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Zeitstück

Dušan David Pařízek über seinen „Niemand“ am Deutschen Theater

„Die Bestandsaufnahme einer Welt im Umbruch“: Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek über moralische Ausnahmezustände und seine Horváth-Inszenierung Niemand – ein Stück, das erst 2015 wieder auftauchte

Foto: Lukáš Horký

tip Herr Pařízek, Sie inszenieren ein unbekanntes Frühwerk Ödön von Horváths, geschrieben von ihm als 23-Jährigen. Was interessiert Sie an diesem seltsamen Stück „Niemand“?
Dušan David Pařízek Interessiert hat mich der Versuch, verschiedene sozial depravierte Figuren auf engstem Raum, in einem Treppenhaus, zusammenzupferchen und zu beobachten, wer sich wie unter Druck verhält. Das führt zu überaus dramatischen Situationen und Konflikten. Angetrieben von der Überzeugung, dass sich niemand für einen interessiert, will man sich dennoch Gehör verschaffen und geht mit den eigenen Problemen bei den anderen hausieren. Das Ergebnis ist ein Panoptikum sozialer Inkompetenz: Es wird missverstanden, übel nachgeredet, gelogen, angeklagt, es werden Gründe für die eigene Unzulänglichkeit in gesellschaftlichen Verhältnissen gesucht und gefunden. Jeder der porträtierten Niemande scheitert daran, es mit sich selbst auszuhalten – als wolle Horváth formulieren, dass eine politische und ökonomische Krise immer auch Ausdruck eines moralischen Ausnahmezustands sei.

tip Die Figuren in diesem Mietshaus, die Armuts­prostituierten, der geizige Krüppel, der sich unglücklich verliebt, der verarmte Geiger, der kleinkriminelle Zuhälter und Mörder, sind etwas pittoreske Elends­gestalten. Sind das nicht eher Karikaturen als Menschen?
Dušan David Pařízek Ja, aber ist das ein Makel? Der Text wurde nach der Wiener Uraufführung 2016 mit Stücken wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder „Kasimir und Karoline“ verglichen. Das dort vorgestellte Milieu wirkt manchmal auch pittoresk oder holzschnittartig. In der Verdichtung, dem Mit- und Gegeneinander von anfangs gemütlich wirkenden, sich dann aber gegenseitig immer mehr bearbeitenden Misanthropen, steckt doch eine besondere Qualität Horváths, der es immer vermochte, von den kleinen Verbrechen auf die großen zu schließen. Beim Lesen von „Niemand“ fallen einem Analogien zu anderen Werken Horváths ein: In „Glaube Liebe Hoffnung“, „Jugend ohne Gott“, „Ein Kind unserer Zeit“ oder „Der ewige Spießer“ beschäftigt er sich mit vergleichbaren Haltungen oder sozialen Masken – natürlich konzentrierter, unaufwendiger.

tip Die alte Frage: Wie entgeht man dem Sozial­kitsch, wenn man Armutsmilieus an einem gutbürgerlichen Theater vor einem gutbürgerlichen Publikum zeigt?
Dušan David Pařízek Wenn man den Zuschauern die Möglichkeit bietet, an Bilderfindungen von ihrer Entstehung bis zur vermeintlichen Vollendung teilnehmen zu können, überlässt man es ihnen, ihr Wahrnehmungsverhalten angesichts der dargebotenen (Elends-)Thematik und der aufgeworfenen Fragen zu überprüfen. Seit meiner Zeit an der Akademie haben in meinen Inszenierungen Spielerinnen und Spieler auf der Bühne ihren Kollegen zugesehen, haben Situationen, Konflikte oder Emotionen durch ihre Anwesenheit hinterfragt oder durch ihre Aufmerksamkeit mitgetragen. Immer entstand Licht und Ton auf der Bühne, immer verwies das „In-Szene-Setzen“, das „In-Zeit-und-Raum-Stellen“ des Gezeigten den Zuschauer auf seine eigene Anwesenheit und Realität zurück.

