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Gallery Weekend 2016

Gallery Weekend 2016
Spitzenkunst wird zu sehen sein, wenn das 12. Berliner Gallery Weekend (GW) am 29. April eröffnet. Das Spekt­rum der Kunst reicht von Werken der Expressionismus-­Pionierin Paula Modersohn-Becker über Fotos des polnischen Duos KwieKulik, das zu Ostblockzeiten in Küche und Kaufhalle Kunst machte, bis zu einem Film des Berliner Künstlers Hiwa K über seine Teilnahme an Protesten im kurdisch geprägten Norden Iraks. Das sind 100 Jahre Kunst, aus Ost, West, Nord und Süd, auf Leinwand, Papier oder Film, an drei Tagen in 54 beteiligten Galerien (und vielen weiteren Ausstellungsräumen). Und für Laien genauso wie für Experten. Neben Publikum aus Berlin erwarten die Veranstalter 1.200 geladene Sammler und Fachleute aus dem In- und Ausland. „Anders als auf Kunstmessen lernen uns die Besucher beim Gallery Weekend direkt in unserem Umfeld kennen, das ist unbezahlbar“, sagt die teilnehmende Galeristin Barbara Wien, die kleine Plastiken des amerikanischen Künstlers Michael Rakowitz zu Kulturgutverlust im Irak zeigt. Große Themen, herausragende Qualität. Alles bestens also? Nicht ganz.
Derzeit herrscht Sorge in vielen Galerien und bei ihren Verbänden, scheint doch das Wachstum des Weltmarkts für Kunst seinen Zenit überschritten zu haben. Laut dem neuen „Art Market Report“ der niederländischen Kunstmesse Tefaf ist der Umsatz 2015 um sieben Prozent gegenüber 2014 gesunken. Auch das Auktionshaus Christie’s meldet ein Ende der Expansion. Als ein Grund dafür gilt das niedrigere  Wirtschaftswachstum in China und vielen Schwellenländern. Und wie sich die  – auch infolge der „Panama Papers“ – verschärfte Steuerfahndung auswirkt, ist noch gar nicht einzuschätzen. Die Schweizer Polizei jedenfalls hat die dortigen  Zollfrei­lager, in denen sich Kunst türmt, schon länger genau im Blick.
Allerdings muss sich die globale Eintrübung nicht zwangsläufig  in den Bilanzen hiesiger Galeristen spiegeln. Lediglich 20 Galerien erwirtschaften laut einer neuen Studie der Investitionsbank Berlin die Hälfte des örtlichen Umsatzes mit Kunst, die zweite Hälfte erwirtschaften rund 400 Galerien. Wenig mehr als jene 20 Umsatzstarken dürften es sein, die überhaupt international mitspielen. Dennoch wirkt das professionelle Rahmenprogramm des GW wie Medizin gegen jedwede schlechte  Stimmung, etwa KwieKuliks Filme im FSK-Kino, die geballte Schau der Kinoreihe „Videoart at Midnight“ im Museum Berlinische Galerie und das Gespräch mit der Malerin Leiko Ikemura im Schaulager von Michael Haas. Was den Galerien jedoch vor allem zu schaffen macht, sind deutsche Besonderheiten.
Ganz vorn rangiert hier die von der EU verordnete Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auf Kunst von bisher ermäßigten deutschen sieben Prozent auf 19 Prozent.  Mit Rücksicht auf Kunden, die nicht zwölf Prozent mehr zahlen wollen, müsse der Galerist nun oft selbst für die Differenz aufkommen, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Galerien, Kristian Jarmuschek aus Berlin. Verunsichert seien Käufer auch von dem Streit um das geplante Gesetz zum Kulturgutschutz, das die Ausfuhr „national wertvoller“ Stücke regeln soll. Hinzu kommen die neu entfachte Konkurrenz zur wiedererstarkten Messe „Art Cologne“ im April und die steigenden Berliner Mieten. „Die Leichtigkeit, mit der man vor rund zehn Jahren eine Galerie eröffnet hat, die ist nicht mehr gegeben“, sagt Jarmuschek. „Auch das Ideal, sich allein für junge Künstler einzusetzen und trotzdem wirtschaftlich erfolgreich zu sein, gibt es so nicht mehr.“ Diese Tendenz spiegelt sich auf dem Gallery Weekend: Zwischen das Gros der zeitgenössischen Kunst haben sich über die Jahre Werke aus der abgesicherten Nachkriegs- und Spätmoderne gemischt, aktuell etwa von Ernst Wilhelm Nay bei Aurel Scheibler.
Nicht zuletzt merken vor allem mittelständische ­Galeristen einen Trend, den jüngst sogar die OECD monierte: In Deutschland sind seit der Finanzkrise nur die Einkommen der Bestverdiener nennenswert gewachsen. Die Mittelschicht dagegen muss ihr Geld zusammenhalten. Um sie als Kunden zurückzugewinnen, setzen Galeristen auf preiswertere Gattungen wie Zeichnungen, Drucke, Fotos und Collagen, etwa von dem Illustrator Tomi Ungerer bei Michael Fuchs. Doch bei allen Risiken für ihre Branche sieht die Galeristin Monika Branicka auch Chancen: „Ich erwarte, dass sich der Markt normalisiert – und man wieder statt über Preise über Kunst spricht“. Dazu ist nun in der ganzen Stadt Gelegenheit.

Text: Claudia Wahjudi

Foto: Gallery Weekend

Gallery?Weekend Öffnungszeiten 29.4.-1.5., Fr 29.4. 18–21 Uhr, Sa 30.4. + So 1.5.?11–19 Uhr, Eintritt in den Galerien frei

Alle Adressen finden Sie auf go.berlin

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