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Berlin in den 90ern

Der Bildband „Berlin Heartbeats“ blickt auf die wilden 90er-Jahre

Jedes Jahrzehnt bringt seine eigenen Bilder und Erzählungen hervor, in Berlin der 90er-Jahre waren es die Weite und die ungeahnten Möglichkeiten der Nachwendezeit, die die Stadt prägten

„Berlin war leer. Es war keine gefühlte Leere“, schreibt Niklas Maak im Vorwort zu dem kürzlich bei Suhrkamp erschienenem Bildband „Berlin Heartbeats“. Die Leere war real und deshalb kamen alle, „wegen der plötzlichen Offenheit“. Wie ein unbeschriebenes Blatt oder ein Abenteuerspielplatz oder ein kurzer Moment der Anarchie oder alles zusammen genommen, bot Berlin plötzlich Raum für Entfaltung, Raum für Kunst und Partys und Musik, für neue Ästhetiken und Lebensentwürfe. Alte Fabriken und Keller wurden mit Klängen und Bildern erfüllt, ohne viel Geld, dafür mit viel Spontanität entstanden Bars, Ateliers, Clubs, Galerien. Dem Untergang der DDR folgte ein buntes, internationales und hedonistisches Treiben in der einst geteilten Stadt, die ihre Wiedervereinigung feierte und die Wunden der Vergangenheit mit einem rauschenden Fest heilte.

Das ist alles etwa 25 Jahre her, die Erzählungen von den Technoclubs wie Tresor, E-Werk und Bunker, vom Tacheles, den Anfängen der Castorf-Volksbühne und dem Friedrichshainer Häuserkampf in der Mainzer Straße erinnern an ein anderes Berlin. Jedes Jahrzehnt bringt eigene Bilder hervor, in Berlin stehen für die 70er-Jahre David Bowie und Iggy Pop, in den 80ern brannten sich Blixa Bargeld und Nick Cave ins kollektive Gedächtnis, die 90er fokussieren jedoch nicht auf zentrale Heldenfiguren der Musikszene oder Subkultur, sondern eher auf Orte, Momente, Ereignisse.

Die großartigen Aufnahmen von Ben de Biel, Hendrik Rauch, Markus Werner, Rolf Zörner und Philipp von Recklinghausen dokumentieren in klarem Schwarz-Weiß Demos, besetzte Häuser, Konzerte und die vielen Protagonisten jener Ära, manche vergessen, andere heute noch von Bedeutung. Die Texte in dem Band stammen von ihnen, von Künstlern und Aktivisten der 90er, die Berlin zu dem gemacht haben, was es heute ist. Dabei sind unter anderem die Schriftstellerin Judith Hermann, der Kurator Klaus Biesenbach, die Choreografin, Tänzerin und Opernregisseurin Sasha Waltz, die Musiker Robert Lippok und Flake, der Cartoonist OL und der Fotograf und Berghain-Türsteher Sven Marquardt. Sie alle geben in ihren Beiträgen persönlichen Erinnerungen, Eindrücken und Analysen Raum. Aus den unterschiedlichen Eindrücken und Bildern entsteht so das Bild einer Stadt im Wandel und der Geburtsstunde einer neuen Berliner Kultur.

Berlin Heartbeats – Stories from the wild years, 1990–present Hg.: Anke Fesel, Chris Keller, Zweisprachige Ausgabe mit zahlreichen Fotos, Suhrkamp, 256 S., 29,90 €

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