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Legende

F.W. Bernstein – Ach, ein Schnitzel!

Sein Rezept: nach allen Regeln der Kunst das Niveau senken. F.W. Bernstein, Legende der Neuen Frankfurter Schule und im Brotberuf UdK-Professor, ist mit „Frischen ­Gedichten“ zurück. Was für ein Glück

Foto: Verlag Antje Kunstmann

Dein Urteil sei die Pforte meines Ruhms, / mein Niedergang, mein Absturz, mein Triumph“, schmeißt sich F W. Bernstein dem potentiellen Kritiker seines neuen Buches an den Hals. „Leg an dein Maß, und lass die Welt es wissen / ob dieses Zeug saugut, ob es beschissen.“ Na, was wohl?

Da ist er wieder, dieser hinreißende Bernstein-Sound, der die Neue Frankfurter Schule maßgeblich mitgeprägt hat. Während er jahrzehntelang im bürgerlichen Leben als Kunstlehrer und schließlich HdK-Prof Fritz Weigle kein Wässerchen trüben konnte, hat er mit seiner flamboyanten Alias-Existenz F. W. Bernstein zusammen mit Gernhardt, Waechter, Traxler, Henscheid und den anderen in ein paar Jahren und quasi im Vorbeigehen die komische deutsche Literatur revolutioniert. Sein Rezept: nach allen Regeln der Kunst das Niveau senken. „Kafka liebt die Sprache und / hat dazu auch allen Grund“ – so geht „Dichterliebe“, eins seiner berühmten Kurzpoeme.

Vor allem Bernsteins Lyrik hat längst Klassikerstatus, Reclams gelbe Reihe und alle wichtigen Anthologien schmücken sich mit ihr. Und Robert Gernhardt hat sich immer ein wenig gegrämt darüber, dass nicht ihm, sondern seinem Freund und Kollegen das berühmte zweizeilige Elch-Gedicht eingefallen ist, das die ästhetische Methode der lustigen Frankfurter Truppe wie auch immer aphoristisch auf den Punkt bringt. „Frische Gedichte“ ist nun sein erster reiner Lyrikband seit immerhin zehn Jahren. Und wer ihn aufschlägt, weiß sofort, was er die ganze Zeit vermisst hat. „Ihr sucht / Verse von schnatternder Wucht? / Ihr findet sie hier: / Alle von mir!“

Es geht ihm einmal mehr darum, den Versen ihren Tiefsinn auszutreiben. „Weg mit dem Bedeutungsschmutz! / Ich zähl die Wörterchen und putz / die Lichter des Gedichts. / Sonst wird das nichts“, heißt es an einer Stelle. Allein der „Reim kann bleim“, weil man mit ihm, jedenfalls wenn man ihn so anmutig zu handhaben versteht wie Bernstein, sogar die schwerfällige deutsche Sprache abheben lassen kann. Auch wenn sie von den allerprofansten Dingen berichtet. „Rilke erfindet das Dinggedicht. / Einige Dinge dichtet er nicht. / Die Wurzelbürste ist so eine: / In Rilkes Werken findest du keine. / Keiner von all den Dichterfürsten / kümmerte sich um Wurzelbürsten. / Vom Büstenhalter gilt das auch: / Poeten stehen auf dem Schlauch. / Keinem wollt’ es bislang gelingen, / schön von diesen Dingen zu singen.“ Keinem, abgesehen von F. W. Bernstein. Der Text ist gewissermaßen die Probe aufs Exempel. Und man darf schon mal gespannt sein, denn „als Nächste kommen dran: / Hosenträger und Wasserhahn“.
Es gibt einige Dichter-Parodien in diesem Buch, aber man hat nie das Gefühl, dass er die Parodierten verlachen wollte. Im Gegenteil, es sind Huldigungen, Versuche, den altbekannten Sound noch einmal aufleben zu lassen und seine Brauchbarkeit auch für weniger feine Dingen unter Beweis zu stellen: „Die Theorie der Badematte, / Börsensturz, die Morgenlatte“ usw. Die Thema liegen gewissermaßen auf der Straße. „Ein bucklicht’ Keuchen über den Pedalen, / so strampeln sie gradaus und starren Blicks; / ihr Hinterteil freut sich an Sattelqualen. / Humanität und Geist gilt diesen Ärschen nix.“

Und so steckt dann eben doch tief drin in diesen Gedichten etwas sehr Gewichtiges. Indem sie nämlich dem windigen Kunstgetue und Geniegeblähe die Luft rauslassen und noch dazu alle ehrwürdigen Institutionen auf Höhe der Grasnarbe hinunterziehen, leisten sie die beste Ideologiekritik, die man sich vorstellen kann. Weil sie auf solche Wortwichtigheimer ohne weiteres verzichten können, sondern immer schön bei den Dingen bleiben. „Mein Problem ist ein massives, / schweres, großes, heißes, tiefes. / Kein Problem? Was ist es dann? / Ach, ein Schnitzel? Mannomann!“.

Frische Gedichte. von F. W. Bernstein, Antje Kunstmann,  208 S., 18. €

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