• Allgemein
  • Gespräch mit dem Concierge im noblen Sofitel

Tischgespräch

Gespräch mit dem Concierge im noblen Sofitel

Schlüsselfigur: Wenn das Staatsballett im Berghain auftritt, kann Martin Ruschitzka garantiert noch Karten besorgen. Das ist eine Kernkompetenz seines Berufs: Ruschitzka ist Concierge im noblen Sofitel am Kurfürstendamm. Ein Gespräch über die Stadt, ihre Gäste und über falsch verstandene Lässigkeit

Concierge Martin Ruschitzka
Foto: Jarek Raczek

Martin Ruschitzka ist bereits seit elf Jahren Concierge im Sofitel, vormals Concorde Hotel, in der Augsburger Straße am Kurfürstendamm. Nach einer klassischen Ausbildung im Hotelfach hatten ihm die Kollegen diesen Job zugetraut, noch bevor er sich selbst dazu bereit gefühlt hatte. Schließlich brauche ein Concierge vor allem diese Schlüsselkompetenzen: Erfahrung und Menschenkenntnis. Dazu noch eine wissende Verschwiegenheit, perfekte Umgangsformen und eine gewisse Contenance. Ruschitzka ist Mitglied der Les Clefs D’Or, der deutschen und darüber hinaus weltweiten Vereinigung der Concierges, zu erkennen an den gekreuzten Schlüsseln am Revers. Der Verband ist ein leises Netzwerk und gewiss auch eine glamouröse Kontaktbörse. Und kinotauglich, man erinnere sich an die legendäre Concierge-Telefonkette in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“. Der gegenwärtigen Inflation des Begriffs Concierge steht er skeptisch gegenüber. Immobilien oder Autos – sobald es hochpreisig wird, werden solvente Kunden gerne mit einem Conciergeservice geködert: „Und wenn dann der Fahrer eines BMW diesen Dienst anruft, leitet der die Frage prompt an uns weiter – und tut dann so, als sei er ein Concierge-Kollege.“ Aber Martin Ruschitzka erkennt seine Kollegen – nicht nur an den goldenen Schlüsseln, sondern meistens eben auch am Telefon.

tip Herr Ruschitzka, als Concierge in einem Fünfsternehaus sind sie buchstäblich die Schlüsselfigur zwischen Berlin und seinen Gästen. Wie ist die touristische Lage?
Martin Ruschitzka Erstaunlich ist es schon, wie schnell Berlin in den Fokus  des Welttourismus geraten ist. Jetzt kommen sie also alle und suchen nach dem Image, das sich Berlin ja selbst gegeben hat: arm, aber sexy.Durch Easyjet und Ryan Air haben wir ein Publikum nach Berlin geholt, mit dem man jetzt leben muss. Kurz: Am Wochenende ist es voll in der Stadt.

tip Sie sprechen vom Easyjet-Set. Aber schickt sich der Restaurantbesuch nicht an, dem Clubbesuch Konkurrenz zu machen?
Martin Ruschitzka Das Essen ist im touristischen Gesamt­paket tatsächlich wichtiger geworden. Und: Der Gast von heute ist viel besser informiert. Mindestens glaubt er das von sich,  auch wenn er in vielen Fällen nur mit der tiefgrünen Tripadvisor-Seite auf seinem Smartphone zu uns kommt und eine Reservierung verlangt.

tip Der Gast meint die Stadt bereits zu kennen?
Martin Ruschitzka Und er ist zunehmend bereit, Wege auf sich zu nehmen. Bis vor Kurzem hieß es noch: „Within walking distance.“ Heute fährt der Gast zum Dinner ganz selbstverständlich nach Neukölln oder Kreuzberg.

tip Stimmt denn das Klischee, dass der Concierge auch im ausgebuchten Szenerestaurant immer noch einen Tisch bekommt?
Martin Ruschitzka Bei den etablierten Restaurants, die selbst auch ein Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit haben: ja. Das ist ja auch ein Teil meiner Arbeit, diese Atmosphäre der Gemeinsamkeit zu pflegen.

