Ausflüge

Abenteuer Brandenburg

Das Umland ist nicht nur sanft und entspannend. Es ist auch wild und geheimnisvoll: Drei Entdeckungstouren zu verwunschenen Orten

Lausitz: Geheimnisvolle Geisterstadt

Ganz im Süden Brandenburgs mischt sich das norddeutsche Platt schon mit einem sanften
Sächsisch. Hier in Haidemühl werden immer noch Dörfer abgebaggert, während aus den
alten Abraumhalden schon neue Badeseen entstehen

Foto: Von SPBer/ Eigenes Werk/ CC BY 2.5/ https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1632214

Geisterstädte üben überall auf der Welt eine besondere Faszination aus. Ob das nun der alte Goldgräberort Bodie in Kalifornien ist, die Wüstenstadt Kolmanskop in Namibia, Prypyat nahe dem ukrainischen Tschernobyl oder die Inselstadt Hashima in der Bucht von Nagasaki ist. Doch so weit muss man gar nicht reisen, um mit einem wohligen Grusel im Leben anderer, fremder Menschen zu spionieren. Nicht einmal zwei Stunden Fahrtzeit von Berlin entfernt liegt in der Lausitz das alte Dorf Haidemühl, das irgendwann in naher Zukunft weggebaggert wird.
Obwohl der Ort bereits vor zehn Jahren leergezogen wurde, existieren einige Straßenzüge immer noch. Mitten durch den menschenleeren Ort verläuft die L522. Die Häuser sind hohl wie ein alter Zahn, doch die Straßen und Gassen, die evangelische Kirche und das alte Glashüttenwerk stehen noch und zeigen, wie es sich hier vom Gründungsjahr 1548 bis zur Umsiedlung der Bürger 2006 gelebt hat. Nur langsam holt sich die Natur den Ort zurück. Junge Birken wachsen vor den Häusern, knorrige alte Obstbäume machen sich in den früheren Gärten breit. Viel ist es nicht, was nach den Jahren noch übrig ist. Aber zur Vorstellung, dass in diesen Häusern einmal Menschen lebten, liebten, feierten, sich stritten – dazu ist nicht viel Fantasie nötig.
Dass Haidemühl immer noch steht, hat etwas mit dem Ende der DDR zu tun: Über viele Jahre konnte sich der Energiekonzern Vattenfall nicht mit dem Insolvenzverwalter der 180 Jahre alten Glashütte einigen. Und so lange blieben eben das Familienhaus der Fabrik und die alte Waschkaue noch stehen. Das Feuerwehrmuseum und die Brikettfabrik sind bereits abgerissen. Rund um den alten Teich wird sogar noch geangelt.
Im nächsten Jahr, so kündigt Vattenfall an, ist endlich Schluss. Dann verschlingt der Braunkohletagebau die Geisterstadt Haidemühl endgültig. Lutz Göllner

Anfahrt: Auf der A 13 bis Großräschen, die B96 rechts bis zur B156 bis Lieske, dann auf die L522

Und weiter: Was einmal in ferner Zukunft aus Haidemühl wird, kann man nur wenige Kilometer westlich sehen: Hier füllen sich die ehemaligen Braunkohleabräumhalden mit Wasser. Wer sucht, der wird hier viele schöne Badestellen finden.

 

Heilstätten bei Berlin

In Beelitz liegt die heute bekannteste Lungenheilanstalt Brandenburgs. Die Häuser sind heute Ruinen, die man nur noch auf geführten Touren betreten darf

