „Decolonizing Wor:l:ds“, „The Politics of Drugs“, „Die Evolution der menschlichen Kultur“, im Reportage-Projekt „Refugees Worldwide II“ und nicht zuletzt im Kongress „Was kommt nach dem Nationalstaat?“ verhandelt werden.
Im Zentrum stehen wie immer die „Literaturen der Welt“, also renommierte Verfasser und Verfasserinnen von Lyrik oder Prosa sowie zahlreiche zu entdeckende Neulinge. Mit dabei sind dieses Jahr der französische Soziologe und „Rückkehr nach Reims“-Autor Didier Eribon, die US-Amerikanerin Jennifer Egan, der Kenianer Mũkoma wa Ngũgĩ, die Israelin Ayelet Gundar-Goshen und viele mehr.

Einer der Stars ist sicher Vladimir Soro­kin, einer der bedeutendsten Schriftsteller Russlands und Kritiker des Putinschen Machtsystems. Sorokin stellt sein neues Buch „Das weiße Quadrat“ vor, das dem unter Hausarrest stehenden Regisseur Serebrennikow gewidmet ist. Auch die Italienerin Francesca Melandri wird Aufmerksamkeit erregen. Mit ihrem Roman „Alle, außer mir“ hat sie einen Bestseller vorgelegt, um den man in letzter Zeit kaum herumgekommen ist und der nicht nur die Kolonialgeschichte Italiens verhandelt, sondern auch deren Auswirkungen auf die Flüchtlingskrise der Gegenwart. Der 2015 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnete László Krasznahorkai wirft dagegen in seinem Roman „Baron Wenckheims Rückkehr“ einen kritischen Blick auf das heutige Ungarn. Und und und …
Goethe, der auch jüngere Kollegen aus dem Ausland wie Lord Byron, ­Alessandro Manzoni oder James Fenimore Cooper schätzte, verstand unter „Weltliteratur“ Werke, die aus einem transnationalen Geist heraus entstanden waren. Auch auf dem ilb ist dieser Geist, der alle Grenzen hinter sich lässt, vorherrschend.

18. ilb Haus der Berliner Festspiele (Hauptort), Schaperstr. 24, Wilmersdorf, und diverse weitere Orte, bis Sa 15.9., www.literaturfestival.com