Alice Hasters über „Anti-Opfer“, Social Media und Post-Hoffnungslosigkeit

Alice Hasters, Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen „Opfer“ und „Anti-Opfer“. Vielleicht fangen wir damit an: Wer oder was ist für Sie überhaupt ein „Opfer“?
Das Buch ist mit genau dieser Frage gestartet: Was meinen wir eigentlich, wenn wir „Opfer“ sagen? Das Wort wird total inkohärent benutzt, ist aber gleichzeitig wichtig, wenn wir über Ungerechtigkeit sprechen. Trotzdem wollen sich viele davon distanzieren. Es gibt inzwischen diese Haltung, dass Opfer die eigentlichen Privilegierten seien, dass sie Macht hätten – obwohl es ja eigentlich genau umgekehrt ist. Ich wurde selbst auch schon so bezeichnet: Ich würde mich „zum Opfer machen“ und daraus ein „Geschäftsmodell“ machen. Dann habe ich gemerkt, wie schnell ich mich selbst verteidigen will, indem ich sage, ich bin kein Opfer. Aber wenn ich von Rassismus betroffen bin – ist es dann nicht schlicht korrekt, zu sagen, ich bin ein Opfer von Rassismus? Umgehe ich das Problem lediglich sprachlich, weil ich mich selbst nicht mit dem Begriff identifizieren möchte?
Sie haben vor dem Schreibprozess mit Menschen in Ihrem Umfeld über den Begriff gesprochen. Welche Assoziationen hatten die meisten mit der Zuschreibung „Opfer“?
Die wenigsten dachten zuerst an Menschen, denen tatsächlich etwas Schlimmes widerfahren ist. Stattdessen ist ein „Opfer“ für viele jemand, der als anstrengend wahrgenommen wird, selbstmitleidig ist und andere für seine Situation verantwortlich macht. Dann fiel mir auf: Ich kenne dieses Gefühl selbst. Die Leute, bei denen ich diese Gedanken habe, sind oft genau die, die selbst behaupten, andere würden sich zum Opfer machen.
Und da kommt das „Anti-Opfer“ ins Spiel?
Anti-Opfer sind für mich Menschen, die sich als Opfer der Opfer sehen. Die zum Beispiel sagen: Ich leide darunter, dass andere Gleichberechtigungsansprüche stellen. „Opfer“ ist in diesem Diskurs von einer Tatsachen- zu einer Haltungskategorie geworden. Statt zu fragen, ob jemandem Unrecht widerfährt, reden wir darüber, wie sich jemand verhält. Und das halte ich für eine problematische Verschiebung.
Sie analysieren im Buch das Konzept „Opfer“ in unterschiedlichen Kontexten, von Rassismus und Geschichte des Sklavenhandels bis hin zu öffentlichen Debatten um sexualisierte Gewalt, etwa den Pelicot-Prozess oder die Epstein-Files. Wo hat Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema „Opfer“ begonnen?
Es fing an mit meiner eigenen Erfahrung, vor allem im Kontext von Debatten um Rassismus, an denen ich selbst beteiligt bin. 2020, nach dem Mord an George Floyd, bekam die Black-Lives-Matter-Bewegung einen Moment lang große Aufmerksamkeit, auch hier in Deutschland. Ich habe damals sowohl viel Zuspruch als auch viel Gegenwind bekommen – und mich mit beidem ein wenig unwohl gefühlt. Danach ist die Stimmung schnell gekippt: 2021 kam eine starke „Anti-Wokeness“-Welle. Dabei wurde oft gesagt: Das Problem gibt es zwar, aber die Leute übertreiben, nutzen es aus, verhalten sich falsch. Es wurde plötzlich mehr über das Verhalten der Opfer gesprochen als über die eigentlichen Probleme.
Es wurde oft gesagt: Das Problem gibt es zwar, aber die Leute übertreiben, nutzen es aus, verhalten sich falsch. Es wurde plötzlich mehr über das Verhalten der Opfer gesprochen als über die eigentlichen Probleme.
Alice Hasters über Anti-Wokeness-Debatten

Zur Person
Alice Hasters, geboren 1989 in Köln, ist Autorin, Journalistin und Podcasterin. Ihr erstes Buch, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ (2019), eine Analyse über Alltagsrassismus, wurde zum Bestseller und machte sie zu einer der wichtigsten Stimmen im deutschen Diskurs um strukturelle Diskriminierung. Ihr zweites Buch, „Identitätskrise“, erschien 2023. Im Podcast „Feuer & Brot“ spricht sie mit ihrer langjährigen Freundin Maximiliane Häcke über Popkultur, Politik und alles dazwischen.
Sie beschreiben auch, dass viele Menschen sich selbst vom Opferbegriff distanzieren – obwohl ihnen objektiv Unrecht widerfahren ist. Ist das eher Selbstermächtigung oder Verdrängung?
Es kann beides sein. Ich verstehe total, dass man nicht möchte, dass „Opfer sein“ die eigene Identität bestimmt. Aber ich frage mich: Warum ist es entweder alles oder nichts? Entweder „ich bin kein Opfer“ – oder es bestimmt deine komplette Identität. Wir haben als Gesellschaft kein richtiges Verständnis davon, was es heißt, Opfer zu sein.
Sie beziehen sich unter anderem auf die Soziologin Alyson M. Cole, die beschreibt, dass in öffentlichen Debatten oft nur diejenigen Gehör finden, die bestimmten Vorstellungen eines „guten Opfers“ entsprechen. Ist das eigentlich ein neues Phänomen, dass Betroffene so stark hinterfragt werden?
