8. Mai 1945/2020

75 Jahre Kriegsende: Spaziergang zum Ehrenmal Schönholz

Das Kriegsende wird in Schönholz auf besondere Weise gewürdigt. Der Zweite Weltkrieg hat zahlreiche Spuren im Berliner Stadtbild hinterlassen. Zum 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht stellen wir Spaziergänge vor, die zu wichtigen geschichtlichen Orten führen. Diesmal zum Sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide im Pankower Ortsteil.

75 Jahre Kriegsende: Obelisk und "Mutter Heimat" – Sowjetisches Ehrenmal in Schönholz.
Obelisk und „Mutter Heimat“ – Sowjetisches Ehrenmal in Schönholz. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Der Spaziergang beginnt am S-Bahnhof Schönholz. Der wuselige Wedding endet und das ruhigere Pankow beginnt. An dieser Stelle verlief die Mauer und trennte Ost- und West-Berlin. Auch der Kalte Krieg, die Besetzung Berlins durch die Alliierten und die Teilung der Stadt durch die Mauer waren Folgen des Krieges.

Man könnte dem Mauerweg folgen und zur Gedenktafel des Maueropfers Horst Frank laufen, der 1962 mit nur 19 Jahren erschossen wurde. Man würde an Birkenhainen, Bauflächen und Gartenlauben vorbeigehen. Und an den hübsch sanierten Bergmann-Borsig-Werken, wo Hipster in großen Fabriketagen vor kleinen Computern sitzen. Und wo die Band Rammstein ihre Pyro- und Bühnentechnik lagert.

Dieser Spaziergang soll dem Kriegsende in Schönholz nachspüren

Auch die von dem Pankower Hobby-Archäologen Christian Bormann entdeckte Ur-Mauer steht um die Ecke. Direkt in einem verwilderten Wäldchen an den Gleisen. 2018 stieß er auf dieses aus Ziegelsteinen zusammengefügte Segment, das 1961 in der ersten Bauphase der Berliner Mauer errichtet wurde. Die markanten Beton-Fertigteile folgten erst Jahre später.

Dieser Spaziergang soll aber einer anderen Geschichte nachspüren: dem Zweiten Weltkrieg, und was davon in Schönholz noch spürbar ist. Wir folgen der Provinzstraße Richtung Norden. Rechter Hand steht eine einst prunkvolle und jetzt leere und heruntergekommene Villa. Sie trägt den Beinamen „Leichenvilla“, weil hier einst exhumierte Leichen aus dem benachbarten Friedhof aufbewahrt wurden. Lange schon gehört sie der Republik Mosambik, der aber das Geld für den Ausbau zum Botschaftsgebäude fehlt.

Wir wollen zum „Friedhof Pankow III“, einem der größten Friedhöfe im Bezirk. Dafür muss man rechts in die Straße vor Schönholz abbiegen. Ernst Busch, Max Lingner und Anton Saefkow sind hier beerdigt. Saefkow, ein 1903 geborener Berliner, war seit den 1920er-Jahren Kommunist. Und ab 1933 Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Noch 1944 plante er Anschläge auf Rüstungsbetriebe und sollte an dem Hitler-Attentat um Graf Stauffenberg beteiligt sein. Kurz vorher verriet ihn ein Gestapo-Spitzel. Saefkow wurde verhaftet und am 18. September 1944 hingerichtet.

Hier mahnen die Toten vor den Schrecken des Krieges

Etwas weiter auf dem Gelände erinnern zwei Grabanlagen an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. „Die Toten mahnen uns“, lautet eine oft gebrauchte Wendung innerhalb linker Kreise. Die Inschrift steht an dem Denkmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Hier mahnen die Toten vor den Schrecken des Krieges. 

Verlässt man den Friedhof über die Hermann-Hesse-Straße, geht es am Sportplatz vorbei zum „Ehemaligen Friedhof für innerstädtische Bombenopfer“. Dieser aus dem Dienst genommene Friedhof, auf dem vor gut 75 Jahren Bombenopfer ihre letzte Ruhe fanden, befindet sich heute inmitten des Volksparks Schönholzer Heide.

Wer sich in das überwucherte Areal vorwagt, stößt noch auf alte Grabsteine. Manchmal graben Hunde sogar Knochenreste oder Sargbeschläge aus. Die Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs liegen hier nur einige Handbreit unter der Erde. Vergessen in grüner Beschaulichkeit.

75 Jahre Kriegsende: Eingang zum Sowjetischen Ehrenmal in Schönholz.
Eingang zum Sowjetischen Ehrenmal in Schönholz. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Ganz anders verhält es sich am Sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide. Errichtet wurde es in den Jahren 1947 bis 1949. Hier ist alles groß und sichtbar. Das Ehrenmal breitet sich auf knapp 30.000 Quadratmetern aus. Die Sichtachsen, Reliefs, der zentrale Obelisk, eine Statue der russischen „Mutter Heimat“ und die perfekt getrimmten Grünflächen folgen einem strengen Plan, der die totalitäre Architektur der Stalinzeit manifestiert. Neben den Denkmälern im Tiergarten und im Treptower Park ist es das dritte große Ehrenmal, das die Sowjetunion nach dem Krieg in Berlin bauen ließ.

In Schönholz liegen 13.200 Rotarmisten, die kurz vor Kriegsende in Berlin gefallen sind

Hier liegen 13.200 Rotarmisten beerdigt, die bei der Schlacht um Berlin im April und Mai 1945 gefallen sind. Und bis in die Gegenwart gedenken an diesem Ort deutsche und russische Politiker den Opfern des Zweiten Weltkriegs.

Man kann das Ehrenmal in nordwestlicher Richtung verlassen. Es geht dann an einem kleinen Teich vorbei und durch ein Wohngebiet. An der Hauptstraße muss man links abbiegen und kommt nach einigen hundert Metern zum S-Bahnhof Wilhelmsruh. Bis zum Kriegsende bauten die in der Gegend angesiedelten Fabriken Rüstungsgüter. Das machte den Ort zum alliierten Angriffsziel.

Selbst hier, abseits des Stadtzentrums, wurde nahezu alles zerstört. Der Zweite Weltkrieg ist aus keinem Stück Berlins wegzudenken.


75 Jahre Kriegsende

Regisseur Volker Heise über seinen Film „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“. Julia Franke hat die Ausstellung „Von Casablanca nach Karlshorst“ kuratiert, wir haben mit der Berliner Kulturwissenschaftlerin darüber gesprochen. Spaziergang vom Wannsee zum Neuen Garten: Spuren von Krieg und Totalitarismus. Treptower Park: Idyllisch am Spreeufer, nachdenklich am Sowjetischen Ehrenmal. An diesen wichtigen Orten in Berlin und Brandenburg wurde Geschichte des Zweiten Weltkriegs geschrieben.

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