tip Gibt es bereits explizite Food-Touristen?
Martin Ruschitzka Ein Pärchen aus der Provinz, nicht vom Land, sondern aus einer mittelgroßen Stadt, wo es schon ein, zwei okaye Restaurants gibt, in denen man quasi angefüttert wurde – ­diese Gäste kommen zum Essen nach Berlin …

tip … und suchen hier? Die Foodszene? Die Weltküche? Die Sterneläden?
Martin Ruschitzka Letztere ganz explizit nicht. Das finde ich schon interessant, zumal in Berlin ja gerade so viele neue Sterne hinzugekommen sind. Was mich hingegen unheimlich freut,  ist, dass sich Restaurants nicht mehr automatisch verändern, sobald sie einen Michelin-Stern haben, weder in ihrer Atmosphäre noch in der Preisgestaltung. Im Richard und im Bandol sur  Mer ist mir das zuletzt sehr positiv aufgefallen.

tip Die Restaurantszene, der Kunstbetrieb, das Nachtleben: Wie organisieren Sie das ­coole Wissen, dass Ihren Beruf ausmacht?
Martin Ruschitzka Man muss viel, sehr viel unterwegs sein. Und ich schaffe das wirklich nur, weil ich nicht das klassische Familienmodell lebe und meine Freizeit immer irgendwie auch Arbeit ist. Man geht privat auf Entdeckungstour, man geht mit Freunden aus, immer guckt der berufliche Blick mit. Aber das mache ich gerne, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

tip Sie kuratieren quasi die Stadt?
Martin Ruschitzka Kuratieren kann man das vielleicht nennen. Aber viel öfter ist es ein Koordinieren, ein Wegstreichen. Der Gast kommt mit einer viel zu voll gepackten Liste und man findet im gemeinsam Gespräch heraus, was ihm wirklich wichtig ist und sortiert seinen Tag.

tip Berlin ist jünger und internationaler geworden in den vergangenen Jahren. Verändert das den Blick der Touristen auf die Stadt?
Martin Ruschitzka Durchaus. Ich höre jetzt öfter diese Beschwerde: Warum haben sie uns da hingeschickt? Da waren ja nur Ausländer und keine Berliner. Na doch, erkläre ich dann, das sind schon auch Berliner. Aber man muss wirklich tief in die Geschichte dieser Stadt hinabsteigen, um diese flüchtige Identität Berlins zu verstehen.  Außerdem gibt es in Berlin ja längst keine Ecken mehr, an denen keine Touristen sind. Und wenn, dann will man da garantiert nicht hin.

tip Was wäre denn dieses authentische Berlin, das gerade amerikanische Gäste suchen?
Martin Ruschitzka Caberet, also das Musical, vermittelt dieses Bild ganz gut. Dieses frivole, bohemistische Zwanzigerjahre-Gefühl, das wollen die Gäste erleben. Lustigerweise  folgt dann immer die Frage nach dem KitKatClub. Irgendwie hält sich standhaft das Gerücht, dass da Sally Bowles noch immer auf den Tischen tanzt.

tip Schicken Sie ihre Gäste auch in Westberliner Institutionen wie die Dicke Wirtin?
Martin Ruschitzka Da brauche ich dank Tripadvisor niemanden mehr hinzuschicken. Genauso das Mariellchen – ausgebucht, jeden Tag. Aber dieses Zille-Berlin, gut gemacht umgesetzt, das ist tatsächlich etwas, dass der Stadt fehlt. Und die Kombination von Kulinarik und Live-Musik, Chansons, Berliner Luft, solche Sachen.

tip Verraten sie uns Ihre Lieblingslokale?
Martin Ruschitzka Ich gehe oft und gerne ins Borchardt, weil es mich an Paris erinnert oder an London. Große Räume, eine verlässliche Küche, nicht billig aber auch nicht exorbitant teuer, das ist absolut ehrlich, was auf dem Teller passiert. Und: Der Service ist perfekt. Berlin hat ja noch immer ein Serviceproblem – gerade in vielen dieser hippen,  jungen Lokale. Unter den aktuellen Neueröffnungen hat mich das Panama beeindruckt. Das ist ein großstädtisches Restaurant mit Esprit, toll inszenierten Räumen, und die Lage in der Potsdamer Straße ist, würde ich sagen, visionär.

tip Wie beurteilen Sie generell die kulinarische Aufbruchstimmung der Stadt?
Martin Ruschitzka Vieles ist spannend, einiges ist sehr gut gemacht. Ein Problem ist oft die übertriebene  Inszenierung, spätestens, wenn sie beim Gast als großer Bluff ankommt. Ein weiteres Problem ist eine falsch verstandene Lässigkeit: Du willst kein hochwertiges Essen, wenn Du dabei auf Paletten sitzen sollst.

 

Mehr über Cookies erfahren