DDR-Drama

„Adam & Evelyn“ im Kino

Ein Idyll ­sicher nicht: Andreas Goldstein und Jakobine Motz haben Ingo Schulzes Roman „Adam & Evelyn“ atmosphärisch adaptiert

Andreas Schaak/ Neue Visionen

Der Damenschneider Lutz Frenzel, genannt Adam, hat im Sommer 1989 in der DDR eigentlich alles, wonach ihm der Sinn steht: Sein Atelier liegt idyllisch im Grünen, seinen Kundinnen widmet er sich mit erotischer Konzentration. Von einer gewissen Aufbruchsstimmung in seiner Umgebung kriegt er wenig mit. So versteht er auch nicht, warum seine Freundin Evelyn unbedingt in Ungarn am Plattensee Urlaub machen will. Wo es doch auch daheim so schön ist.

Evelyn ist aber ohnehin sauer auf ihn, denn sie ist eifersüchtig auf Adams Kundinnen – und auf seinen Gleichmut. Sie fährt mit einer Freundin los, und das lässt Adam dann doch nicht auf sich sitzen. Mit einem Wartburg macht er sich seinerseits auf den Weg, auf dem sich in diesen Wochen vor der Wende etwas Welthistorisches vorbereitet.

Andreas Goldstein hat mit „Adam und Evelyn“ den gleichnamigen Roman von Ingo Schulze für das Kino adaptiert – es ist sein erster abendfüllender Spielfilm, ein spätes Debüt für den 1964 in Ost-Berlin geborenen Regisseur, und gleich ein echter Höhe­punkt. Fast 30 ­Jahre nach den epochalen Ereignissen von 1989/90 bekommt man hier endlich einmal den Eindruck, dass keine Sieger­geschichte erzählt und ein Staat ironisch abgewickelt wird, den man nur noch als ­Requisitenkammer sehen will. Im Dezember gab es Gelegenheit, mit ­Andreas Goldstein und Jakobine Motz über „Adam & Evelyn“ zu sprechen. Die beiden arbeiten schon länger zusammen, Motz fungiert offiziell als Dramaturgin, auch Kamera und Schnitt fallen in ihre Verantwortung.

Das Porträt des Vaters

Goldstein hat 2018 auch einen Dokumentarfilm herausgebracht, der auf ­Interesse stieß: „Der Funktionär“ ist ein Porträt seines Vaters Klaus Gysi, das vor allem aus Archivbildern besteht. Auch hier geht es wesentlich um die Frage, was die DDR war (und was sie jeweils für wen war). Ein Idyll sicher nicht, umso wichtiger ist es, den ganz eigenen Tonfall richtig zu verstehen, mit dem Goldstein und Motz in „Adam und Evelyn“ an die Sache herangehen. Eine erste Frage nach der Lektüre der Vorlage weist den Weg.

„Ich habe den Roman 2009 gelesen“, ­erzählt Goldstein, „und hatte dabei das Gefühl, einen Film gesehen zu haben. Extrem schön war, dass er das Ende der DDR außerhalb der DDR ­erzählt. Schulze schreibt Sätze, die wie Stecknadeln durch mehrere Schichten gehen. ­Diese Sätze waren ein wesentlicher Grund dafür, dass ich den Roman verfilmen wollte.“

Zweifellos ist bei Schulze vieles angelegt, aber Goldstein und Motz hatten den Mut, in diese Richtung noch weiter zu gehen: Die ­Erlebnisse von Adam und Evelyn in Ungarn, in Österreich und schließlich wieder in (einem anderen) Deutschland haben etwas von einem Tagtraum, sie sind geprägt von einer Komik, die einen tiefen Ernst verrät. Motz spricht von „atmosphärischer Übersetzung“.

Wie eine Talfahrt

Die DDR war eben kein Puppenhaus, sondern ein Zustand, und auch ein Anspruch. „Schon in der Drehbucharbeit zeigte sich zum Teil ganz stark etwas, was sich dann auch beim Schnitt wieder eingestellt hat: dass diese Geschichte wie eine Talfahrt ist, dass der Witz im Halse stecken bleibt, und dass das auch unheimlich traurig ist. Diese Traurigkeit hat uns immer wieder erwischt. Dieser Bogen in was Anderes hinein, in die Gegenwart, vielleicht auch in die Zukunft.“

Der offizielle Kommunismus bildete sich ein, dem Kapitalismus die Zukunft entwunden zu haben. Aber die letzten zwei Jahrzehnte der DDR fühlten sich wohl nicht allzu vorwärtsgewandt an. Deswegen ist Adam eine so bedeutsame Figur für die Honecker-Zeit. „Bei Adam war wichtig, dass er für eine Nischen­existenz steht. Er hat seinen Wunschplatz am Rande der Gesellschaft gefunden. Das hat mit den 70er- und 80er-Jahren zu tun, mit der Abwesenheit des Politischen und damit, dass die Partei sich nur noch durchlaviert hat. Die Leute haben sich zurückzogen. Volker Braun sagt, dass die Partei nicht in der Lage war, die Potenziale der Leute zu nutzen, die den Sozialismus wollten. Eine Nischenexistenz wie die von Adam hätte sich wohl nicht auf Dauer halten lassen, ohne die Vereinigung wäre das nicht gegangen. Aber immerhin schaffte er sich als Schneider so ­etwas wie einen Idealraum mit einer nütz­lichen, freien, sinnvollen Arbeit.“

Das Urteil der Geschichte für die DDR ­wurde gleichsam immer über Honecker und seine unfähige Funktionärselite, und bald ­eigentlich nur noch über die Stasi, gesprochen. Mit „Adam und Evelyn“ finden nun zwei Filmemacher eine Form, eine verlorene Utopie noch einmal ins Gespräch zu bringen, ohne dass das etwas mit Ostalgie zu tun ­hätte. Es geht ganz eindeutig um Politik, selbst die Wahl des Hauptdarstellers hat damit zu tun. Der Österreicher Florian Teichtmeister spielt Adam, und Goldstein erläutert die Zusammenhänge so: „In der DDR gab es eine Art Bescheidenheitszwang, den ich in Wien auch kennengelernt habe. Es gab nicht ­diese Art des selbstdarstellerischen Redens. Ich habe Teichtmeister dazu angehalten, mal (Hans Magnus) Enzensberger und (Heiner) Müller zu vergleichen. Der eine ist Bürger, der andere relativ proletarisch. Mit Aufnahmen von Thomas Brasch sollte Teichtmeister lernen, möglichst gerade und nicht wienerisch breit zu sprechen. Wichtig aber war, das an der sozialen Frage festzumachen, und nicht am Dialekt.“

Mit solchen Feinheiten ist man mittendrin in dem erstaunlichen Erlebnis, das man mit „Adam und Evelyn“ haben kann. Die Schauspieler machen keinen Mucks zu viel, die Landschaften atmen, die große Ereignisgeschichte findet in den Umwegen von Adam und Evelyn eine im besten Sinn paradiesische Form: Der Mythos von einer Zeit der Unschuld, auf den Schulze anspielt, hat eben keine Entsprechung in einem konkreten System, sondern in den Träumen von Menschen, die immer noch nach blühenden Landschaften suchen. In „Adam und Evelyn“ sind sie schon da. Auf beiden Seiten der damaligen Grenzen, und des historischen Wendepunkts.

Adam & Evelyn D 2018, 95 Min., R: Andreas Goldstein, D: Florian Teichtmeister, Anne Kanis, Lena Lauzemis, Start: 10.1.

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