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Gespräch mit Sasha Waltz über die Tanzszene, Flüchtlinge, Clubkultur und ihr neues Stück: „Exodos“

„Jeder identifiziert sich mit seinen eigenen Flucht­gedanken“ – Sasha Waltz, Königin der freien Tanzszene und künftige Intendantin des Staatsballetts Berlin, feiert das Jubiläum ihrer Kompanie mit einem neuen Stück: „Exodos“ ist vom 23. bis zum 26. August im Radialsystem V zu sehen

Foto: Felix Broede

Sasha Waltz wurde 1963 in Karlsruhe geboren. Mit ihrem Mann Jochen Sandig gründete sie 1993 die Kompanie Sasha Waltz & Guests und 1996 das freie Produktionshaus Sophiensæle. Für ihre Arbeit erhielt sie 2011 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Neben der künstlerischen Leitung ihrer Kompanie übernimmt sie mit Johannes Öhman ab 2019 die Leitung des Staatsballetts Berlin.

tip Sasha Waltz, ausgerechnet zum 25-jährigen Jubiläum der Tanzkompanie Sasha Waltz & Guests in Berlin entsteht nun ein Tanzstück namens „Exodos“. Auf deutsch heißt der Titel: Fortgehen. Wollen Sie weg?
Sasha Waltz Der griechische Begriff „Exodos“ bedeutet „Ausweg“, wobei man sicher auch an die Bibel denken darf, an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, an die lange Flucht, den Aufbruch. ­Migration ist heute die große Herausforderung. Sie spaltet unsere Gesellschaft, sie lässt neue Grenzen entstehen. 2015 gab es noch einen Ruf nach Menschlichkeit. Drei Jahre später überrollt uns der rechte Flügel. Das finde ich beängstigend.

tip Weil manche die Angstkarte ziehen?
Sasha Waltz Ja, aber warum? Sieht man denn nicht, wie viele Migranten sich erfolgreich ­integrieren? Alle wissen es, auch die Wirtschaftsexperten, dass wir dringend Zuwanderung brauchen. Dagegen schottet sich Europa nun ab. Warum wird aus politischem Kalkül eine vernünftige Haltung zur Einwanderung verraten? Warum werden wieder Lager errichtet, sogenannte Transitzentren an den sogenannten Außengrenzen? Dabei ist das nur der Anfang. Mit dem Klimawandel werden noch ganz andere Migrantenströme auf uns zukommen.

tip Bei „Exodos“ strömt auch das Publikum, nicht nur ins Radialsystem. Es wird dort nirgendwo sitzen können, das Publikum wird nicht sesshaft ­gemacht, sondern es wandert mit. ­Warum?
Sasha Waltz In Griechenland sieht man das Wort ­„Exodos“ an jeder Metrostation, es meint „Ausgang“, aber es bedeutet auch „Ausgehen“, aus sich herausgehen, sich in eine andere Welt begeben, ins Clubleben, um in die Masse einzutauchen, ähnlich wie bei der Love Parade. Ich will beide ­Motive verbinden: das exzessive „Escape“-Gefühl der Clubkultur und die Flucht über die Grenzen hinweg. Es geht mir weniger um Grenzen, als um die Auflösung von Grenzen. Dieser Kontrast interessiert mich, weil sich beides als Strömung, als flüssig begreifen lässt, als eine Welle, die ja auch sonst als „Flüchtlingswelle“ beschrieben wird. In der Bibel ist es das Meer, das sich teilt und die Feinde tötet. Das Meer ist heute wieder der Ort des Todes.

tip Was hat das mit Clubkultur zu tun?
Sasha Waltz Ich denke an die Ereignisse 2010 in Duisburg, die Love Parade. Wie reagiert die Masse in Panik? Diejenigen, die zur ­Katastrophe in Duisburg geforscht ­haben, vergleichen das Verhalten der Masse ebenfalls mit Flüssigkeiten. Um einen Engpass zu bewältigen, verlangsamt sich die Strömung und baut einen Druck auf, weil der Durchfluss nicht groß genug ist. Das entspricht dem Druck, der auch vor unseren europäischen Grenzen bei all denjenigen erzeugt wird, die sich auf Grund ihrer Flucht in Panik befinden.

