Kino & Film in Berlin

50 Jahre Freunde der deutschen Kinemathek

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tip Erklären Sie doch bitte zunächst, wie es zu dem Namen „Freunde der deutschen Kinemathek“ kam. Gaben Sie sich ihn in Anlehnung an die Stiftung Deutsche Kinemathek, die einige Monate zuvor von dem Regisseur Gerhard Lamprecht gegründet worden war?
Ulrich Gregor Über den Namen sind wir oft gestolpert. Ich glaube, wir haben ihn gewählt, weil sich damals viele Freundeskreise von Kunstvereinen bildeten. Die Kinemathek war tatsächlich der Startschuss. Wir hätten auch gerne weiter kontinuierlich mit ihr gearbeitet, aber das war nicht möglich. Ich weiß gar nicht mehr, weshalb.
Erika Gregor Du bist damals zu Lamprecht gegangen aus der Überzeugung heraus, jetzt gibt es die Kinemathek, jetzt muss man Filme zeigen. Aber Lamprecht sagte: „Kinder, dazu bin ich zu alt.“ Er kam später auch nicht zu den Vorführungen. Ihm genügte es, in seinem Archiv zu sitzen, seine Schätze zu bewachen und seiner Sekretärin, Fräulein von Österreich, ab und an einen Brief zu diktieren.
Ulrich Gregor Er hatte diese kleine schöne Sammlung, aber wir hatten Ideen, die waren viel umfassender. Wir hatten das Gefühl, in einer kinematografischen Wüste zu leben und dass daran unbedingt etwas geändert werden musste.
Erika Gregor Es ging ja erst einmal um die Filme, die da waren und nie gezeigt wurden. Es gab zwar Filmclubs, aber die ganze deutsche Filmgeschichte hatte nie jemand gesehen in Berlin.
Ulrich Gregor „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und „Nosferatu“ waren tatsächlich total unbekannt.
Erika Gregor Es war klar, dass man anfängt mit der guten deutschen Vergangenheit. Also zeigten wir zuerst den Stummfilm „Das Wachsfigurenkabinett“ von Paul Leni. Dann waren wir natürlich interessiert an den neuesten Hervorbringungen – das waren die Filme der Unterzeichner des Oberhausener Manifests, auf die man große Hoffnungen setzte.

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tip 1963 gab es weltweit Aufbruchsbewegungen im Kino, überall meldeten sich junge Generationen von Filmemachern zu Wort. War die Zweigleisigkeit der ersten Vorführung also programmatisch? Demonstrierte sie, dass Filmgeschichte nicht nur Vergangenheit bedeutet, sondern auch gerade im Augenblick entsteht?
Ulrich Gregor Das muss ausbalanciert und kombiniert werden. Das eine geht gar nicht ohne das andere. Um Filmgeschichte zu betreiben, muss man die Moderne ständig mit einschließen und umgekehrt.
Erika Gregor Es war für uns selbstverständlich, dass man Filme aus aller Welt holt. Wir hatten ja schon jahrelang das Filmstudio an der Freien Universität gemacht. Ulrich fuhr schon früh nach Cannes und sah da wunderbare polnische Filme von Wajda und Munk. So was müsste man doch auch hier zeigen können! Es gab eine polnische Militärmission, zu der fuhren wir hin und bekamen dann die Filme. Für mich waren dabei politische Fragen immer wichtig: Filme aus Osteuropa zu zeigen, aus den Ländern, die unter uns gelitten haben.

