Jazz-Fusion

Der Architekt der Zwischentöne

Christian Scott aTunde Adjuah ist der Trompeter-Star aus New Orleans. Wie Thundercat am
E-Bass oder Kamasi Washington am Tenorsaxofon steht er für eine Generation junger Jazzer,
die spannend mit dem Hip-Hop flirten

Auf den ersten Blick ist es ein gewagter Spagat, den der Trompeter Christian Scott hinlegt mit seinen drei ­neuen Alben, die er 2017 herausbringt, um das 100-jährige Jubiläum der ersten Jazz-Schallplatte zu würdigen. (Die kam 1917 von der Original Dixieland Jass Band.) Seit zwei Jahren bezeichnet Christian Scott seine Musik als „stretch music“, die Jazz, Hip-Hop und Indie-Rock vereint und das Instrumentarium um verzerrte Gitarren, Drum Machines und Sampling ausdehnt. Aber ungefähr so vielfältig kann man sich auch das musikalische Konglomerat vorstellen, aus welchem um 1900 der Jazz durch die Straßen von New Orleans spülte, der Heimatstadt Scotts.

Der 34-Jährige ist auf dem besten Weg, mit seiner Musik genau dieses Bewusstsein für Vielfalt wieder wachzurufen, das so genannte Jazzkenner jahrzehntelang ignoriert und somit den Begriff von Jazz auf wenige Zutaten eingedampft haben. Allein die Anzahl und Namen der vielen verschiedenen Trommeln, die auf dem Album „Ruler Rebel“, das Ende März erschien, zu hören sind, macht eine Wahnsinnsfreude. Da gibt es westafrikanische Basstrommeln wie Dununba, Sangban und Kenikeni, dazu kommen die Djembe, Bata und Congas unter den Händen von Weedie Braimah, der auch beim Berliner Konzert auf der Bühne stehen wird. Braimah wuchs in Ghana auf und lebt in East St. Louis.
Den Namen aTunde Adjuah nahm Christian Scott 2011 an, als er sich mit den ghanaischen Wurzeln seiner Vorfahren auseinandersetzte. Was selbsternannte Jazzkenner mitunter für einen geschickten Schachzug halten, dass Scott nämlich seine Verwurzelung in der afro-indigenen Kultur der Black Indians in New Orleans offen zur Schau trägt, ist sofort begreiflich und authentisch, wenn man ihn im Konzert einmal von seinem Großvater, Donald Harrison Sr., reden hört – oder die prächtigen Gewänder Harrisons mit Federn und Perlenstickereien im Museum gleichen Namens bestaunt. Es liegt inmitten des 9th Ward, dem Stadtteil, wo Scott aufwuchs. Heute, fast 12 Jahre nach Hurricane Katrina, zeugen dort ­weite überwucherte Brachflächen davon, dass viele Menschen aus New Orleans nicht in ihre Heimatstadt zurückkehren konnten – eine Wunde in der fragilen Gemeinschaft afroamerikanischer kultureller Akteure. Um den Hals, die Handgelenke und am Gürtel trägt Scott goldene Insignien, die auf panafrikanische Praktiken der Indians verweisen, und ein Chief spielt auch Trommeln auf „Ruler Rebel“, sowie auf dem zweiten 2017er Album „Diaspora“, das Ende Juni erscheint.

Scott bezeichnet sich als Klangarchitekt. Seine Trompete spielt er voller Strahlkraft, und seine selbst designten Instrumente Sirenette und Reverse Flugelhorn erweitern seine Bandbreite um zarte und warme Zwischentöne. Er spricht offen über Rassismus, Identitätspolitiken und die Schieflagen des großen Musikbusiness: „Die Art, wie uns Musik öffentlich nahegebracht wird, ist hyper-rassifiziert,“ so Scott. „Wenn ich also unterschiedliche Einflüsse zusammenbringe, sage ich, dass Menschen einfach zusammengehören.“

Seit fast 20 Jahren ist er auf Tour, anfangs war er mit seinem Onkel, dem Big Chief und Jazzsaxofonisten Donald Harrison Jr. unterwegs. Der multitalentierte Pianist Lawrence Fields ist nun in Berlin wieder mit von der Partie – und endlich auch die Flötistin Elena Pinderhughes. Der Bassist Max Moran, ein Cousin des Jazzpianisten Jason Moran, ist mit Traditionen der Black Creoles in Lousiana aufgewachsen und nun zum ersten Mal live zu erleben, ebenso der Schlagzeuger Mike Mitchell, der aus einer texanischen Musikerfamilie stammt, in New Orleans studierte und 2015 sein Debütalbum mit einem Mix aus Bebop, Trap und Metal vorgelegt hat. Scott ist in allen diesen Musiken geerdet – eben weil er nicht bloß geographisch, sondern auch mental aus der Wiege des Jazz kommt.

Silent Green Gerichtstr. 35, Wedding, Mo 10.7., 21.00 Uhr, VVK 26,90 €

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