Pop

Alice Merton – Chefin mit Groove

Wahrscheinlich kennen Sie Alice Merton, ohne es zu wissen: „No Roots“ war 2017 ein Mega-Welthit. Dabei hat die Berlinerin keinen Plattenvertrag. Mit uns ging sie trotz Kälte spazieren

Foto: Tim Bruening

Ihr Song „No Roots“ war ein Online-Phänomen. Er machte Alice Merton letztes Jahr von einer Unbekannten zum Popstar. Und das ganz ohne großes Plattenlabel. Im Januar will die Sängerin und Songwriterin mit ihrem ersten Album beweisen, dass sie kein One-Hit-Wonder ist. Mit dem tip hat sie übers Unternehmerin-Sein gesprochen und über Dinge, die wichtiger sind als Liebe. Wir treffen Alice Merton im Büro ihres eigenen Plattenlabels in Prenzlauer Berg. Ob sie Lust hat, mit uns eine Runde durch den Kollwitzkiez zu drehen, auch wenn es ein bisschen kühl ist? Alice Merton zieht die Hosenbeine hoch, zeigt ihre Wollsocken und sagt „Let’s go!“

tip Alice Merton, Sie sind in Frankfurt geboren aber haben auch schon in den USA, Kanada und England gelebt, dann in Mannheim und München, nun in Berlin. Welcher Ort ist der beste, um Songs zu schreiben?
Alice Merton Bournemouth in England, wo meine Eltern leben. Sie haben dort ein Haus nicht weit vom Strand. Ich kann da einfach komplett abschalten.

tip Sie schreiben alle Songs selbst. Denken Sie beim Schreiben darüber nach, wo dieser Song später mal funktionieren muss? Dass er ein tanzbarer Club-Hit werden oder viral gehen soll?
Alice Merton Wenn ich schreibe, denke ich an Live-Auftritte, also welche Songs bei einem Live-Publikum gut ankommen könnten. Wobei: Da sind weniger die Songs an sich wichtig, mehr der Groove. Man will ja nachher möglichst unterschiedliche Grooves in seinem Liveset haben.

Draußen wechseln sich Bio-Cafés und Bio-Boutiquen ab, für viele in Berlin ist dieser Ort der Inbegriff vom neuen bürgerlichen Innenstadtkitsch. Neuberlinerin Alice Merton findet den Kiez aber wunderbar, sie empfiehlt Buddha Bowls und die ­Deocreme ohne Aluminiumsalze, die es an der Ecke zu kaufen gibt.

tip Ihr Debut-Album „Mint“, das im Januar erscheint, enthält den Song „2 Kids“, da geht’s um zwei junge Leute, die sich anfreunden, weil sie beide groß rauskommen wollen. Diese beiden Kids, das sind Sie und Ihr Manager Paul Grauwinkel, richtig?
Alice Merton Richtig, wir haben uns genau wie im Songtext an einer Bushaltestelle kennengelernt – in Mannheim, auf dem Weg zum ersten Unitag. Paul wollte Musik-Manager werden, er hat mich immer wahnsinnig unterstützt. Als ich angefangen hab, für andere Künstler Lieder zu schreiben, hat er über die Verträge geschaut, er hat also die Funktion des Managers schon eingenommen lange bevor er das tatsächlich wurde. (Pause) Oh, hier haben wir „Why so serious“ gedreht!

Wir laufen jetzt sozusagen mitten in Alice Mertons letztes Musikvideo hinein. „Why so serious“ wurde hier im Kiez gefilmt, im finalen Shot ist der markante Wasserturm zu sehen.

tip In „Mint“ geht es viel um Freundschaft und persönliche Entwicklung, aber nicht um Liebe. War das eine bewusste Entscheidung, weil das Thema Liebe im Pop so überstrapaziert ist?
Alice Merton Ich habe diese Art Liebe bisher einfach nicht erlebt. Mich haben zuletzt andere Dinge beschäftigt – zum Beispiel die Plattenfirma, die wir gegründet haben, und die Schwierigkeiten, die ich hatte, überhaupt als Künstlerin ernstgenommen zu werden. Wenn man sein eigenes Label hat und nicht die Namen Sony oder Universal droppen kann, dann denken die Leute, dass man es nicht draufhat.

