Kultur & Freizeit in Berlin

Aktionsbündnis für Flüchtlinge

Anfang des Jahres gründete Heike-Melba 
Fendel das Bündnis "Wir machen das" mit. 
Die Agenturchefin spricht im tip-Interview über Pappwände für 
Flüchtlinge, 20 Syrer im Wohnzimmer und 
einem Irrtum von Michael Müller.

Heike-Melba Fendel

Heike-Melba Fendel ist PR-Agentin, Journalistin und Buchautorin. Seit knapp 25 Jahren führt die gebürtige Kölnerin, die zwischen ihrer Heimatstadt und Berlin pendelt, die Agentur Barbarella Entertainment.
Wir machen das wurde Anfang 2015 als Bündnis von Neuankommenden und Einheimischen von 100 Frauen aus Kunst, Wissenschaft und öffentlichem Leben gegründet. Mittlerweile viele Kooperationspartner. Infos, Projekte, Initiativen: www.wirmachendas.jetzt

tip Frau Fendel, haben Sie sich schon von dem AfD-Landtagswahlschock erholt?
Heike-Melba Fendel?Das war gar keiner. Man hört und sieht jetzt Leute deutlicher, von denen man vorher wusste, dass es sie gab.

tip Trotzdem: 15 Prozent für die Rechtspopulisten in Baden-Württemberg, fast 25 Prozent in Sachsen-Anhalt – und das vor allem wegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik.
Heike-Melba Fendel Nicht wegen ihrer Politik. Sondern wegen Feigheit vor der Veränderung. "Man muss die Ängste der Leute ernst nehmen", heißt es. Ich finde, das muss man überhaupt nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen berechtigten Ängsten und Paranoia. Und Paranoia darf man nicht ernst nehmen.

tip Wie ist die von Ihnen mitinitiierte Initiative "Wir machen das" entstanden?
Heike-Melba Fendel Wir sind eine lose Gruppe von etwa 100 Frauen, die sich zunächst tatsächlich primär über die Lage der Frauen in der Gesellschaft  ausgetauscht haben. Als im letzten Sommer die flüchtenden Menschen von den Bildschirmen in unser aller Alltag überwechselten, war rasch klar, dass eine neue Gesellschaftsordnung entsteht. Wir haben uns gefragt: Wie kann die aussehen? Wie können zum Beispiel auch wir die mitgestalten?

tip Es ist ja nun nicht die erste Hilfsinitiative…
Heike-Melba Fendel Wir helfen nicht. Wir begegnen Dilemmata mit konkreten Maßnahmen. Und zwar erstens im Dialog mit den Geflüchteten und zweitens aus bestehender Expertise heraus.

tip Was heißt das? Unter den 100 Gründungsmitgliedern sind die Schriftstellerin Annika Reich, die Malerin Katharina Grosse, die  Gorki-Intendantin Shermin Langhoff oder auch die Architektin Michelle Howard.
Heike-Melba Fendel Michelle Howard hat Sechs-Quadratmeter-Wohneinheiten aus Pappe konstruiert. Der inzwischen vom Senat bestellte Prototyp soll etwa in Tempelhof eingesetzt werden. Anwältinnen machen Rechtsberatung in Notunterkünften. Kunstprofessorinnen organisieren die Aufnahme geflüchteter Künstlerinnen und Künstler in die Meisterklassen der Akademien,  Schriftstellerinnen bundesweit Autoren-Begegnungen in Buchhandlungen. Es geht um Anwendung der jeweiligen Kernkompetenz. Nicht um Sozpäds-Gekuschel.

tip Was bitte waren doch gleich Sozpäds?
Heike-Melba Fendel Sozialpädagogen. Das war bei uns in Köln so ein Schimpfwort (lacht). Nach dem Motto: Frauen machen jetzt  was mit Kindern, Klamotten und ein bisschen Kultur und sind total lieb. Bin ich nicht.

tip Das müssen Sie näher erklären.
Heike-Melba Fendel Ich habe als Jugendliche meine Freizeit der Alten-, Behinderten- und "Ausländer"-Betreuung in Köln-Chorweiler gewidmet – und dann mit 16, 17 begriffen, dass unmittelbare Unterstützung das eine und die Veränderung der Verhältnisse das andere ist. Was mich zunächst in eher seltsame Zusammenkünfte diverser "K-Gruppen" und "Bunte Listen", die Vorläufer der Grünen, führte. Mein Name stand mit 18 auf deren Wahlzettel, zum Entsetzen meines Vaters. Das ist lange her und ging wechselvoll weiter. Aber aus Erleben und Handeln politisch zu schlussfolgern, scheint mir deutlich plausibler als der Weg der Unbeteiligten von der persönlichen Meinung in sogenannte öffentliche Debatten. Die kreisen meist um sich selbst und nicht um ihren Gegenstand. Daran beteiligen wir uns eher nicht.

