Berliner Autor

Wahnsinnige: Hendrik Otremba

Vielleicht das Buch dieses Frühjahrs: Der Postpunk-Musiker, Künstler und Dozent Hendrik Otremba geht im Debütroman „Über uns der Schaum“ unsere Urängste an

Foto: Harry Schnitger

Ein Detektiv betritt sein Büro. Er will seinen Hut auf den Garderobenständer werfen, zielt daneben und verscheucht eine Spinne, die auf dem Boden sitzt. Hendrik Otremba ist gerade in die Schule gekommen, als er die Geschichte auf drei Blätter Papier schreibt und stolz zusammenheftet.

25 Jahre später sitzt Otremba, mittlerweile Sänger der Postpunk-Gruppe Messer, bildender Künstler, Dozent und Journalist, mit seinem Bandkollegen Philipp Wulf in einem Van und liest ihm einen Satz aus seinem Notizbuch vor: „Als die Wellen in der Atmosphäre verebbt waren, lag der Planet für einen Moment ganz still.“ Ob das ein guter Anfang für ein Buch sei? Wulf bejaht.
Es ist der Startschuss: Mit diesen Worten beginnt Otremba sein Literaturdebüt „Über uns der Schaum“. Eine Detektivgeschichte, ein Thriller Noir, ein lange gewachsenes Projekt.

„Der Wunsch, einen Roman zu schreiben, war immer da“, sagt der heute 32-Jährige in einem Café in Kreuzberg. „Aber mir war klar, dass ich kein Buch im manischen Arbeitsmodus schreiben will.“ Lieber trug er zusammen, mal am Schreibtisch, mal auf Reisen, nutzte Versatzstücke der Texte, die er in den letzten Jahren geschrieben hat. Viele der kurzen Gedichte, die jedes Kapitel einleiten, kennt man vom aktuellen Messer-Album „Jalousie“. Keine Platte zum Roman wollte er aufnehmen, keinen Roman zur Platte schreiben, sondern schlichtweg seine Sprache in verschiedene Formen gießen.

Seine Sprache, die sich nicht einfügen mag in die amtliche Popliteratur, weil sie sich nie dem Zeitgeist andient. Nichts verweist auf Zeit oder Ort der Handlung. Niemand besitzt ein Handy in seinem Roman. Sein Detektiv Joseph Weynberg, drogenabhängig und in Trauer um seine verstorbene Liebe Hedy, erhält den Auftrag, eine Frau zu beschatten: Maude Anandin, eine prototypische Femme Fatale, der Weynberg schließlich selbst verfällt – sie gleicht Hedy wie ein Zwilling. Beide sind Gesetzlose und Grenzgänger, beide müssen fliehen, lügen, sogar töten. Was als klassische Detektivgeschichte beginnt, endet als Hadesfahrt. „Der Detektiv ist eine spannende Figur“, sagt Otremba. „Er steht für die Wahrheit, macht sich aber auch zum Komplizen seines Auftraggebers. Das hat viel mit Menschsein zu tun.“

Und Otrembas Weynberg will Mensch bleiben in einer inhumanen Welt. Die Natur ist zerstört, der Moloch, in dem Weynberg lebt, ein dystopisches „Sin City“ voller Drogenkranker und Betrüger. Skrupellos die einen, von Obsessionen getrieben die anderen. Wahnsinnig sind sie alle.

Vor den Toren der Stadt hausen die Kaputtesten in den „Pestfeldern“. Tiere fliehen, Knochen splittern, saurer Regen fällt. Was macht es mit einem Autor, täglich Urängste zu verhandeln? „Der Abgrund ist eh ständig da“, sagt Otremba. „Ich versuche nur, das Dämonische zu kanalisieren. Schrei­ben ist für mich auch immer ein Umgang mit Unbehagen.“
Weynberg, Maude und Hedy: Für Otremba sind sie nun ein Teil seines Lebens. „Ich hatte immer das Gefühl, ich sitze mit ihnen in einem Boot, muss vorsichtig und respektvoll mit ihnen umgehen“, sagt er. Sie nun gehenzulassen, sei seltsam, aber auch spannend. Nicht ausgeschlossen jedoch, dass sie irgendwann noch einmal auftauchen in seinem Schaffen. „Wer weiß“, sagt Otremba, „vielleicht mache ich ja irgendwann eine Skulptur, die Weynberg heißt.“

Was man sich ausgedacht hat, darüber dürfe man verfügen. Eine eigene Sprache finden und verwalten, jenseits aller Trends: Das ist, so scheint es, Otrembas Langzeitprojekt. Ob als Musiker oder Autor. Vielleicht ist er ein Anti-Popliterat.

Über uns der Schaum von Hendrik Otremba, Verbrecher Verlag, 280 S., 22 €

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