Foto: Go2Know

Die Reste des Balkons sind noch zu sehen, von dem aus die Ärzte die Patienten im Speisesaal beobachteten. Wer seinen Teller nicht leer aß, der flog raus aus Beelitz-Heilstätten. Denn die Kranken sollten gesund werden und nicht auf Kosten der Landesversicherungsanstalt Berlin ein Luxusleben führen, das sie sich in ihren eigenen, feuchten Hinterhofwohnungen niemals hätten leisten können. Denn in Bee­litz waren ausschließlich Arbeiter untergebracht. Zu Mittag gab es zwei Sorten Fleisch zur Auswahl, dazu Obst und Gemüse. Und das täglich. Eine für Arbeiter daheim kaum erschwingliche Ernäherung.
Es war natürlich nicht reine Menschenfreundlichkeit, dass 1898  mit dem Bau der Lungenheilstätten Beelitz begonnen wurde. Nein, ein Drittel der Arbeiter und Arbeiterinnen war an Tuberkulose erkrankt, gegen die es damals kein Meditikament gab. Und die hochansteckend war. Den Firmen Borsig, Siemens und AEG drohten die Arbeitskräfte auszugehen. Unter den Kuren gegen Schwindsucht und andere Krankheiten war die gute Ernährung und die kalten Abreibungen mit Salzwasser, die jeden Morgen durchgeführt wurden, wohl die sinnvollste. Außerdem mussten die Patienten stundenlang still in der sauerstoffreichen Luft liegen. Im Park wachsen immer noch Pflanzen aus allen Kontinenten.
Honecker war hier Patient
Beelitz war früher einer der größten Krankenhauskomplexe im Berliner Umland,  60 Gebäude auf einer Fläche von 20 Hektar. Wer heute durch das Gelände streift, hat den Eindruck, es sei gleich nach der Einführung des Tbc-Antibiotikums im Jahr 1944 verlassen worden. Doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände 1945 von der Roten Armee übernommen und war bis zum Abzug der Truppen 1994 – Erich Honecker wurde hier behandelt – das größte Militärhospital der sowjetischen Armee im Ausland.
Doch seitdem verfällt das marode Gelände rasant. Mehrfach wechselten die Besitzer, die offenbar kauften, ohne sich über Sanierungsbedarf und Nutzung Gedanken zu machen. Nicht einmal die Dächer wurden gesichert. Überall regnet es durch. Dazu kam der Vandalismus.
Das Betreten  der teilweise einsturzgefährdeten Gebäude ist heute verboten. Außer: Man bucht eine Tour bei go2know (siehe S. 25), die direkt vorort angeboten werden. Zehn Euro, und schon ist man drin. Eine gute Investition, der Rundgang entweder durch die ehemalige in die Chirurgie – der Operationssaal ist auch an der Decke mit blauen Fliesen von Villeroy und Boch bedeckt – oder durch Hörsaal, Küche und Alpenhaus führt in verwunsche Gänge und die spannende, vom Guide aus spanned erzählte, Alltagsgeschichte Berlins. Nun soll ein riesiges Neubauprojekt bei Beelitz die alten Heilstätten retten, von dem Verkauf der Wohnungen und Häuser soll die Sanierung bezahlt werden. Falls die Ruinen noch zu retten sind. Stefanie Dörre

Anfahrt: Beelitz Heilstätten Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz-Heilstätten, tg. 10–19 Uhr

Und weiter: Es gibt dort auch einen Baumkronenpfad (www.baumundzeit.de) und einen Barfusspark
(www.barfusspark-beelitz.de).

 

Bunkerwelten

Im Barnim liegt, versteckt auf einem bewaldeten Hügel, das ehemalige Hauptquartier der Kriegsmarine. Ein El Dorado für Entdecker

Verlassene-Orte.com

Schwer vorstellbar, dass der U-Bootkrieg in allen sieben Meeren von diesem märkischen Kiefernwäldchen aus geführt wird“, wunderte sich schon Lothar Günther Buchheim in seinem „Boot“-Nachfolger „Die Festung“, „,Koralle‘ – wer nur auf diesen Namen gekommen sein mag. Für ein Stabsquartier unter Kiefern ausgerechnet Koralle!“
Aber es ist so: Die gesamte deutsche Kriegsmarine wurde nicht etwa von einer Küstenstadt aus gesteuert, sondern aus einem versteckten Wäldchen mitten in der brandenburgischen Pampa. Das Objekt Koralle, bestehend aus zwei Hochbunkern, einem sich über vier Stockwerke erstreckenden Tiefbunker, der Villa des Großadmirals Dönitz und einigen kleinen Mannschaftsgebäuden war Sitz des OKM, des Oberkommandos der Kriegsmarine.
Heutzutage ist das Gelände schwer zu finden. Wenn man auf der L31 von Lanke aus Richtung Süden fährt, sieht man links im Wald die Dönitz-Villa und ein paar Trümmer – und dann ist man schon vorbeigerauscht. Besser man parkt in dem kleinen Ort Lobetal, lässt das Klärwerk links liegen und folgt dem Weg, bis er sich gabelt. Hier geht es hinauf in den Wald, und schon nach wenigen Metern findet man einen der gesprengten Hochbunker.
Alles, was oberirdisch liegt, kann man gefahrlos alleine erkunden. Immerhin ist der Koralle-Hügel mitten im Wald weitläufig, und man kann an allen Ecken und Enden etwas entdecken. Wohl deshalb wimmelt es im Gestrüpp nur so von Hobbyschatzsuchern. Den Tiefbunker dagegen sollte man nur im Zuge einer Führung betreten (eine gute Gelegenheit dazu ist etwa der Tag des offenen Denkmals, der in diesem Jahr am 9. und 10. September stattfindet). Begehbar sind ohnehin „nur noch“ 50 Räume auf zwei Etagen. Aber da die Lüftung seit Jahren abgestellt ist, faulen organische Materialien wie Holz vor sich hin. Das Atmen fällt schwer.
Und vielleicht – ganz vielleicht – entdeckt man durch den Besuch auch den Schriftsteller Buchheim wieder neu. Dass der nämlich – nur zehn Jahre nach seinem Tod – so komplett ignoriert und vergessen wird, das ist eine große Ungerechtigkeit! Lutz Göllner

Anfahrt: Parallel zu Autobahn A11 zwischen Bernau und Lanke verläuft die L31, Anfahrt über den Ort Lobetal, wie im Text links beschrieben

Und weiter: Wer wissen möchte, welche Verbrechen die Nazis begangen haben, findet in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg einige Antworten und weitere Fragen. Das Museum und die Gedenkstätte erreicht man von der Koralle aus über die die A11 und die Landstraße 273 in 45 Minuten Fahrtzeit.

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