tip Horváth scheint in diesem frühen Stück mit Tonfällen und Stilen zu experimentieren, mal steil expressionistisch, mal trocken neu-sachlich. Ist es das Stück eines Anfängers, der noch nach seinen Ausdrucksmitteln sucht?
Dušan David Pařízek Ein junger Autor erfindet sich gerade als Dramatiker. Was er über Theater weiß, setzt er ein, konsequent, maßlos, übergenau. Mit seitenlangen Regieanweisungen setzt er mittellose Musiker, Prostituierte, Kellnerinnen, Zuhälter oder junge Unschuldsengel, die aus einer anderen Welt in die Zeit der Wirtschaftskrise herabzusteigen scheinen, zueinander in Beziehung. Wo ihm später als Regieanweisung ein einziges Wort – „Stille“ – reicht, überlässt er in „Niemand“ nichts dem Zufall. Wer wann warum wohin blickt, dabei etwas denkt oder empfindet oder zumindest danach aussieht – für alles gibt es hier eine Gebrauchsanweisung. Der schematisch auf Tragödienmodus zugerüstete Plot gerät ins Stocken, sobald der geläuterte Wucherer sich mit seinem moralisch verkommenen Alter Ego auseinandersetzen muss – dem deus ex machina auftauchenden Bruder Kaspar. In einem über die Maßen durchkonstruierten Text nach dem Überraschenden zu suchen, halte ich bei „Niemand“ für die eigentliche Aufgabe. Horváths Anliegen, die Bestandsaufnahme einer Welt im Umbruch, ist gerade in solchen Momenten spürbar.

tip
Horvath hat böse Komödien geschrieben, dieses Frühwerk nennt er eine Tragödie. Was macht es zur Tragödie?
Dušan David Pařízek Im Zentrum von „Niemand“ steht der Pfandleiher Fürchtegott Lehmann, der an seiner Selbstüberschätzung zugrunde geht: Er glaubt nicht nur, sämtliche Mieter in seinem Zinshaus „in seine Schuld zwingen“ zu können, er geht auch davon aus, dafür geliebt werden zu müssen, dass seine Welt nicht nur aus regelmäßigem Nehmen, sondern hin und wieder, ganz willkürlich, auch aus Geben besteht. Damit ist das Konfliktpotential groß, denn hinsichtlich sozialer Kompetenz ist der Mann eine einzige Katastrophe. Und wenn man sich die übrigen Niemande vor Augen führt, die bei ihm zur Miete wohnen und als Ehebrecherinnen, Witwen, Sozialfälle, Mörder oder Gefängnisinsassen enden, wird klar, dass es sich sogar um eine Mehrfachpackung „Tragödie“ handelt.

tip Die pathetischen Gott-Sucher- und Gott-Verflucher-Aufwallungen des verkrüppelten Pfandleihers Fürchtegott Lehmann wirken in ihren Überhitzungen unfreiwillig komisch. Wie schaffen Sie es, das ernst zu nehmen?
Dušan David Pařízek Ganz einfach: Als den Pfandleiher und seinem Bruder besetze ich Marcel Kohler und Frank Seppeler und lese mit ihnen „Jugend ohne Gott“. Beides sind sehr ernsthafte Kollegen. Und was Horváth in „Jugend ohne Gott“ schreibt, ist von überragender Ironie und Weitsicht. Wenn man dies auf Fürchtegotts Glaubenskrise anwendet und das Ganze als brüderlichen Disput über Moral und Verbrechen zwischen zwei ungleichen Brüdern liest, dann bemerkt man, dass Horváth sich mit der Suche nach dem Höchsten oder den Gedanken über Gut und Böse auch auf überaus lakonische Weise auseinanderzusetzen wusste.

Deutsches Theater Kammerspiele Eintritt 23 – 30 €

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