tip Wie wird das konkret auf der Bühne aussehen?
Sasha Waltz In „Exodos“ gibt es eine Sequenz, in der die Masse wirklich flüssig wirkt. In der riesigen Jahrhunderthalle in Bochum wird das während der Ruhrtriennale im September mit 500 oder 600 Zuschauern sicherlich etwas anders aussehen als hier in Berlin Ende August im Radialsystem, wo nur 350 Zuschauer reinpassen. Das Publikum bewegt sich mit den Tanzenden in der Musik des Soundwalk Collective. Ab einem bestimmten Moment wird das Publikum von Tänzern abgedrängt, die immer mehr Raum suchen. Dieser Fülle stelle ich nun eine Leere gegenüber: Auf der einen Seite die Masse, die sich bedrängt. Auf der anderen Seite frage ich mich: In was für einem Raum kann die Utopie wohnen? Wohin wollen wir denn selber? Was bewegt uns zu welchen ­Zielen? Für die Geflüchteten aus Syrien sind es die europäischen Städte. Aber was sind unsere Visionen? Oder gibt es dafür gar keinen Raum mehr?

tip Vielleicht das Kreuzfahrtschiff. Wir sind in Sicherheit und fahren trotzdem um die Welt.
Sasha Waltz Solange wir uns als Individuen fühlen, geht das. Aber sobald wir zur Gruppe werden, suchen wir neue Räume oder wir wollen sie verteidigen. Dazu muss sich überhaupt erst eine Gruppe formieren, wie die Rechten das gerade erreichen wollen. Die übrige Gesellschaft setzt ­alles daran, dass auch die Flüchtlinge keine homogene Gruppe bilden. Das kann man so direkt in „Exodos“ natürlich nicht ­zeigen. Darum will ich auch kein so visu­elles Stück machen, wie es meine Choreografie „Kreatur“ im letzten Jahr war, sondern ein energiegeladenes Stück. Es wird bunter sein, die Räume werden sich ständig verwandeln, immer aus den ­jeweilig neuen Konstellationen, Situationen und den Formationen der Tänzer heraus.

tip Materielle Räume sollen zu Räumen aus Klang und Licht werden, heißt es in der Ankündigung. Steckt dahinter eine besondere Utopie?
Sasha Waltz Ich dachte anfangs an zwei Räume, die sich gegenüberstehen. Einen Raum als Ist-Zustand, den man verlassen möchte, eine innere Hölle, der man entfliehen will. Denn es sind eben nicht immer nur politische Gründe, die zur Flucht führen. Die wären für die Tänzer auch kaum erfassbar. Jeder identifiziert sich weit eher mit den eigenen Fluchtgedanken. Ein Tänzer aus Mexiko hat ganz andere Grenz­erfahrungen gemacht als ein Tänzer oder eine Tänzerin aus Europa. Aber wir brauchen wieder einen Raum für Visionen, den wir geistig mit uns führen, einen offenen Raum.

tip Den man nicht zeigen kann.
Sasha Waltz Den man in der religiösen Malerei gezeigt hat. Ich denke an Darstellungen von ­anderen Welten, an das Paradies als einen utopischen Ort. Das ist kein idealer Ort, wenn man an die merkwürdig fremden Wesen bei Hieronymus Bosch denkt, oder bei Breughel, das sind verrückte Räume. Bei uns werden daraus nun eher Klangräume, Lichträume, die im Kontrast zur Architektur stehen.

tip Woher Ihr Engagement für Flücht­linge?
Sasha Waltz Ich habe 2015 mit Sasha Waltz & Guests im Radialsystem ein Format, ein Festival namens „Zuhören“ entwickelt. Es besteht aus Diskussionen, Live-Aufführungen sowie Workshops für Dabke, einem Volkstanz aus Syrien. Ich selbst habe mich damals vor allem für unbegleitete Minderjährige eingesetzt. Medhat Aldaabal, ein syrischer Tänzer, hat mir übersetzt und wollte auch selbst ein Stück inszenieren. Sein Stück „Amal“, zu deutsch: „Hoffnung“, entstand zusammen mit dem Tänzer Davide Camplani, mit vier syrischen Tänzern und einem Kind – und es wurde extrem erfolgreich.

