Kolumne

45 Jahre tip: Jackie A. jubelt

Erdoğan-Wahlkampf, Trumpocalypse, Polarkappenschmelze, Methangas-Krater in Sibirien – an dieser Stelle muss ich kurz unterbrechen. Denn jetzt wird’s richtig heftig. Der tip wird 45 – Alarmstufe‚ drohendes Inkontinenzhöschen!

Das bedeutet akutes Midlifecrises-Stadium und hormoneller Ausnahmezustand auf allen Ebenen. Dellen in Papier und Weltbild sind da noch das kleinere Übel, und das sich neuerdings abzeichnende Truthahn-Kinn vibriert unfreiwillig im Takt von Hip-Hop Beats, deren Titel man im eigenen Musikteil erst mal umständlich mit Lesebrille nachlesen muss. Unbequeme Fragen wie „Hab ich in meiner Existenz alles richtig gemacht?“ melden sich, und die erste Antwort lautet fast immer: „’Türlich! – Und ich würde alles wieder genauso tun!“
Drei Gläser Rotwein später stellt sich die Situation schon anders dar: *jammernd*  Wurde nicht zu viel über Abgabeterminen gebrütet? – Zu wenig den spontanen Bedürfnissen nachgegeben? – Zu selten geknutscht?  … zu wenig Wein? Eine Midlifecrises­typische Reaktion: ohne Termin ins Tattoostudio, dann rascher Fahrzeug- bzw. Partnerwechsel, in hoher Geschwindigkeit Bars und Discotheken frequentieren,  auf Parkbänken heulen, das Leben und den Supermarkt in dramatisch-unwürdiger Aufmachung durchschreiten und das Umfeld mit schiefer Selbstfindungsrhetorik nerven, bevor – puff! – die Krise sich auf magische Art wieder verflüchtigt.
Woher ich das weiß? 47-Jährig durfte  ich schon mal vorschnuppern und stellte fest, es ist ja nicht so schlimm, wie es aussieht. Man kann es schaffen (wenn einem nichts peinlich ist). Also c’ mon tip-Stadtmagazin! Lass uns zusammen durch die Krise rollen, Sisters in Crime!  Hupen wir uns mit schwerem Goldschmuck behangen zu in einem viel zu dicken Cabrio – Leasing! – durch Charlottenburg und Neukölln, um an Baustellenabsperrungen Handwerker anzuraunzen: „ Ey Schnucki, bei mir zu Hause kannste auch was verlegen!“  Wobei Du ja immer schon die Souveränere von uns warst, ein Vorbild in maßvoller Sprache, nicht so krawallig, eher versöhnlich in den regionalen Beobachtungen – einer deiner besten Züge!  Aber die stehen nun ausnahmsweise mal hinten an. Weißt du überhaupt noch, wie wir uns  kennengelernt haben? 2000 war das, als ich beim SFB  diese merkwürdige TV-Sendung Namens „Berlin Beat“  moderierte und wir deine eigene Musikrubrik mit Hagen Liebing (Grüße in den Rock ’n’ Roll Himmel!) einführten. Im Gegenzug schrieb ich erste Kolumnen für Dich, ungelenke Texte voller Rechtschreibfehler, die den damaligen Chef Karl Hermann scheinbar amüsierten, so dass er beschloss, die Ergüsse auch nach abgesetzter Sendung  zu übernehmen. Das ist jetzt 17 Jahre her und wir haben uns, soviel Wahrheit muss sein,  ganz schön verändert. Du bist schmaler geworden, ich fülliger. Du bist nach Kreuzkölln gezogen, ich instagramme mein Landleben. Du bist jetzt – ausgerechnet! – mit der jüngeren ZITTY zusammen, und ich hab den coolen Klaus geheiratet. Manchmal bekommst  du diesen harten Zug um die Mundwinkel. Dagegen hilft eigentlich immer, wie wir zusammen auf ungezählten Weihnachtsfeiern herausfanden, Rotwein oder ein 20-seitiges Burger-Special im Heft. Das Internet, die billige Schlampe, macht es uns aber auch extra schwer! Die neue, gebündelte Superstadtmagazinpower war da nicht deine doofste Idee.  Ausgiebig recherchierter, regionaler Content, die guten Geschichten, damit kannste alt werden. Aber vorher, tip-Stadtmagazin, rollen wir durch die Midlife-Crises. Ich hupe Dir zu!

Jackie A. In Potsdam geboren, über die Prager Botschaft nach West-Berlin geflohen, im E-Werk gelandet, als Barfrau, DJ, Moderatorin, Schauspielerin gearbeitet: Jackie war die Richtige für den tip. Seit 2000 schreibt sie regelmäßig Kolumnen, lang aus ihrem Nachtleben (nachzulesen in ihrem Buch „Apple zum Frühstück“), jetzt aus Brandenburg.

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare