45 Minuten beim Swing-Kurs mit Jackie A.

In der Abendsonne stehe ich im Biergarten des Frannz-Club unter einer Linde und beobachte Paare bei ihren ersten Tanzschritten zu Swingmusik. Aus der Baumkrone rieselt unmerklich Honigtau, Ausscheidungen von Blattläusen, die sich als winzige Klümpchen in meinen Haaren sammeln.
Mit im Schotter versunkenen Absätzen stehe ich wie festzementiert und ärgere mich immer noch. Ich bin zu spät gekommen und kann nun nicht mehr am Kurs teilnehmen. Immerhin ergatterte ich einen Platz direkt vor der Bühne. So kann ich mir die Schrittfolgen vielleicht beim Zuschauen merken.
Als ich mich an einen Tisch setze, kommt der Mann hinzu. Der Super-GAU ist unausweichlich
Dabei war Swing noch nie mein Fall. Jahrzehntelang ignorierte ich die Swingversessenheit in dieser Stadt. Die heutige Kehrtwende hat rein pragmatische Gründe:
die neuen körperlichen Realitäten 50-plus – Knie und Hüfte – und der Weckruf, als ich nach Jahren in Afro- und Reggaeton-Tanzkursen plötzlich feststellte, nur noch den Betrieb aufzuhalten. „Hips don’t lie!“ (Shakira). Swing könnte eine alterskompatible Alternative sein. Allein heute finden in Berlin zeitgleich vier Einsteigerkurse statt. Hier, im Biergarten, geht es nach dem Kurs mit Party und Live-Orchester weiter. Dabei ist das Publikum ganz anders, als ich es mir vorstellte: viele kaum älter als 30 Jahre, Spanisch sprechend, mit einer auf den Oberarm tätowierten halben Avocado, oder asiatisch gelesen, in kurzen Hosen, vereinzelt auch Menschen über 70 in extrovertierter Garderobe.
Alle paar Minuten wechseln die Tanzpartner untereinander – wenn das nicht die perfekte Art ist, um Bekanntschaften zu machen! Ein Trainer gibt zwischendurch Anweisungen: „Nee, warte, nicht so! Nee. Doch! Genau! Jetzt hast du’s!“ Ich will mir eine Limo an der Bar besorgen und wundere mich. Im Biergarten hat sich ein Menschenauflauf gebildet: Typen in Schwarz mit langen Matten und Metallketten an Lederhosen. Im Frannz-Club spielt gerade „Six Feet Under“, supported by „Embryonic Autopsy“. Und es ist natürlich völlig klar, dass die zur Schau gestellte Härte lediglich zur Tarnung zart-romantischer Naturelle dient. Die Beweisführung wird leider auch sofort angetreten. Ein kleiner grauhaariger, vielleicht 65-Jähriger in Lederweste wirft mir unter fortschreitender Bierbetankung aufmunternd-verspielte Blicke zu, was zugegebenermaßen urkomisch ist. Allerdings nur, solange man nicht selber involviert ist. Der Super-GAU ist unausweichlich. Und als ich mich an einem Tisch vor die Bühne setze, kommt der Mann dazu.
„Ick komm nich hoch!“, ruft er. „Die Knie!“
Ich drehe mich extra mit dem Rücken zu ihm, den Blick starr Richtung Tanzende gerichtet. Die wechseln gerade schon wieder fröhlich ihre Partner. Der Mann steht jetzt auf, wankt einmal um den Tisch herum und setzt sich auf den Bühnenrand – mir direkt ins Sichtfeld. „Hallo“, sagt er lächelnd mit glasigem Blick. „Wir beide sind gar nicht so unterschiedlich…“ Zum Glück beginnt das Orchester zu spielen. Wegen der Lautstärke und des mangelnden Feedbacks hat er bald ein Einsehen, deutet mit einer Geste an, dass er gehen will. Es passiert aber nichts. Als ich ihn fragend anschaue, ruft er: „Ick komm nich hoch! Die Knie!“ – „Okay“, sage ich. „Ick zieh dich hoch“ – und will ihm die Hand reichen, aber seine Metaller-Ehre lässt das nicht zu. „Auch gut“, denke ich, nehme meine Tasche und verlasse den Tisch. „Ey, wart mal, jehste jetzt schon?“, ruft er mir hinterher. Da ist von der Sonne schon nichts mehr zu sehen.
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