tip Was erreicht man damit?
Sasha Waltz Ich frage mich: Wie können wir als Künstlerinnen und Künstler gesellschaftlich einwirken und mit unser Erfahrung helfen? Wir können Räume anbieten, in ­denen eine andere Form der Begegnung möglich wird. Ich habe die syrische Aktivistin Yasmine Merei in der Villa Aurora in Los Angeles kennengelernt. Ich lud sie nach Berlin ein, zunächst für eine Panel-Diskussion mit Carolin Emcke im Rahmen der „Zuhören“-Reihe hier im Radial­system. „Zuhören“ wendet sich nicht ans typische Kunst-Kultur-Publikum, sondern an die Geflüchteten selbst, für die wir auf Augenhöhe eine Art utopischen Ort im Geist der Gastfreundschaft mit kostenlosem Essen und Trinken anbieten. Hier ist auch ein Projekt entstanden, ­„Women for Common Spaces“, in dem Yasmine Merei gezielt mit Frauen aus der arabischen Community in Schreibworkshops deren Vergangenheit, deren Flucht, deren jetzige Realität reflektieren lässt. Daraus sind zwei Bücher mit bewegenden, auch traurigen, auch sehr starken Texten entstanden, zusammen mit der Allianz Kulturstiftung und der Berlin Mondiale. Mir geht es darum, dass Frauen aktiv am Integrationsprozess teilnehmen können. Und das klappt auch, weil Syrerinnen im Schnitt sehr gut ausgebildet sind.

tip
Zurück zum Tanz. Er steht im Ruf, eher unverständlich zu sein.
Sasha Waltz Warum denn? Im Tanz leben wir eine von allen Grenzen befreite, alle Kulturen zusammen denkende Gemeinschaft. Es gibt keine andere Kunstform, in der es so ein kreatives Miteinander gibt, nicht mal in der Musik, die sich meist von einer Partitur leiten lässt, während im Tanz eine Freiheit existiert, die so viel Potenzial besitzt, unterschiedliche Kulturen ohne ein Regime zusammen zu bringen. Der Tanz enthält die Chance zu einer körperlichen Gemeinschaft, die wir uns in der Politik andauernd versagen. Da zwingen wir Griechenland unsere ­Gesetze auf, wie eine Kolonialmacht, und fragen auch noch, ob Griechenland es überhaupt verdient hat, Hilfe zu erhalten. Im Tanz dagegen lernen wir ständig, ­gerade von den anderen.

tip Aber auch im Tanz gibt es Verdienste. Hat Sasha Waltz es verdient, Intendantin des Staatsballetts geworden zu sein?
Sasha Waltz Ich hätte kein Problem damit, wenn eine andere Choreografin die Verantwortung einer Intendanz auf sich nehmen würde. Ich habe mich nicht darum beworben, sondern wurde gefragt.

tip Und?
Sasha Waltz Ich sehe, dass es eine große Chance für den Tanz ist, eine Brücke zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz zu bauen. Ich sehe mich als Intendantin in einer dienenden Rolle.

tip Aber die Vorstellung, die wir vom ­Ballett haben, und die Beschreibung, wie „Exodos“ aussehen wird, kann verschiedener nicht sein.
Sasha Waltz Ich sehe mich als zeitgenössische Künstlerin. Ich stehe nach wie vor für ein ­anderes Körperbild, für andere Formen als das klassische Ballett. Natürlich hat das klassische Ballett und seine Historie seine Berechtigung, es muss am Leben erhalten werden, möglichst pur und klar, weil auch ein Hieronymus Bosch ­dieselbe Berechtigung hat wie ein zeitgenössischer Künstler. Natürlich stehe ich für die zeitgenössische Choreografie. Zusammen mit Johannes Öhman vertreten wir beide das gesamte Spektrum des Tanzes. Als Choreografin werde ich keine historisierenden Ballette schaffen …

tip … dafür aber das durchaus klassisch grundierte „Roméo et Juliette“ ab dem 6. September an die Deutsche Oper bringen.
Sasha Waltz Das ist meine Version zu Berlioz’ dramatischer Sinfonie, der sie 1839 weit vorausschauend wie eine Collage konzipiert und für großes Orchester, großen Chor und drei Vokalsolisten komponiert hat. Daraus habe ich für das Ballett der Pariser Oper eine Choreografie geschaffen. Jetzt werden erstmals Tänzer des Pariser Balletts gemeinsam mit Tänzern von Sasha ­Waltz & Guests als Ensemble auf der Bühne stehen. Da treffen erstmals zwei unterschiedliche Sprachen, das Ballett und das Zeitgenössische, direkt aufeinander.

tip Ist das der Höhepunkt des Jubiläums „25 Jahre Sasha Waltz & Guests“?
Sasha Waltz Ja, aber es gibt weitere Höhepunkte. Für mich zählt auch das Kinder- und Jugendprogramm dazu. Die Jüngsten sind fünf Jahre alt, die Ältesten 15, 16 Jahre. Auch ­diese Kinder haben mit Geflüchteten zusammengearbeitet, mit iranischen Jugend­lichen. Und es gibt ein Projekt von Davide Camplani, in dem Kinder mit ihren Vätern und Müttern gemeinsam tanzen, damit eingefahrene Eltern-Kind-Beziehungen völlig neue Wendungen nehmen können. Ich gründete die Kindertanzkompanie Berlin, als meine eigenen Kinder klein waren. Nun führen das die Tänzer weiter, die Interesse an der tanzpädagogischen Arbeit haben und eigene Projekte realisieren.

tip Was war vor 25 Jahren?
Sasha Waltz Im September 1993 war Premiere von „Travelogue I – Twenty to eight“. Das Stück wurde im Künstlerhaus Bethanien und in den Hackeschen Höfen entwickelt und kam im Grand Theatre Groningen heraus. In Berlin war es am damaligen Theater am Halleschen Ufer, jetzt HAU2, und im Tacheles zu sehen. Die Kompanie Sasha Waltz & Guests wurde im Januar 1994 gegründet.

tip Wie hat sich die Berliner Tanzszene in dieser Zeit verändert?
Sasha Waltz Sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie erinnert mehr an eine Community, wie es sie seinerzeit in New York gab. Es gibt viele neue Studios in der Stadt und Tänzer aus aller Welt, die für eine gewisse Zeit für bestimmte Projekte hierher kommen und häufig bleiben. Zeitgleich hat sich das Berliner Fördersystem kontinuierlich und erheblich verbessert, was dazu führt, dass die Künstler diese Stadt wirklich zu ­bereichern beginnen. Durch das Zustandekommen der Initiative „Runder Tisch Tanz“ kann es jetzt nur noch weiter aufwärts gehen, weil dieses Gremium der Vielfalt, der Vielheit, dem Vielschichtigen der unterschiedlichen Bedürfnisse der Szene Rechnung tragen will.

tip Das Radialsystem, in dem wir gerade sitzen, gehört nun der Stadt
Sasha Waltz Der Eigentümer hätte dieses Haus gewinnbringend an einen anderen Investor verkauft. Das ist nun abgewendet. Das Radialsystem bleibt dauerhaft ein Ort für Tanz und Musik, ein offenes Haus für die Community. Hier gibt es fast jeden Morgen Training für professionelle Tänzer, Workshops, Showings, hier wird auch gemeinsam Dabke getanzt und es gibt Open Studios für die Tanzszene, nach New Yorker Vorbild, wo ich in den 80er-Jahren gelebt habe, als ein Ort, an dem man sich begegnet, tanzt, improvisiert, wo nichts vorgegeben ist, wo koreanische Trommler, klassische Tänzer, Videokünstler, Zeichner auftauchen und es keine Grenzen gibt, nicht zwischen den Sparten, nicht zwischen Profis und Laien. Es ist ein offener Raum, ein kleiner utopischer Ort.

Exodos im Radialsystem V

Mehr unter www.sashawaltz.de

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