tip Was haben Sie bei der Arbeit für und mit Flüchtlingen gelernt?
Heike-Melba Fendel Vergangene Woche saßen 50 Leute in meinem Wohnzimmer hier in Berlin. Darunter 20 Syrer. Die haben wir gefragt: "Was würdet ihr tun, wenn ihr hier eine politische Stimme hättet?" Es stellte sich heraus, dass sie das noch nie gefragt wurden. Dass niemand sich für ihre politische Biografie interessierte, die nicht wenige von ihnen ins Gefängnis gebracht hatte. Nun sind sie frustriert,  dass es keinerlei Mittel und Wege gibt, sich bei uns über die politische Situation in ihrer Heimat auszutauschen – geschweige denn, eine syrische Exil-Opposition aufzubauen. Natürlich ist da eine große Dankbarkeit für Unterbringung, Jobcenter, Erstversorgung, alles, was sie an Versorgung erfahren. Aber wer sie als politische Menschen sind, will hier keiner wissen.

tip Wie viele Flüchtlinge, oder Newcomer, hat "Wir machen das" bisher erreicht?
Heike-Melba Fendel Kann ich nicht sagen. Unsere Website Hunderttausende, die Rechtsberatung Tausende, die Syrien-Paten ein paar Dutzend? Zahlenhuberei ist weniger relevant als der Handlungsradius jedes einzelnen. Zahlen liefern gerne Totschlagargumente: Das Boot ist voll! Die Millionen! Mehr Flüchtlinge schaffen wir nicht! Wenn mir Leute sagen: "Ja, du nimmst zwei, drei Leute in deiner Wohnung auf. Aber was, wenn da 20 vor der Tür stehen?"

tip Da geht es sozusagen um die Obergrenze der eigenen Wohnung.
Heike-Melba Fendel So fragen aber nicht Leute, die selber Flüchtlinge aufnehmen. Sondern all jene, die überhaupt nicht daran denken, auch nur einen aufzunehmen oder anderweitig zu unterstützen. Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner. Viele haben nichts zu verschenken. Aber sehr viele eben doch. Und diese Bequemlichkeit, die sich als "Sorge" tarnt, nervt – auch übrigens die Sorge um "ausgebrannte Helfer". Jeder kann etwas tun.

tip Das klingt, ja nun, schon sehr einfach.
Heike-Melba Fendel Haltungen sind nichts Kompliziertes. Ihre Übersetzung in schlüssiges Handeln, in Strukturen kann komplex und kompliziert sein. Na und? Um mal diesen blöden Begriff der Komfortzone aufzurufen: Ja, viele Dinge, die wir machen, sind anstrengend. Aber da fallen mir im Leben noch eine Reihe anderer Sachen ein, die man auch trotzdem macht. Sport oder so.

tip Ein Klischee: Helfer helfen sich selbst?
Heike-Melba Fendel Nein. Es macht selten Spaß und Selbstergriffenheit hat eine kurze Halbwertszeit. Es geht doch um Verhältnismäßigkeit. Klar bin ich genervt, wenn ich  hinter einer Gruppe fremder Leute herputzen muss. Aber dafür haben drei Leute eine Woche nicht im Dreck gelegen! Das war ja am Lageso monatelang der Fall.

tip "Wir machen das" ist eine illustre Gruppe.
Heike-Melba Fendel Ist ja egal, wie illuster oder nicht. Das Einzige, was angesichts einer so genannten Namhaftigkeit greift, ist, dass wir Leute sind, die noch drei, vier andere Sachen im Leben zu tun haben. Leute, die nicht viel Raum für Flausen haben. Wie überall stellt sich die Frage: Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen für reale Missstände und deren Beseitigung?

tip Gerade hat der Senat den Masterplan Integration und  Sicherheit auf dem Weg gebracht. Reden Sie mit Müller und Czaja?
Heike-Melba Fendel Einige von uns waren beim Regierenden. Und was Michael Müller – da waren in der Tat einige von den illustren Damen da –tatsächlich sinngemäß als Erstes sagte, war: Ist ja schön, dass Sie sich um ein bisschen Kultur für die Flüchtlinge kümmern. Und alle so: What?

tip Na gut. Der Mann ist ja auch Kultursenator.
Heike-Melba Fendel Genau, jetzt kommen hier also die Damen vom Kulturgrill, statt Klamotten gibt’s Theater, Kunst und ein paar Gaukler. – Nein. Wir nehmen uns, die Geflüchteten und die Politik in die Pflicht. Das Leben ist kein Floskelhof und der grüne Tisch kein guter Entscheidungsort. "Wir machen das" ist ja nicht nur ein Slogan, sondern Tagesgeschäft für Millionen tendenziell angstfreier, mindestens neugieriger Menschen. Ein sich zunehmend organisierendes Machtgefüge.

tip Mittlerweile stehen knapp 1.000 Unterstützer auf der Webseite. Zumeist auch Frauen.
Heike-Melba Fendel Wir leben inmitten einer Zeitenwende. Die Zukunft wird gerade neu konfiguriert. Wenn da, ganz quotenfrei, Frauen in der ersten Reihe stehen: umso besser.

tip Auch wenn sie Frauke Petry oder Beatrix von Storch heißen?
Heike-Melba Fendel Die haben ja nichts mit Zukunft am Hut, sondern suchen die mickrigsten Teile unserer Gegenwart zu konservieren. Geschlecht ist schlicht keine Entschuldigung mehr. Weder fürs Gut-Sein noch fürs Scheiße-Sein. Und das ist eine gute Nachricht.

Interview: Erik Heier

Foto: Markus Nass

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