tip Die ersten Jahre waren eine Zeit der Dia­spora: Es gab kein festes Kino, sondern wechselnde. Eines davon war das heutige Grips-Theater.
Erika Gregor Das hieß damals „Bellevue“. Da haben wir die Spätvorstellungen gemacht, am Donnerstag, Freitag und Sonnabend.
Ulrich Gregor Als wir einen Film aus Kuba zeigten, stand Rudi Dutschke auf und sagte mit lauter Stimme: „Diesen Film haben wir beim SDS auch!“
Erika Gregor Er war oft da und brachte kubanische Kurzfilme mit. Mir fiel er immer auf, weil er wahnsinnig höflich war. Seiner Frau hat er immer den Sitz runtergeklappt, und ich dachte: „Mein Gott, wenn ich das doch auch mal hätte!“ Man kannte sich einfach damals in Berliner Kulturkreisen. Wir kannten zum Beispiel die Schaubühnen-Leute, weil sie das Studententheater an der FU gemacht hatten. Es kam vor, dass sie für ihre Inszenierungen bei uns vormittags Filme sahen, z.B. bei der „Optimistischen Tragödie“ von Wischnewski. Und als die dann herauskam, haben wir natürlich dazu ein Programm mit sowjetischen Klassikern gemacht – „Die Filme, die die Schaubühne sah“ – und unser Haus war voll.

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tip Wäre es heute noch möglich oder notwendig, Programme in der Tradition der Anfangsjahre zu zeigen?
Milena Gregor Das kann man ja jetzt Anfang Juni verfolgen, wenn die ersten drei Programme gezeigt werden. Da bin ich ganz besonders gespannt auf die Kombination von „Juarez“ von William Dieterle mit Polanskis Kurzfilm „Le gros et le maigre“. Gespannt bin ich natürlich auch aufs „Wachsfigurenkabinett“ und die Oberhausener Kurzfilme, denn Lenis Film besitzt schon etwas Fragmentarisches, Episodenhaftes. Da sprechen nicht nur Alt und Neu, sondern auch die Formen miteinander.
Stefanie Schulte Strathaus Der Film eignet sich wunderbar zur Eröffnung des ganzen Programms, weil darin ein namenloser Dichter Geschichten erzählt und Figuren erfindet. Darin steckt schon die Vielstimmigkeit des Living Archive Projekts.
Birgit Kohler Abgesehen von diesem aktuellen Anlass kann man generell sagen, dass es das Credo unserer kuratorischen Arbeit ist, Historisches und Neues zu verschränken, also Filmgeschichte als Projekt der Gegenwart zu begreifen und sie mit gegenwärtigen Diskursen und Filmen zu präsentieren. Wir sind den zeitgenössischen Medien ebenso wie der Geschichte verpflichtet und führen beides im Programm parallel.

tip Wie gelang es Ihnen, obwohl Sie an verschiedenen Orten Filme zeigten, dennoch im Bewusstsein des Publikums ein Profil zu gewinnen?
Ulrich Gregor Wir machten unsere Veranstaltungen im monatlichen Rhythmus und druckten für jede ein Plakat und ein Heft. So konnten wir unser Publikum heranziehen.
Erika Gregor Wir hatten von Anfang an Glück mit dem Publikum, das uns immer folgte. Manchmal kommen alte Leute auf mich zu, die sagen: „Ach, Frau Gregor, vor 40 Jahren haben Sie mir schon die Karten abgerissen!“ Ein hoher Beamter hat mir einmal erzählt, er habe seine Frau im Arsenal kennengelernt, als sie beide Studenten waren. Auch die Berliner Kritik war immer gut zu uns. Wenn ich zu Hause aufräume und alte Kritiken finde, spüre ich noch immer dieses Wohlwollen.
Ulrich Gregor Als wir „Das goldene Zeitalter“ von Buсuel zeigten, war das ein solches Ereignis, dass selbst die „B.Z.“ einen Artikel darüber brachte. Der Film war eine Legende, aber nirgendwo zu sehen. Wir haben es geschafft, eine Kopie aufzutreiben – übriges mit Einwilligung von Buсuel selbst.
Erika Gregor Das war aber schon, nachdem wir das Arsenal bezogen hatten. Es war ein kalter Winter, und das Klo, das damals noch auf dem Hof lag, war eingefroren. Während Ulrich vorn stand und erzählte, wie wunderbar es ist, diesen seltenen Film zu zeigen, lief der Klempner mit einem Klobecken durch den Saal. Ich dachte: „Das ist die Realität des Arsenals: Wir schaffen es, den Film zu kriegen, sind aber nicht in der Lage, die Heizung fürs Klo zu bezahlen!“

Fotos oben und unten: David von Becker

Foto mittig: Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

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