8. Mai 1945/2020

75 Jahre Kriegsende: Berlins Mitte – damals Trümmerfeld, heute Ort des Gedenkens

Vom Zentrum der Macht zum finalen Schauplatz des Untergangs: In Berlin-Mitte waren die Kämpfe gegen Kriegsende besonders hart. Vom Brandenburger Tor bis zur Topographie des Terrors. Dieser Spaziergang lädt zur Spurensuche und zum Gedenken ein.

Das Brandenburger Tor in Mitte war gegen Kriesende stark beschädigt.
Das Brandenburger Tor in Mitte war gegen Kriesende stark beschädigt. Foto: imago/Mauersberger

Nein, man sieht dem Brandenburger Tor seine bewegte Vergangenheit nicht an, wenn man heute auf dem Pariser Platz vor Berlins bekanntestem Wahrzeichen steht.

In der Schlacht um Berlin 1945 zerstörten Granaten die Quadriga bis auf einen Pferdekopf (er befindet sich heute im Märkischen Museum), beide Torhäuser brannten aus. Eines davon wurde nach Kriegsende wieder aufgebaut und das Viergespann rekonstruiert. Im Rahmen einer grundlegenden Restaurierung des Tores, zum Tag der Deutsche Einheit im Jahr 2002, wurden auch die über 18.000 Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg aufgefüllt.

Die Einschusslöcher Reichstagsgebäude sind noch vorhanden.
Die Einschusslöcher Reichstagsgebäude sind noch vorhanden. Foto: Ina Hildebrandt

Dagegen sind am, nur wenige hunderte Meter entfernten, Reichstagsgebäude auch nach dem aufwendigen Wiederaufbau noch Kriegsnarben erhalten. Im Säulengang auf der Rückseite des Hauses kann man zahlreiche Einschusslöcher gut erkennen. Obwohl das Gebäude nach dem Reichstagsbrand 1933 nur notdürftig wieder in Stand gesetzt und daher nicht für von der NSDAP für Sitzungen genutzt wurde, galt es für die Sowjetische Armee nach wie vor als ein bedeutendes Symbol der nationalsozialistischen Herrschaft. Nach tagelangen, heftigen Kämpfen kapitulierten am Abend des 1. Mai 1945 die letzten deutschen Soldaten im Keller des Hauses.

Im Großen Tiergarten gibt es viele Gedenkstätten

Betritt man durch den gegenüberliegenden Simsonweg den Großen Tiergarten, so kommt man nach wenigen Schritten am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas vorbei. Die Gedenkstätte für ca. eine halbe Million Opfer dieser Bevölkerungsgruppen ist allerdings auf Grund von Bauarbeiten voraussichtlich bis Ende Mai 2020 gesperrt. Von dort führt ein Pfad  in eine umzäunte Parkanlage. Es ist ein Friedhof für sowjetische Soldaten. Allein in der Schlacht um Berlin sind 80.000 Rotarmisten gefallen. Zusammen mit einem Denkmal gehört es zu den drei großen Sowjetischen Ehrenmalen in der Stadt. Hier kann man schön auf einer der Bänke verweilen oder sich auf den Schautafeln historische Fotografien vom Kriegsende in Mitte anschauen.

Das Denkmal wurde von dem dänisch-norwegischen Künstlerduo Elmgreen und Dragset entworfen.
Das Denkmal wurde von dem dänisch-norwegischen Künstlerduo Elmgreen und Dragset entworfen. Foto: Ina Hildebrandt

Der Weg zum Potsdamer Platz ist gesäumt von weiteren Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Seit 2008 erinnert ein großer Betonquader an die verfolgten Homosexuellen. Durch ein kleines Glasfenster ist der Film „Kuss ohne Ende“ von Gerald Backhaus zu sehen. Er zeigt in Dauerschleife sich küssende Frauen- und Männerpaare unterschiedlichen Alters. Übrigens wurden homosexuelle Opfer des NS-Regimes erst mit einer Rede Richard von Weizsäcker 1985 in das öffentliche Gedenken miteinbezogen.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, liegt das Holocaust-Mahnmal. Es ist die zentrale Gedenkstätte Deutschlands für die sechs Millionen ermordeten Juden unter der NS-Herrschaft. Zudem ist das Mahnmal mit seinen über 2.700 Stelen auf wellenförmigen Grund ein Anziehungspunkt für Berliner*innen und Tourist*innen. Einige legten dabei ein verstörendes Verhalten an den Tag. Ausladende Selfie- und Picknicksessions sorgten wiederholt für öffentlichen Unmut.

Kriegsende in Mitte: weite Trümmerlandschaften

Obwohl die Berliner*innen ihm heute nicht sonderlich zugeneigt sind, gehörte der Potsdamer Platz in den 1920ern zu den beliebtesten Plätzen Europas. Nach Kriegende war Mittes einstiges Herzstück größtenteils nur noch ein Trümmerfeld. Geht man an den heutigen eklektizistischen Neubauten vorbei, die Stresemannstraße entlang, kann man in der Niederkirchstraße weitere Spuren des Zweiten Weltkrieges finden. Eigentlich würde der, im Krieg massiv beschädigte, Gropius Bau heute nicht mehr stehen. Walter Gropius persönlich rettete das Gebäude nach Kriegsende vor dem Abriss. Seit 1966 steht es unter Denkmalschutz und trägt den Namen seines Erbauers Martin Gropius, der Großonkel von Walter Gropius. Stumme Zeugen der letzten Kriegstage finden sich hier immer noch: einige beschädigte Statuen wurden nach dem Wiederaufbau in ihrem historischen Zustand mit Einschusslöchern belassen.

Stumme Zeugen des Kriegsendes. Statuen vor dem Gropiusbau in Mitte.
Stumme Zeugen des Kriegsendes. Statuen vor dem Gropiusbau in Mitte. Foto: imago/Michael Eichhammer

Komplett dem Untergang geweiht war jedoch zusammen mit der NS-Herrschaft auch die Planungsstätte ihrer Verbrechen. Wer noch am Gropius Bau weitergeht, gelangt zur Topographie des Terrors. Auf diesem Gelände befanden sich die Zentralen der Gestapo, des Sicherheitsdienstes der SS und das Reichssicherheitsamt. Heute widmet sich hier eine Dokumentationsstätte mit wechselnden Ausstellungen der Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Momentan ist der Ausstellung- und Außenbereich mit den freigelegten Kellermauerresten jedoch geschlossen.


Noch mehr Berlin Geschichte:

In Berlin gibt es zahlreiche Orte, an denen Geschichte geschrieben wurde. Wir verraten euch auch, was es bei einem Spaziergang am Sowjetischen Ehrenmal in Schönholz oder rund um das Potsdamer Schloss Cecilienhof zu entdecken gibt. Und wie das damals kurz nach Kriegsende nicht nur in Mitte, sondern ganz Berlin aussah, könnt ihr in unserer Fotoreihe sehen.

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