Berliner Verlag

20 Jahre Aviva Verlag

„Hört sich verrückt an, lese ich mir durch!“ – Die Verlegerin Britta Jürgs über Virginia Woolfs einziges Theaterstück, in Vergessenheit geratene Schriftstellerinnen und ihre Literatur-Passion

Britta Jürgs, Foto: Klara Emilia Kajdi

tip Frau Jürgs, vor 20 Jahren haben Sie Ihren Verlag gegründet. Im Jubiläumsjahr erscheint bei Aviva nun „Bloomsbury & Freshwater“, ein Theaterstück mit Twist, nach Virginia Woolfs einzigem Theaterstück. Die Buchpremiere wird unter anderem präsentiert durch Antje Rávic Strubel, die Virginia Woolf liest. Sie selbst lesen ebenfalls. Was ist Ihre eigene Leserolle?
Britta Jürgs Ich werde wohl die Großtante von Virginia Woolf lesen. Möglicherweise auch die BBC-Reporterin.

tip Haben Sie denn ein persönliches Interesse an Virginia Woolf?
Britta Jürgs Als Leserin ja, aber ich bin keine Virginia-Woolf-Expertin. Als ich es angeboten bekam, dachte ich: Hört sich verrückt an, lese ich mir gerne mal durch. Es muss mich selbst interessieren. Das ist die beste Voraussetzung, dass es andere begeistert.

tip Sie verlegen vor allem Texte in Vergessenheit geratener Frauen. Wie findet man vergessene Menschen?
Britta Jürgs Manchmal sind es Funde. Ganz spannend finde ich Annemarie Weber: Berliner Autorin, die in den 60ern bis 80ern sehr bekannt war und die ich über eine Publikation von Rudolf Lorenzen beim Verbrecher-Verlag entdeckte. Ich bekomme aber auch Manuskripte von Autoren selbst.

tip Im Theaterstück „Bloomsbury & Freshwater“ heißt es: „Frauen waren in der Geschichte im Allgemeinen und in Viktorianischen Zeiten insbesondere kulturell, sozial und ökonomisch immer benachteiligt. Das ist auch heute nicht anders.“ Ist das Ihre Motivation, sich auf Frauen zu fokussieren?
Britta Jürgs Ja, auch. Wobei ich der Meinung bin, dass Lamentieren nichts bringt. Ich bin keine, die sich hinstellt und sagt: Ach, die armen Frauen! Ich erkenne, dass es viele gute Autorinnen gibt, die gefördert werden sollten. Das tue ich.

tip Gibt es trotzdem Herausforderungen, mit denen man trotz Motivation als Indie-Verlag konfrontiert ist?
Britta Jürgs Was uns eint, sind die ökonomischen Schwierigkeiten: Die Verwertungsgesellschaft-Wort-Rückzahlungen, die sind sehr hart. Dazu kommt, dass der Vertrieb zwar gut ist, aber in bestimmte Buchhandlungen kommt man als Indie-Verlag gar nicht rein.

tip Was sollte sich aus Ihrer Sicht verändern, damit unabhängige Verlage mehr Öffentlichkeit erfahren?
Britta Jürgs Mehr Leute sollten verstehen, dass es Unterschiede gibt beim Buchkauf. Es hat Konsequenzen, wenn man über Amazon bestellt. Damit es vielfältig bleibt, müssen die Käufer etwas ändern. Man kann bei vielen wunderbaren Buchhandlungen versandkostenfrei übers Internet bestellen.

tip Und warum kann man Aviva-Bücher über Amazon bestellen, wenn Sie dafür plädieren, dort nicht zu kaufen?
Britta Jürgs Ich habe keinen Vertrag mit Amazon, verkaufe die Bücher nicht direkt an Amazon. Amazon bezieht die Bücher von Barsortimenten.

tip Sie waren im Sommer auf Deutschlandtour. Wie war’s?
Britta Jürgs Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich denke immer: Wir sind in Berlin, hier gibt es tolle Buchhandlungen. Aber auch in kleinen Orten gibt es engagierte Buchhändler. In einer Kleinstadt an der Nordsee zu sein vor einer ausverkauften Buchhandlung, ist schon toll.

tip Woher kommt Ihre Buchpassion?
Britta Jürgs Ich bin früher oft auf Büchermessen gegangen, weil ich ja in Frankfurt war. Aber die Buchpassion war irgendwie schon immer da.

tip Hat sich Ihr Leseverhalten seit Frankfurter Tagen verändert?
Britta Jürgs Ja. Nicht nur, was ich lese, sondern wie das dann aussieht: Fürchterlich gestaltete Bücher mag ich gar nicht anfassen (lacht). Da habe ich eine große Abneigung. Aber ich lese noch viel, nur mehr von Indie-Verlagen.

tip Was war das Außergewöhnlichste, was in 20 Jahren Aviva-Verlag passierte?
Britta Jürgs Außergewöhnlich war „Das weiße Abendkleid“ von Victoria Wolff, einer unbekannten Autorin der 20er/30er-Jahre. Das einzige Aviva-Buch, das es auf eine Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Platz 17. Da war ich überrascht. Toll war auch, als Deniz Yücel den Lyrikband „Mädchenhimmel!“ von Lili Grün rezensierte. Deniz Yücel ist ja nicht gerade als Lyrik-Rezensent bekannt, aber er war begeistert. Die Rezension erschien kurz bevor er in die Türkei gereist ist.

Bloomsbury & Freshwater von Tobias Schwartz/Virginia Woolf, übersetzt von Tobias Schwartz, mit einem Nachwort von Klaus Reichert, 144 S., 18 €

Auf Wiedervorlage: Virginia Woolf Buchpremiere und Lesung in verteilten Rollen mit Antje Rávic Strubel, Jan Peter Bremer, Alina Herbing, Britta Jürgs, Jörg Sundermeier und Tobias Schwartz Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, Wannsee, Mo 4.12., 20 Uhr, Eintritt 8, erm. 5 €

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