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Der Traum vom Baumhaus

Der Berliner ­Emanuel ­Stahlmann baut ­Baumhäuser, die die ­Phantasie anregen

Baumhausherberge Robins Nest
Foto: Moritz Christoph Ullrich / mcu-foto

Welches Kind träumt nicht von einem Baumhaus? Die Holzkunstwerke aber, die Emanuel Stahlmann (41) baut, verleiten sogar gestandene Männer – und mehr sogar noch Frauen! – zum Träumen.  Wer schon einmal in einem Baumhaus übernachtet hat, weiß, welchen Zauber dieses Gefühl, leicht schwankend zwischen Himmel und Erde zu ruhen, auslösen kann.

Ein Baumhaus ist heute in Deutschland eigentlich nichts Besonderes. Mehr als 20 Baumhaus-Hotels entstanden beispielsweise in den letzten Jahren. Vielfach sind die hohen Bauten allerdings wenig anderes als Holzhütten auf Stelzen, die unter Bäumen gelegen sind und allen Komfort aufweisen, von der Toilette mit Wasserspülung bis zum WLAN.
Die Baumhäuser, die Emanuel Stahlmann seit zehn Jahren baut, sehen dagegen so aus, als hätte der Baum sie selbst gebaut – krumm und schief, mit Strickleiter oder Seilzug, statt mit Treppe oder Leiter. Hat das Baumhaus eine Terrasse, nimmt Stahlmann für das Geländer dicke Äste, die dem ganzen ein unverwechselbar knorriges Aussehen geben. Rechte Winkel, die ja auch in der Natur nicht vorkommen, vermeidet Stahlmann, ganz im Sinne des großen Architekten Antoni Gaudí.
Stahlmann, in Zehlendorf aufgewachsen, kam zufällig zum Baumhausbau. „Ich war zu Besuch bei meinem Bruder in Österreich im Waldviertel, als nach einem Sturm viele Kiefern umgefallen waren“, erzählt er. „Eine große Kiefer stand alleine da, und zufällig lag auf einer Baustelle in der Nähe passendes Baumaterial herum. Also sagten wir uns, komm, lass uns hier ein Baumhaus bauen.“

Dieser Prototyp steht noch heute da, aber Stahlmann „biegen sich die Fußnägel nach oben“, wenn er sieht, wie minimalistisch er damals die Befestigung konstruierte. Immerhin: Das Haus hält bis heute stand und ist für Stahlmann sozusagen ein Lackmustest. Natürlich eignet sich nicht jeder Baum für ein Baumhaus. Wichtiger aber noch: „Der Habitus, also die Art und der Charakter eines Baumes, sollte nicht gestört werden“, sagt Stahlmann. Und meint vor allem die zusätzliche Belastung durch das Gewicht und die Windangriffsfläche, die der Baum aushalten muss.
Ein anderer Blick auf die Welt

Nicht in dem Baum, sondern mit dem Baum plant Stahlmann das Baumhaus. „Wichtig ist mir der andere Blick auf die Natur – und überhaupt die ganze Welt, wenn man ein wenig über dem Boden ist“, philosophiert Stahlmann. Ideal wären ausgewachsene, aber noch nicht zu alte Eichen oder Buchen, aber auch Linden, Weiden, Eschen oder Kastanien sind geeignet. Wenn ein Baum allein zu klein ist, kann die Last des Baumhauses auch auf mehrere Bäume verteilt werden.
Als Baumpfleger weiß Stahlmann genau, wie die Struktur des Baumes beschaffen ist. Er entscheidet, ob die Konstruktion durch Stützen, Klemmen, Hängen oder Schrauben befestigt wird. Sie kann durchaus mehrere Etagen haben, etwa der „Wohnbereich“ unten und die Schlafkoje im „Obergeschoss“.
Eine wichtige Frage ist natürlich die Baugenehmigung. Ein kleines Häuschen für Kinder benötigt keine Baugenehmigung, ein 70 Quadratmeter großes Haus auf Stelzen schon. Alles dazwischen ist rechtlich gesehen eine Grauzone. Auftraggeber von Stahlmann sind Privatiers, Hotels, aber auch Jugendferienlager oder Veranstaltungen, wie die Bundesgartenschau Potsdam. Dort steht auch eines der wenigen öffentlich begehbaren Baumhäuser.

Schon manches Mal hat Stahlmann erlebt, dass Eltern ein Baumhaus für den Nachwuchs bestellten, und am Ende war der Vater der eifrigste Nutzer. In den meisten Fällen wird erst einmal eine gehörige Portion Beratung für den künftigen Baumhausbewohner fällig, „denn die meisten Leute sind zwar begeistert von der Idee, wissen aber nicht wirklich, was sie wollen“, fasst es Stahlmann zusammen.

Stahlmann selbst wohnt übrigens nicht in einem Baumhaus, aber immerhin dem Himmel nahe in einem Penthouse in Neukölln, das er sich selbst ausgebaut hat. Für seinen Sohn im Teenageralter baute Stahlmann ein Baumhaus in vier Metern Höhe, als die Familie noch in einer Berliner Wagenburg wohnte. Das Baumhaus war das Zimmer des Sohnes – und zwar das ganze Jahr über, mit Waschbecken und Ofenheizung. „In der Wagenburg wohnten wir zehn Jahre lang aus freien Stücken – bestimmt nicht deshalb, weil wir uns keine ,normale‘  Wohnung leisten konnten“, sagt Stahlmann.
Zwei oder drei Baumhäuser baut er mit seinem Team im Jahr, denn er hat noch einen Zweitberuf: Industriekletterer. Der Preis des Traums im Baum? Ab 10.000 Euro aufwärts und einem eigenen Garten ist man dabei.

Mehr Informationen unter www.luftschloesser.eu

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