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Das Kunst-Revival des Ostens

Lang war eine differenzierte Betrachtung von Kunst aus Osteuropa und der DDR ­Sache von Expert:innen. Jetzt hat die Methode Konjunktur – aus mehreren Gründen
Text: Claudia Wahjudi
Veröffentlicht am: 02.09.2026
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„Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley“ in der Galerie im Turm: Barbara Klemm, Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Heiner Müller, Ost-Berlin, 4. November 1989, 1989. Foto: ifa Kunstsammlung 

Nach Jahren der Wanderschaft macht die Prater Galerie wieder auf: im lang und nun frisch sanierten Gebäude am Berliner Prater in der Kastanienallee, einen Monat, bevor die Volksbühne die dortige Bühne wieder bespielt. Am 3. September eröffnet Leiterin und Co-Kuratorin Katharina von Hagenow eine Ausstellung, die auch die Geschichte des Ortes würdigt. Schon einmal, als Prenzlauer Berg in einer geteilten Stadt lag, war am Prater Kunst zu sehen. In Ladenräumen auf der Straßenseite gegenüber stellten Künstler:innen aus den umliegenden Vierteln aus, auch wurden Arbeiten aus dem sozialistischen Ausland gezeigt. Immer wieder beteiligt war das Zentrum für Kunstausstellungen der DDR (ZfK), eine Institution, die sich unter anderem um internationalen Kulturaustausch kümmern sollte.

Und weil das so war, kooperiert die heutige Prater Galerie mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), das nach der deutschen Vereinigung große Teile des grafischen Bestands vom ZfK übernahm. Die Ausstellung „Courage. Schwestern im Geiste“ zeigt unter anderem Exponate, die aus der Sammlung des ZfK kommen oder anders mit der alten Galerie im Prater verbunden sind. Mit zwei kritischen Twists: Es sind ausschließlich Arbeiten von Künstlerinnen wie Eva Vent und Gundula Schulze-Eldowy zu sehen. Und sie finden sich in einer ungewöhnlichen Kombination, die die Schau in der krisenreichen Gegenwart verankern soll.

Neue Perspektiven auf Kunst aus sozialistischer Zeit

„Courage“ ist eine von mehreren Ausstellungen, die neue Perspektiven auf Kunst aus sozialistischer Zeit ermöglichen sollen. Auch die Galerie im Turm kooperiert mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in dessen sechsteiliger Ausstellungsreihe „Publik Machen“ über das Zentrum für Kunstausstellungen der DDR (siehe tip 7/2026). Im Turm kommen Arbeiten von Annemirl Bauer (1939–1989) und Bärbel Bohley (1945–2010) zusammen und erinnern daran, dass die Bürgerrechtlerin Bohley vor ihrer politischen Laufbahn Malerin war. Der Künstlerin Bauer, die sich für Bohley einsetzte, als diese in Haft war, widmet wiederum Das Minsk in Potsdam eine Retrospektive. Die Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank schließlich präsentiert in „Vietnam. Kunst. DDR. Reclaiming Solidarity“ historische und zeitgenössische Arbeiten, die ein Licht auf Beziehungen zwischen Vietnam und DDR, auf Kultur und Vertragsarbeit werfen sollen.

Mit dieser Fülle setzt sich ein Trend fort: die Neubetrachtung von Kunst aus und zur DDR. Ein aufgelöster Staat kommt zur Wiedervorlage. Die weithin sichtbare Spitze dieses Trends bilden die Verleihung des renommierten Goslarer Kaiserrings an Gabriele Stötzer im Oktober und der Deutsche Pavillon der Venedig-Biennale 2026, in dem Arbeiten von Henrike Naumann und Sung Tieu Langzeitfolgen der DDR und der deutschen Vereinigung thematisieren.

Doch warum gerade jetzt? Hört man sich unter Berliner Kurator:innen um, lautet eine häufige Antwort „Generationswechsel“. Viele ältere Direktor:innen und Kommentator:innen, die strikt zwischen Staatskunst und Opposition unterschieden, haben sich zurückgezogen, in Museen und Kunsthäusern von Dresden, Leipzig, Berlin und Potsdam haben Jüngere Leitungen übernommen. Künstler:innen wie Sung Tieu und Wilhelm Klotzek, die bei Mauerfall Kinder waren, setzen sich mit DDR-Geschichte nicht in Texten und Reden, sondern im Werk auseinander. Wissenschaftler:innen, etwa von der TU Dresden, haben dazu beigetragen sowie die Journalist:innen Birgit Grimm und Sarah Alberti mit Interviews zur „Kunstszene/Ost“. Nach Jahren der „Entwertung und Diffamierung“, sagt der in Karlsruhe geborene Kunsthistoriker Eckhart Gillen, ermöglichten der „zeitliche Abstand und die Neugier“ der Jüngeren nun einen differenzierten Blick.

