Bühne

Edward II.

Ist etwa die eine Stimmlage homosexueller als die andere?! In „Edward II.“, einer neuen Oper über den schwulen englischen König des 14. Jahrhunderts, kommen fast nur Baritöne vor. Klingen die männlicher?! Das ergäbe eine Gelegenheit, mal über die erotische Bedeutung der einzelnen Stimmtypen nachzudenken. Ist es Zufall, dass so viele Countertenöre schwul sind – und Bässe fast nie? Um auf derlei glitschigem Untergrund vollends auszurutschen, müssen wir uns allerdings bis nach der Premiere gedulden. „Edward II.“ ist eine der seltenen Opern-Uraufführungen in Berlin.Den Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini (* 1971) kennt man kaum. Dafür sind Regisseur Christof Loy und der Librettist Thomas Jonigk (zugleich Ehepartner von Loy) desto bekannter. „Ich stelle fest, dass ich das Libretto immer erst nach dem Komponisten überhaupt zu sehen kriege“, so Christof Loy umso verwunderter. Spielt da vielleicht trotzdem ein ganz klein bisschen schwule Kumpanei mit? Naja. Man ist Diva genug, um im
Zweifelsfall auch den Schwierigen spielen zu können. „Ich habe mehr Kontakt zu dem Komponisten gehabt als zu dem Librettisten, mit
dem ich verheiratet bin“, so Loy. Im Stück (auf der Grundlage der Elisabethanischen Tragödie von Christopher Marlowe) geht es nicht nur um gleichgeschlechtliche Liebschaften eines sich angreifbar machenden Königs. Sondern um dessen Ehefrau Isabella (Agneta Eichenholz), für welche die Ausschweifungen ihres Mannes zum Quell der eigenen Emanzipation werden. Sie steckt schlussendlich mit den Mördern ihres Gatten unter einer Decke. Das ist ein saftiger, ja reißerischer Stoff, wie er in der zeitgenössischen Oper sonst kaum gesehen ward. „Ich gebe zu“, so Loy, „dass Oper für mich immer mit Psychologie zu tun haben muss. Anders kann ich nicht.“ Entsprechend wird von Scartazzini sehr
kantabel, gut singbar komponiert. Das tonal Verständliche von gestern ist das Ultra-Angesagte von heute! Wie modern ist das denn? „Ich würde sagen, wir wissen es noch nicht“, antwortet lakonisch Dirigent Thomas Søndergård. In der Titelrolle ist der als Wagner-Bariton zu Bayreuth-Ehren gekommene Michael Nagy zu erleben. Sein Liebhaber ist der tschechische Tenor Ladislav Elgr.

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Die lustigen Chargen werden von Markus Brück und Gideon Poppe übernommen. Super Sänger! Regisseur Christof Loy wiederum gehört seit etlichen Jahren zu den fünf, sechs wichtigsten und besten Opernregisseuren der Gegenwart. In Berlin waren von ihm lediglich die (sehr schöne) „Jenůfa“ von Leoš Janáček und
der (herzlich misslungene) „Falstaff“ von Verdi zu sehen. (Letzterer im Altenheim der Mailänder „Casa Verdi“ spielend; eine Idee, über deren Abgedroschenheit man den Regisseur zu informieren versäumt hatte.) Da „Edward II.“ für Loy immerhin so etwas darstellt wie die „grand opéra des 21. Jahrhunderts“, steigen die Erwartungen hoch. Und
zwar umso höher, als das Werk – modernen Service-Missverständnissen folgend – „sehr viel kürzer“ ist als ein echter Opernschinken.
Diese große Oper dauert: nur 90 Minuten.

 

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