Berlinale 2018 – Perspektive deutsches Kino

Absagen als Ansporn

Philipp Eichholtz’ Spielfilm Rückenwind von vorne eröffnet das Programm der Perspektive Deutsches Kino. Ein Treffen mit dem Regisseur in seiner Tempelhofer WohnungPlötzlich springt der Regisseur auf. Eine Stunde läuft das Gespräch mit Philipp Eichholtz bereits. Er öffnet die Tür zum Wohnzimmer, um seine Sammlung zu ­zeigen: Mehr als 2.000 ­Filme auf DVD und Blu-ray, in deckenhohen Regalen sortiert. Zwei Ohrensessel, ein Beamer plus ­Leinwand. Noch einmal 1.000 Titel sind bei ihm im „Kinderzimmer zu Hause“. Eichholtz ist ein Film-Nerd. Und ein leidenschaftlicher Mensch. Beim Gespräch am Küchentisch sprudelt es aus ihm heraus.

Rückenwind von vorn
Foto Von Oma gefördert

„Rückenwind von vorn“ heißt Eichholtz’ neuer Film. Und auch hier hat er seine Leidenschaft erneut ausgelebt: in den improvisierten Szenen – das Drehbuch hatte ja nur sieben Seiten; an der Diktion der Darsteller, die nur wenig gemein hat mit dem deutschen Durchschnittskino.
Es geht um Charlie, eine junge Berlinerin, die zwar als Lehrerin arbeitet, aber noch kaum verankert ist im Leben: Der Freund will ein Kind, sie lieber nach Korea, die Eltern sind tot. Charlie klammert sich an die Großmama. ­Charlie ist die dritte Frau, die Eichholtz in ­einem Film porträtiert. Im Erstling „Liebe mich!“ ging es um Sarah, die gern den Mittelfinger reckt, zugleich aber so liebesbedürftig ist, dass man sie in den Arm nehmen möchte.

Auch mit der Hauptfigur in „Luca tanzt leise“, Eichholtz’ zweitem Film, geht es einem so: Luca, die lange mit einer ­Depression ­gekämpft hat, so fragil ist wie betörend und nun ihr Abi nachholt. „Alle drei Figuren kommen aus der selben Ecke meines Herzens“, so Eichholtz. „Sie sind Anfang, Mitte und Ende 20. Und alle haben dieses Findungsproblem.“

Ohne Filmförderung

Seine drei Filme sind Berlin-Filme, die sich einem nie als Berlin-Film aufdrängen. Mal sieht man in der Ferne den Alex, mal erkennt man den Park am Gleisdreieck, mal taucht die Attilastraße auf – jene Straße, in der auch Eichholtz’ Wohnung liegt. „Die Filme ­geben ein Berlin wieder, das ich ­liebe, mein Berlin“, sagt der 35-Jährige, der bei Osnabrück aufwuchs, 1999 einen ersten Kurzfilm realisierte, 2005 eine Ausbildung als Editor abschloss und 2006 von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) abgelehnt wurde. „Absagen spornen mich an“, so Eichholtz, der alle Filme ohne Filmförderung realisiert hat. „Liebe mich!“, das Debüt, hat 4.000 Euro gekostet, Geld kam von Eichholtz’ Großmutter: „Ich bin von Frauen großgezogen worden“, sagt er. Eichholtz’ ­Vater starb mit 36.

Mittlerweile hat der Filmemacher auch andere ­Geldtöpfe aufgetan: 2016 hat er die beiden ersten Filme an Net­flix verkauft. „So habe ich unter anderem Feedback bekommen aus Brasilien, Mexiko und Portugal“. „Luca tanzt leise“, so Eichholtz stolz, wurde vom brasilianischen Fernsehen gekauft.

Erstaunt ist er auch über die Aufmerksamkeit, die die Berlinale nun mit sich bringt: „Mir war die Tragweite des Festivals gar nicht so bewusst.“ Gerade hätten sich sogar Leute aus Los Angeles gemeldet: „Die wollen wissen, was ich als nächstes mache und sich mit mir treffen.“

Es passiert gerade so viel. Und es ist noch viel zu tun bis zur großen Festival-Premiere. In der vergangenen Nacht habe er bis fünf Uhr früh an den englischen Untertiteln gesessen, erzählt Philipp Eichholtz. Und schenkt noch ­Kaffee nach, „mein einziges Laster“.

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