Die Alten und die Jungen setzen sich mit dem Osten auseinander

Doch mahnen auch Stimmen, bei der Neubetrachtung des Erbes die SED-Diktatur nicht zu verharmlosen. Warnungen von Gedenkstätten-Leiter:innen sind regelmäßig in Medien zu lesen, auch Ausstellungsmacher:innen sehen diese Gefahr. Bei dem Versuch, wenig bekannte Künstler:innen aus der DDR in den Fokus zu rücken, „werden Kunstwerke aus ehemals staatlichen DDR-Sammlungen und Archiven mit angeblich ,progressiven‘ Konnotationen versehen, was eine Versachlichung der Debatte vorantreiben soll, aber lediglich zu einer nachträglichen Aufwertung der offiziellen DDR-Kulturpolitik führt“, kommentiert der in Leipzig geborene Kurator Christoph Tannert auf Anfrage die Entwicklung. „Dabei gehört scheinbar Geschichtsvergessenheit als Modus der Kanon-Neubestimmung zur Vorgehensweise. Das ist fatal, weil unwissenschaftlich.“

Ein weiterer Grund für das neue Interesse, so ist anderweitig zu hören, könnten die Erfolge der AfD sein. Sie forderten dazu auf, sich Ostdeutschland genauer zu widmen. Es könnte also Zeit sein, eine Debatte über die Debatte zu führen. „Projektionen auf den Osten“ heißt die Doppelausstellung, die am 9. September im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) und im Schinkel Pavillon eröffnet. Sie soll von ideologischen Zuschreibungen auf den Begriff „Ost“ handeln und von der Erinnerungspolitik in der DDR bis zu „heutigen geopolitischen Spannungen“ führen. Kurz: Der­ ­„Osten“ wird hier größer, dank Arbeiten unter anderem von Pavel Brăila, KwieKulik und Maksym Khodak. Ohne Blick auf die damalige Weltpolitik lassen sich die DDR und die dort entstandene Kunst nicht verstehen. Zumal Neubetrachtungen von Kultur aus der Zeit vor 1990 kein hiesiges Phänomen allein ist. Außerhalb Deutschlands wird besonders das architektonische und gestalterische Erbe der sozialistischen und kommunistischen Zeit neu betrachtet – etwa in Polen, Rumänien und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Apropos Osteuropa. Kulturschaffende und Intellektuelle sind aus Polen, Belarus, Russland und der Ukraine vor Repression, Verfolgung oder Krieg nach Berlin geflohen. Sie kamen in eine Stadt, die der Angriff Russlands auf die Ukraine schockartig daran erinnerte, dass sie im ehemaligen geopolitischen Osten liegt. Bis dato pflegten jedoch nur wenige Institutionen wie der Kunstverein Ost (KVOST) stetig Beziehungen nach Osteuropa.

Inzwischen gestalten zahlreiche Emigrant:innen das hiesige Kulturleben mit. Wie Lena Prents aus Belarus, heute Leiterin des Goethe-Instituts in Ljubljana, die von 2020 bis 2025 die Prater Galerie leitete. Gemeinsam mit Katharina von Hagenow, der neuen Galerieleiterin, und Susanne Weiß für das ifa hat sie die Ausstellung „Courage“ im Prater geplant. Sie kombinieren die Arbeiten der Künstler:innen, die schon in der DDR wirkten, mit Beiträgen von Künstlerinnen, die unter anderem in Belarus und der Ukraine geboren wurden. Von Verharmlosung wird in der Prater Galerie nicht die Rede sein: Hier geht es darum, historische und aktuelle Erfahrungen, die Künstlerinnen unter autoritären Regimes und in der Opposition machten, miteinander abzugleichen.

Galerie im Prater Kastanienallee 7–9, Prenzlauer Berg, Mi–Mo 12–20 Uhr, Fr 4.9.26–So 3.1.27,
Eröffnung: Do 3.9., 18 Uhr

Galerie im Turm  Frankfurter Tor, Friedrichshain, Mo–Fr 12–18, Sa/So 14–19 Uhr, Do 24.9.–So 8.11., Eröffnung: Mi 23.9., 18 Uhr

Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank Kaiserdamm 105, Charlottenburg, 5/3 €, Di–So 10–18 Uhr, bis 18 J. frei, Do 10.9.–So 6.12., Eröffnung: Mi 9.9., 10–17 Uhr

n.b.k. Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Do 10.9.–So 8.11.,
Eröffnung: Mi 9.9., 18 Uhr

Schinkel Pavillon „Projektionen auf den Osten“ Oberwallstr. 32, Mitte, regulär, Do/ Fr 14–19, Sa/So 11–19 Uhr, BAW: Do–So 14–19 Uhr, 6/4 €, Do 10.9.–So 8.11., Eröffnung: Mi 9.9. 18 Uhr

Das Minsk Max-Planck-Str. 17 (Nähe Hauptbhf.), Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, 10/8 €, bis 18 J., TLE + letzter So/ Monat frei, Sa 5.9.26–So 7.2.27


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