Ich glaube nicht, dass es neu ist, aber Social Media hat diese Dynamik massiv verstärkt. Früher war der Zugang zur Öffentlichkeit stärker reguliert, Betroffene waren auf Medien und Gatekeeper angewiesen, damit ihre Geschichten überhaupt gehört wurden. Die Frage, welches Opfer „glaubwürdig“ ist und welches nicht, gab es schon früher, man denke zum Beispiel an Natascha Kampusch. Heute kann man theoretisch selbst sprechen und sichtbar werden – wobei Social Media natürlich eigenen Logiken der Aufmerksamkeit folgt, die entscheiden, wessen Geschichte gehört wird. Damit Leid gesellschaftlich anerkannt wird, muss es oft in einer bestimmten Weise erzählt und dargestellt werden. Die Frage, wer als „glaubwürdiges“ oder „interessantes“ Opfer gilt, bleibt also – nur dass heute viel mehr Menschen darüber urteilen. Das ist auch ein Grund, warum viele Betroffene gar nicht erst an die Öffentlichkeit gehen. Der Preis ist hoch, und möglichen Vorteilen stehen erhebliche Risiken gegenüber.
Wir haben als Gesellschaft kein richtiges Verständnis davon, was es heißt, Opfer zu sein.
Alice Hasters
Durch die Sozialen Medien ist Aufmerksamkeit zu einer Art Währung geworden.
Ja, Sichtbarkeit kann Reichweite, Follower und ökonomische Möglichkeiten bringen – die eigene Geschichte wird zur Ressource. Das wirft komplizierte Fragen auf: Ist es problematisch, wenn Betroffene davon profitieren? Oder ist das eine legitime Form von Kompensation? Gleichzeitig macht genau das den Vorwurf eines „Geschäftsmodells“ so anschlussfähig – und selbst für Betroffene wird es irgendwann schwer zu trennen, was Aufklärung ist und was Verwertung.
Am Ende also alles Kapitalismus – eine Überlebensstrategie in diesem System?
Ja, das ist erst einmal total nachvollziehbar. Gleichzeitig bringt das natürlich neue Probleme mit sich. Denn in einem System, in dem Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit ökonomischen Wert haben, entsteht auch Raum für Missbrauch. Es gibt die Vorstellung – oder vielleicht eher den Mythos –, dass Opfer es in unserer Gesellschaft „leicht“ hätten, dass ihnen Aufmerksamkeit, Anerkennung oder sogar materielle Vorteile zufliegen. Und dieser Mythos kann dazu führen, dass manche glauben, eine Opfergeschichte sei gewissermaßen ein Mittel, um davon zu profitieren. Das untergräbt Vertrauen – und zwar zulasten aller Betroffenen. Aber dieses Problem lässt sich nicht lösen, indem man Betroffenen pauschal misstraut oder ihnen vorwirft, sie würden „jammern“ oder ein „Geschäftsmodell“ betreiben. Solange es ökonomische Anreize gibt – oder auch nur die Vorstellung davon –, wird diese Dynamik bestehen bleiben. Das lässt sich nur auf struktureller Ebene verändern: in gerechteren Verhältnissen, in Umverteilung, in sozialer Absicherung.
Auf der anderen Seite beschreiben Sie auch, wie die „richtigen“ Opfer in politischen Debatten instrumentalisiert werden.
Opfer werden gern benutzt, um bestimmte politische Positionen zu legitimieren. Gerade in patriarchalen Strukturen funktioniert das oft so: Man behauptet, man müsse „die Schwächeren schützen“ – oft Frauen –, um Gewalt zu rechtfertigen. Gewalt wird legitimiert, indem sie als notwendig dargestellt wird. Diese Vorstellung ist tief verankert – und sie wird nicht nur von Männern getragen, sondern oft auch von Frauen übernommen. Dabei gerät eine grundlegende Frage aus dem Blick: Muss Gewalt überhaupt die Antwort sein? Oder anders gesagt – lässt sich das Problem von Gewalt wirklich durch Gegengewalt lösen?
Opfer werden gern benutzt, um bestimmte politische Positionen zu legitimieren. Gerade in patriarchalen Strukturen funktioniert das oft so: Man behauptet, man müsse „die Schwächeren schützen“ – oft Frauen –, um Gewalt zu rechtfertigen.
Alice Hasters
Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, habe ich gefragt, was Ihnen gerade Hoffnung gibt. Diese Frage würde ich Ihnen heute gern noch einmal stellen.
Damals habe ich gesagt, gar nichts, oder? (lacht) Heute fühlt es sich eher an wie eine „Post-Hoffnungslosigkeit“. Wenn man einmal an diesem Punkt war, entsteht auch eine gewisse Freiheit: Es geht ja trotzdem weiter. Was mir ein wenig Hoffnung gibt, ist das Gefühl, dass linke Bewegungen dazulernen. Ich glaube, 2020 wurde ein wenig verpasst, soziale und kulturelle Gerechtigkeitsdiskurse mit materiellen Fragen über Umverteilung zu vereinen. Das geht gerade in eine Richtung, die mir Hoffnung gibt auf neue Allianzen. Die Bewegung um Zohran Mamdani in New York zum Beispiel, das hat mir Hoffnung gemacht. Wenn man in Berlin wohnt, hat man natürlich immer auch ein bisschen eine verzerrte Wahrnehmung davon, wie stark etwas auch in der Welt oder im Rest des Landes passiert – aber alles, was verhindert, dass es noch schlimmer wird, ist schon wertvoll.