Kunst aus Asien

„2 oder 3 Tiger“ im Haus der Kulturen der Welt

Die langen Schatten: Der Vater unserer Autorin kommt aus ­Indonesien. Vor der Ausstellung „2 oder 3 Tiger“ traf sie sich mit Co-Kuratorin Hyunjin Kim im Haus der Kulturen der Welt und wollte dabei auch erfahren, was aus einem Motiv in der Erinnerung ihrer Familie geworden ist

Heinrich Leutemann, Unterbrochene Strassenmessung auf Singapore, Holzschnitt nach Heinrich Leutemann (1824-1905), c. 1865-85.

In seinen Storys von früher, damals auf Java, die unser Vater erzählte, tauchte neben Holländern und Sukarno, dem ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Indonesien, auch der Tiger auf. Kein individuelles Exemplar seiner Gattung, sondern gleichsam der Tiger an sich, der aus dem Dschungel auf die Teeplantage sprang und eine Pflückerin riss. Immer eine Tragödie für das benachbarte Dorf, aus dem die Frau zur Arbeit gekommen war.

Der Tiger war eine Art Schicksal. Als unser Vater die Geschichten erzählte, schauten wir Kinder viele Tier- und Naturfilme im Vorabendprogramm der alten Bundesrepublik. Bernhard Grzimek filmte in der Serengeti, Heinz Sielmann forderte auch Naturschutz vor der Haustür. Meine Argumente zur Rettung der Tiger ließ der Vater nicht gelten.

Heute ist der Regenwald Indonesiens vor allem für Brandrodungen bekannt. Die neuen  Palmöl­plan­­tagen haben auch in unserer Familie Anhänger, meist Männer im Alter des Vaters, die sich für die Unabhängigkeit ihres Landes einsetzten. In den 60er-Jahren studierten sie in Europa, und sie glauben noch immer an Fortschritt: Sie wollen ihr Heimatland modern wissen – und unabhängig von Entwicklungshilfe. Diskussion zwecklos. Im Zweifelsfall gilt der Widerspruch der Jüngeren als Respektlosigkeit gegenüber den Alten, die das Land aufgebaut haben.

Hyunjin Kim wurde 1975 geboren. Sie lebt in Südkorea und wirkte an Okwui Enwezors 7. Gwangju-Biennale mit. Jetzt richtet sie gemeinsam mit Anselm Franke, dem Kurator am Haus der Kulturen der Welt (HKW), eine Ausstellung in Berlin aus. „2 oder 3 Tiger“ thematisiert die Großkatze als Symbol historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandels in Ost- und Südostasien. Kim und Franke richten den Fokus auf Kunst aus kleineren Ländern, die im Schatten von Großmächten ein belastetes Verhältnis zueinander pflegen wie Singapur, Südkorea, Taiwan und Malaysia.

In diesen Staaten seien „im Alltag kaum noch Traditionen sichtbar, die westliche Kultur wurde fast komplett adaptiert“, sagt Kim. „Wir gehen jedoch nicht nostalgisch an das Thema heran, sondern suchen eine kulturelle Annäherung an Tradition, um sie zu reflektieren.“ Dazu versammeln die Kuratoren in der Halle des HKW vor allem Filme, Animationen und Fotos. Die neun beteiligten Künstler und Künstlerinnen haben sich durch die historischen Schichten seit 1945 gearbeitet – mit den innerasiatischen Konflikten und Traumata. Dazu zählen etwa die Prostitution, zu der koreanische Frauen von Japanern gezwungen wurden, und die Beteiligung koreanischer Soldaten am Vietnamkrieg vor dem Hintergrund eines Nationalismus, der von Unabhängigkeitsbewegungen und Kaltem Krieg genährt wurde.

Arbeiten einzelner Beteiligter waren in Berlin bereits zu sehen. Erst Anfang des Jahres präsentierte das Künstlerprogramm des DAAD Minouk Lim aus Südkorea, unter anderem mit einem Film, in dem Immobilienhandel und Hausgeister aufeinanderprallen. Chia-Wei Hsu aus Taiwan war Gast des Künstlerhauses Bethanien und zeigte dort 2014 eine Filmarbeit über eine Froschgottheit, deren Tempel mehrmals umziehen musste. Park Chan-kyong aus Seoul gewann mit einem Fantasy-Horrorfilm für Mobiltelefone 2011 den Kurzfilmpreis der Berlinale. Zu weiteren Teilnehmenden zählen die Fotografin Kaisen Jane Jin aus Kopenhagen und Lieko Shiga aus Japan, die mit ihren subjektiven Großfotos als Motivgeberin einer um 1980 geborenen Generation gilt.
In den ausgewählten Arbeiten kommen Tiger meist indirekt vor, etwa als vormoderne Wesen wie die Wertiger (eine Analogie zu Werwölfen) oder als Zeichen für den Aktienkapitalismus wie in dem Label „Tigerstaaten“. Ohnehin existiert die reale Großkatze zwischen Tokio und Singapur heute am ehesten im Zoo.

Ausgangspunkt der Ausstellung bildet ein Bild aus dem 19. Jahrhundert von Heinrich Leutemann. Es zeigt eine Expedition in den Dschungel. Chef ist ein Weißer mit Sonnenschirm, Lastenträger sind Farbige. Aus den Büschen springt ein großer Tiger mit geöffnetem Maul. Sein Opfer ist die Maschine im Mittelpunkt des Bildes – eines jener Vermessungsgeräte, mit dem Briten im Regenwald um Singapur Flächen für künftige Plantagen berechneten. Der Chef steht, die Lastenträger dagegen stürzen. Erst als ich dieses Bild sehe, fällt mir auf, dass die väterlichen Geschichten nie Verantwortlichkeiten erwähnten. Nie war die Rede davon, dass die Teefelder niederländischen Plantagenbesitzern gehörten. Und nie machte mein Vater ihnen den Vorwurf, die Arbeiterinnen nicht ausreichend geschützt zu haben.

Ho Tzu Nyen, One or Several Tigers, 2017, Synchronisierte Doppelkanal-HD-Projektion, Automatisierter Bildschirm, Schattenpuppen, 10-Kanal-Sound, Show-Control-System.

Vielleicht wäre der Schutz der Menschen gar nicht so schwierig gewesen, wenn sie es denn wert gewesen wären. Der Essay des Kunsthistorikers Kevin Chua zu Leutemanns Bild weist darauf hin, dass Menschen nicht ins Beuteschema des Tigers passen. Erst wenn sie sich bücken wie die Teepflückerinnen, ähneln sie pflanzenfressenden Tieren.

Chuas Aufsatz  kann sich auf das ökologische Wissen des späten 20. Jahrhunderts stützen. Heute gilt als ausgemacht, dass Raubtiere vermehrt Vieh und ihre Halter reißen, wenn ihr Lebensraum eingeschränkt wird. Die europäischen Eroberer taten das erstmalig mit industriellen Mitteln. Heute ist es vor allem Geld aus dem Norden, mit dem Naturschutzorganisationen die aussterbenden Arten im Süden retten sollen. Entsprechend groß war das Echo auch in deutschen Medien auf eine Nachricht, die Wissenschaftler im März 2017 aus Thailand schickten: Eines der verblieben 221 Exemplare des Indochinesischen Tigers war in eine Fotofalle getappt.

2 oder 3 Tiger Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, 7/ erm. 5 €, Mo u. bis 16 J. frei, 21.4.–3.7., Eröffnung Do 20.4., 19 Uhr, Fr 21.4.+Sa 22.4. Eröffnungsprogramm mit Vorträgen, Filmen, Performances, Infos unter: hkw.de/tiger