Bevor „No Roots“ vor allem über iTunes zum Hit wurde, war Alice Merton bei mehreren Plattenlabels abgeblitzt. Schließlich gründet sie mit Paul Grauwinkel ein eigenes Label: Paper Plane Records, das jetzt seinen Sitz hier in Prenzlauer Berg hat. Inzwischen sind wir am Ende der geschäftigen Kollwitzstraße angelangt. Damit die Promoter*innen im Büro nicht nervös werden, drehen wir um.

tip Was hat den Labels gefehlt, die Sie abgelehnt haben?
Alice Merton Ach, immer irgendwas. Manche wollten hier die Gitarre nicht drin haben, andere fanden da die Bridge blöd. Wieder andere haben gesagt, der Song „No Roots“ sei schon okay, aber der Rest der EP nicht gut genug. Ich habe etwas Wichtiges gelernt bei alledem: Wenn man genaue Vorstellungen hat, dann muss man sie einfach selber umsetzen, auch wenn das schwieriger ist.

„No Roots“ landete schließlich in etlichen Ländern in den Top Ten. In den USA, Frankreich und der Ukraine sogar auf 1. In Deutschland verpasst der Song nur knapp die Chartspitze, ist Nummer 2 hinter dem Sommerohrwurm „Despacito“. Dafür aber wird der Song von Vodafone für einen Werbespot verwendet.

tip Die übliche Promi-Bescheidenheit mal beiseite – stehen Sie manchmal vorm Spiegel und sagen sich: „Du bist der Hammer“?
Alice Merton Manchmal denke ich wirklich: „Geil, denen hast du es gezeigt“ – vor allem, wenn ich auf Leute von Plattenfirmen treffe, dann geht mir durch den Kopf: „You could’ve had me!“ Aber es gibt auch Momente, in denen ich traurig bin. Wo ich mir vorstelle, wie schön es gewesen wäre, wenn eine große Plattenfirma in mich investiert und meine Ideen umgesetzt hätte. Aber ich glaube, das existiert nicht, man muss immer Kompromisse machen. Ich sage nicht, dass große Plattenfirmen schlecht sind. Für mich war es eben richtig, meinen eigenen Weg zu gehen, mit den Leuten, mit denen ich seit Ewigkeiten arbeite.

tip Würden Sie anderen jungen Künstler*innen empfehlen, sich selbst zu verlegen, anstatt zu den Großen zu gehen?
Alice Merton Auf jeden Fall. Bevor man zu einer Plattenfirma geht, sollte man es immer erst selbst versuchen. Denn wenn es gut läuft, verdienst du am Ende einfach mehr. Du verkaufst so viele Rechte an diese Firmen, meistens auch den Namen. Und wenn ein Song nicht funktioniert, dann vergessen sie dich oder lassen dich erst mal nichts mehr veröffentlichen. Das finde ich eine schreckliche Vorstellung. Ich wollte nie so eingeengt sein. Du hast andererseits natürlich mehr Arbeit. Aber das war mir meine kreative Freiheit wert.

tip Das Album ist fertig, für „No Roots“ gab es schon Platin – was kommt jetzt? Endlich Urlaub?
Alice Merton Urlaub nicht, auf keinen Fall, jetzt geht’s erst richtig los. Erstmal touren. Und dann will ich noch so viele Songs schreiben. Klar, ich möchte auch mal zwei Wochen ausspannen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mir gerade reicht. Es gibt noch zu viel, das ich nicht geschrieben habe. Ich denke auch schon ans zweite Album.

tip Worum wird es da gehen?
Alice Merton Um das zu beantworten, müsste ich jetzt schon wissen, was ich in den nächsten Jahren fühlen werde. Vielleicht verliebe ich mich ja krass und dann geht es in meinen Liedern doch plötzlich um Liebe. Oder ich finde ein Zuhause und dann ist auf einmal diese Wurzellosigkeit, die mich zu „No Roots“ inspiriert hat, kein Thema mehr. Dann singe ich vielleicht nur noch darüber, wie schön es ist, zu Hause zu sein und Brownies zu backen. Das Tolle ist: Niemand könnte mir das verbieten.

Lido Cuvrystr. 7, Kreuzberg, Mi 19.12., 20 Uhr, VVK 31 €