Berlinale 2018 – Forum

Abnormale Familie

Erotische Filme haben in allen Kulturen eigene Regeln: Das japanische ­Genre der PINK-Filme führt über die Faszination für das Verbotene zu  radikaler Gesellschaftskritik.

Animes, Samurai-Filme, vielleicht noch Yakuza-­Filme. Das sind typisch japani­sche Genres, die im Westen bekannt sind. Weit weniger geläufig sind sogenannte pinku eigas oder pink films, die ihren Namen dem weiblichen Körperteil verdanken, das hier zumindest thematisch im Mittelpunkt steht. Um Sex geht es in diesen Filmen, aber Softcore-Sexfilme vom Schlage der „Emmanuelle“-Reihe sind sie dennoch nicht, wie die drei Filme zeigen, die in einer kleinen Reihe im Forum zu sehen sind.

Abnormal Family
2018 Kokuei / Rapid Eye Movies

Was zum einen daran liegt, dass die Japaner zwar wie alle ­anderen auch Sex mögen, und damit auch Pornos, bei der Darstellung desselben aber eine merkwürdige Mischung aus ­grafisch und züchtig verfolgen. Besonders speziell ist die Eigen­art, dass keine Schamhaare zu ­sehen sein dürfen, was dazu führt, dass selbst Hardcore-Pornos in der Regel komplett gepixelt sind, also die Essenz des Pornografischen versteckt ist.

Surrealer Trip

Diesem züchtigen Wesen steht eine Lust an Formen der Sexualität entgegen, die im Westen oft als bizarr betrachtet wird, Formen des Bondage etwa, wie sie in vielen großformatigen Bildbänden des Fotografen Araki auch im Taschen Verlag verfügbar sind, aber auch voyeuristische oder sado-masochistische Ansätze.

„Inflatable Sex Doll of the Wastelands“ von Atsushi Yamatoya, 1967
2018 Kokuei / Rapid Eye Movies

Besonders deutlich wird das im besten Film der Reihe mit dem wunderbaren Titel „Inflatable Sex Dolls of the Wastelands.“ Atsuhi Yamatoyas 90-minütiger Exzess beginnt mit dem Fällen eines Baums mittels Pistolenkugeln, womit der Killer Sho seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen sucht.

Sein Auftrag: Im Fall einer entführten Frau zu ermitteln, deren Ehemann regelmäßig brutale Pornofilme von ihr bekommt. Dass er nicht nur um das Wohl seiner Frau besorgt ist, sondern auch die krude Kameraarbeit der Filme bemängelt, deutet an, auf welch bizarren, zunehmend surrealen Trip man sich hier einlässt. Ein Trip, der bald zu einem Warenlager von Sexpuppen führt, die dem Körper der Entführten nachgebildet sind.

Extreme Radikalität

Um Sex selbst geht es hier nur am Rande, im Gegensatz zu west­lichen Softsex-Filmen steht ­weniger der Akt selbst im Mittelpunkt als das Verlangen, die Qual, die Faszination des Verbotenen. So auch in Masayukis „Abnormal Family“, in dem das inzestuöse, auch nekrophil angehauchte Verlangen einer Kleinfamilie durchgespielt wird. Ist dieser Film von 1984 ausgesprochen krude gefilmt, überzeugt Masao Adachis „Gushing Prayer“ durch seine Schwarz-Weiß-Ästhetik, die nur gelegentlich mit grellbunten ­Momenten durchbrochen wird. Um die japanische Jugend geht es, ihren Umgang mit Sex, Gewalt und der eigenen Geschichte, die Anfang der 70er-Jahre von einem zunehmenden Wunsch getrieben war, die von der amerikanischen Besatzungsmacht geprägte Nachkriegsordnung hinter sich zu lassen.

Gushing Prayer
2018 Kokuei / Rapid Eye Movies

Adachi selbst tat dies kurz nach dem Film auf eigene Weise: Er wurde Teil der Japanese Red Army und tauchte im Libanon unter. Eine extreme Radikalität, die auch in seinen Filmen spürbar ist.

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